Bankrecht: "Die Nutzer zahlen mit Daten statt mit Geld"

Überweisen via Facebook und Twitter, Rechnungen im Internet ohne Kontodaten zahlen: Der Trend geht ganz klar dorthin. Werden Internetfirmen zur ernsthaften Konkurrenz für die Banken? Und dürfen sie das überhaupt?

Schließen
(c) Bloomberg (Simon Dawson)

Wien. Apple startete kürzlich in den USA seinen Bezahldienst Apple Pay. In Frankreich kann man seit gut einer Woche via Twitter Geld überweisen. Facebook betreibt in den USA und Japan bereits gemeinsam mit Banken Bezahldienste und strebt laut Medienberichten in Irland eine Lizenz für das Zahlungsgeschäft an – von dort aus könnte dann der ganze EU-Raum bedient werden. Google hat schon eine Banklizenz, der chinesische Onlinehändler Alibaba hat sich kürzlich grünes Licht für die Gründung einer eigenen Bank geholt. Und eBay ist mit Tochter PayPal ohnehin längst im Bezahlgeschäft etabliert.

 

Überweisen ohne IBAN

Entwickeln sich die Internetplattformen zur ernsthaften Konkurrenz für die Banken? Zumindest was den Zahlungsverkehr betrifft, erwarten das nicht wenige Fachleute. Überweisen via Social Media wäre zweifellos praktisch – egal, ob man eine Rechnung zahlt oder einem Freund über Facebook rasch 20 Euro überweist, die man sich von ihm geborgt hat. Mit den mobilen Endgeräten schleppe ja auch jetzt schon jeder eine tragbare Bankfiliale mit sich herum, sagt Georg Diwok, Leiter des Wiener Banking- und Finance-Teams von Baker & McKenzie – insofern sei das nichts Neues. Aber ins Onlinebanking muss man eigens einsteigen, wenn man Geld überweisen will – auf Facebook oder Twitter sind viele ohnehin ständig und würden da gern auch gleich Finanzielles erledigen. Noch dazu ohne umständliche Eingabe einer endlosen IBAN und sonstiger Kontodaten. Und von reinen Bezahlfunktionen ist es nur mehr ein kleiner Schritt zu eigenen Girokonten oder Kreditkarten.

Bei den derzeitigen Bezahldiensten mischen zwar meist etablierte Banken mit, die die tatsächliche Dienstleistung erbringen und für den regulatorischen Rahmen sorgen. In der Kundenwahrnehmung könnten sie aber immer mehr in den Hintergrund gedrängt werden, erwartet Lukas Feiler, der das IT- und IP-Team bei Baker & McKenzie leitet. „Die Kunden sehen dann nur das IT-Unternehmen, die Bank verkommt zum Abwickler.“ Den Banken könnte das auf Dauer schaden, weil sie um die Möglichkeit kommen, durch die Zahlungsdienste Kunden an sich zu binden, meint er. Andererseits könnten solche Kooperationen auch zu einem eigenen Geschäftsmodell für Spezialisten werden, nach dem Muster der sogenannten Kreditfabriken, die für andere Banken Kreditabwicklungen übernehmen.

Aber warum drängen die Internetplattformen überhaupt so sehr ins Zahlungsgeschäft? Viel Geld lässt sich damit nicht verdienen, wie ja die Banken nicht müde werden zu beklagen. Und die Web-Plattformen müssten die Konten wohl gratis anbieten, damit sie für die Nutzer attraktiv sind. Die Antwort: Es geht um Umwegrentabilität. Um eben jene Kundenbindung, auf die Banken verzichten, wenn sie im Hintergrund bleiben. Und wohl auch um die Kundendaten – denn diese sind ein wertvolles Gut. „Die Nutzer zahlen für solche Leistungen mit ihren Daten statt mit Geld“, sagt Diwok. Die Bankdienstleistung könnte zum Beispiel zur Basis für personalisierte Werbung werden, sogar ohne rechtlich heikle Datenweitergabe. „Denn die Plattform muss die Nutzerdaten nicht einmal an Adressverlage oder sonstige Interessenten verkaufen, sondern bringt ja zumeist die Werbebotschaften zahlender Kunden selbst unters Volk.“ Und zwar gezielt an jene User, die sie als Zugehörige einer passenden Zielgruppe identifiziert hat. Über deren Kaufverhalten würde sie mit Hilfe der Zahlungsströme noch besser Aufschluss erhalten. Auf diese Weise würden selbst Gratiskonten zum lukrativen Geschäft.

