Gynäkologin haftet für die Fehler des beigezogenen Pathologen

Ein Pathologe befundete die Abstriche einer Frau mehrfach falsch. Dafür muss nicht er, sondern die Frauenärztin einstehen, die ihn beauftragt hat.

Regelmäßige Untersuchungen schützten Patientin nicht vor Krebserkrankung.
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Regelmäßige Untersuchungen schützten Patientin nicht vor Krebserkrankung.
Regelmäßige Untersuchungen schützten Patientin nicht vor Krebserkrankung. – (c) Clemens Fabry

Wien. Der Patientin kann keinerlei Vorwurf gemacht werden. Ganz im Gegenteil, sie nahm ihre Gesundheit nie auf die leichte Schulter, sondern absolvierte die Vorsorgeuntersuchungen bei ihrer Gynäkologin jährlich. Dabei wurden auch immer Krebsabstriche gemacht. In den Jahren 2008 und 2009 klagte die Frau auch über „Kontaktblutungen“, 2011 sagte sie ihrer Frauenärztin, diese Blutungen seien stärker geworden.

Die bei der Patientin abgenommenen Abstriche übermittelte die Ärztin einem Pathologen, wies ihn aber nie auf die von der Frau erwähnten Blutungen hin. Alle in den Jahren 2005 bis 2010 erstellten Befunde enthielten den Vermerk „unauffällig“. Die Frau wog sich also verständlicher Weise in Sicherheit.

Was der Pathologe allerdings verabsäumt hatte, war, die Frauenärztin darüber zu informieren, dass die Qualität ihrer Abstriche überwiegend mangelhaft war. Grundsätzlich sollte ein Befund darauf sehr wohl Bezug nehmen, weil dem Frauenarzt auf diese Weise Rückmeldung gegeben wird, ober er die Abstriche auch tatsächlich korrekt abgenommen hat. Die Medizinerin ihrerseits hatte bei dem Pathologen allerdings all die Jahre auch nie nachgefragt. Aus Sicht des Obersten Gerichtshofs (OGH) ein klares Versäumnis, denn das wäre ein wichtiger Beitrag zur Selbstkontrolle gewesen, meint er.

 

Früherkennung wäre möglich

Erstmals im Juni 2011 teilte die Gynäkologin ihrer langjährigen Patientin mit, dass der letzte Abstrich vom Pathologen ungünstig beurteilt wurde und veranlasste – allerdings mit einer Verzögerung von drei Monaten – intensivere Kontrollmaßnahmen. Dabei stellte sich ein schon weit fortgeschrittener Gebärmutterhalskrebs heraus.

Das Erschreckende: Bei fachgemäßer Untersuchung wären schon in den Jahren 2005 bis 2007 in den Abstrichen Hinweise auf eine beginnende Krebserkrankung zu finden gewesen. Und wäre damals gleich eingegriffen worden, hätte das Entstehen von Krebs durch nur geringfügige Eingriffe verhindert werden können. Nun aber waren schwere Operationen erforderlich, die bei der Frau dauerhafte körperliche und seelische Beeinträchtigungen nach sich zogen. Deshalb klagte sie ihre Gynäkologin auch auf Schmerzengeld.

Die Vorinstanzen wiesen ihr Begehren allerdings ab. Für die unrichtige Begutachtung hafte nur der Pathologe, der Frauenärztin sei nichts vorzuwerfen, so ihr Urteil. Der OGH (1Ob161/16g) vertrat eine gänzlich andere Rechtsansicht und sprach der Krebspatientin ein Schmerzengeld in der Höhe von 35.000 Euro zu. Seine Begründung: Eine Patientin, die ihre Gynäkologin zu Vorsorgeuntersuchungen aufsucht, geht davon aus, dass diese die Verantwortung für alle Teilleistungen übernimmt, die erforderlich sind, damit von ihr eine Aussage über ein Krebsrisiko getroffen werden kann.

Weist die Ärztin nicht ausdrücklich darauf hin, dass ein weiterer Vertrag mit einem anderen Facharzt, konkret dem Pathologen, abgeschlossen werden muss, übernimmt sie auch die Begutachtung des Abstrichs in ihre Leistungspflicht. Der von ihr beigezogene Pathologe ist dann ihr Erfüllungsgehilfe, für dessen Arbeit sie zu haften hat. Ob ihr selbst ein Fehler vorzuwerfen ist, spielt dabei keine Rolle, sie hat in jedem Fall Schadenersatz zu leisten, so der OGH. (hec)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.05.2017)

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