Zu zentralen Fragen werden dabei Datenschutz und Datensicherheit. Was den Datenschutz betrifft, seien Transparenz und Zustimmung der Kunden zur Datennutzung entscheidend, sagt Feiler. Letztere zu bekommen, sollte den Internetplattformen durch ihre Kundennähe leicht fallen, meint er. „Und fürs Zahlen mit dem Handy könnte man Goodies anbieten, zum Beispiel Gutscheine für Spiele, Videos, Musik.“

Nun will aber bekanntlich nicht jeder zum gläsernen Konsumenten werden – auch wenn das, wie Diwok meint, „schon bald der Normalfall sein wird und der Kunde ohne Profil die Ausnahme“. Portale könnten jedoch sogar noch aus dem Wunsch nach Privatheit Profit schlagen, indem sie ihren Nutzern Wahlmöglichkeiten lassen, wofür die Daten verwendet werden dürfen und wofür nicht. Da gehe es auch stark um Vertrauen, sagt Diwok. Hier und beim Thema Datensicherheit haben zumindest derzeit noch klassische Banken gegenüber den IT-Firmen die Nase vorn. Ungeachtet der Datenlecks, die es bereits gegeben hat, traut die Masse der Konsumenten Banken in Sachen Geheimhaltung immer noch mehr zu. Durch weitere Pannen könnten sie diesen Vorteil aber rasch verlieren – während andererseits für die IT-Unternehmen viel davon abhängt, ob sie es schaffen, bei den Nutzern ihrer Plattformen Vertrauen in die Datensicherheit aufzubauen.

 

Viel Arbeit für Regulatoren

Neben den Datenschützern werden sich auch die Regulatoren zwangsläufig für die neuen Geschäftsmodelle interessieren müssen. Da geht es nicht nur um Konzessionen und Rahmenbedingungen für grenzüberschreitende Geschäfte. Sondern auch darum, das faktische Missbrauchsrisiko in den Griff zu bekommen. Das ergibt sich daraus, dass man nicht weiß, wer tatsächlich das Endgerät bedient, und ob derjenige freiwillig oder unter Zwang einen hohen Überweisungsbetrag eintippt. Aber dieses Problem gibt es beim normalen Onlinebanking auch. Eine andere Frage aus Kundensicht ist die Einlagensicherung. Bei Anbietern mit EU-Banklizenz ist diese jedoch im selben Ausmaß gegeben wie in Österreich. Zumindest auf dem Papier – aber das gilt ja hierzulande genauso.

Und die herkömmlichen Banken? Werden sie auf Kooperation setzen, Konkurrenzangebote entwickeln oder die neuen Mitbewerber mit Wettbewerbsklagen eindecken? Das bleibt abzuwarten. Fakt ist aber, dass es genug Länder auf der Welt ohne hohe Bankendichte und mit viel Platz für die neuen Anbieter gibt. Manche prophezeien schon, dass die erste bargeldlose Gesellschaft in Afrika entstehen könnte.

AUF EINEN BLICK

Online-Bezahldienste. Sie werden immer üblicher, Internetfirmen machen in diesem Geschäftsfeld zunehmend den Geldinstituten Konkurrenz. Die Abwicklung der Dienste übernimmt derzeit meist noch eine Bank, die im Hintergrund agiert. Damit ist den rechtlichen und regulatorischen Anforderungen Genüge getan. Zum Teil bemühen sich Internetfirmen auch selbst um die erforderlichen Lizenzen oder gründen eigene Tochterfirmen dafür – das hat derzeit zum Beispiel Alibaba vor. Nutzer von Onlineportalen „zahlen“ für solche Zusatzleistungen vor allem mit ihren Daten. Sie müssen darauf achten, welchen Datenverwendungen sie zustimmen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.10.2014)

Kommentar zu Artikel:

Bankrecht: "Die Nutzer zahlen mit Daten statt mit Geld"

Schließen

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen