ÖAMTC-Chef: „Den ÖGB haben wir schon überholt“

ÖAMTC-Chef Schmerold über den Wirtschaftsfaktor Verkehr, für den kaum ein Politiker mehr Partei ergreift, und über den Staat, der immer mehr vorschreibt, wie wir zu leben haben.

ÖAMTC-Chef Oliver Schmerold: „Es gibt leider fast keinen Politiker mehr, der offen sagt, dass wir den Individualverkehr brauchen.“
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ÖAMTC-Chef Oliver Schmerold: „Es gibt leider fast keinen Politiker mehr, der offen sagt, dass wir den Individualverkehr brauchen.“
ÖAMTC-Chef Oliver Schmerold: „Es gibt leider fast keinen Politiker mehr, der offen sagt, dass wir den Individualverkehr brauchen.“ – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Die Presse: Was ist der ÖAMTC überhaupt? Reisebüro, Versicherungsagentur, Verlag, Flugunternehmen und daneben auch noch Autofahrerclub?

Oliver Schmerold: Na ja, ich versuche vom Begriff Autofahrerclub wegzukommen. Wir sind ein Mobilitätsclub. Da geht es eben nicht nur mehr um das Auto, deshalb passen auch unser Reisebüro und unser Schutzbrief sehr gut dazu.


Aber das Thema Mobilität haben doch längst auch Unternehmen wie Google und Apple entdeckt. Steht der ÖAMTC genauso vor einem Wandel wie weite Teile der Industrie, des Handels, der Banken- oder Medienwelt?

Die Digitalisierung verändert natürlich auch unsere Branche. Auch wir müssen unser Geschäftsmodell radikal ändern. Auch wir sind von den sogenannten Over-the-top-Playern betroffen, die keinen Cent in die Infrastruktur investieren, aber über ihre Plattformen das Geschäft an sich ziehen. Siehe Whatsapp, Uber und Co.


Vor wenigen Wochen hat ein deutsches Unternehmen angekündigt, in Österreich Pannenhilfe anzubieten.

Wir haben Infrastruktur, haben Stützpunkte, haben eine Pannenflotte von 530 gelben Fahrzeugen im Einsatz. Und jetzt kommen andere, die über eine Onlineplattform Pannenhilfe organisieren. Wer dann am Ende diese Pannenhilfe durchführt, scheint egal zu sein. Wir bieten hingegen Qualität und Verlässlichkeit.


Qualität setzt sich am Ende doch immer durch, oder?

Deshalb fürchte ich diesen Mitbewerb nicht. Mich stört aber, dass die Ubers oder Airbnbs dieser Welt argumentieren: Wir sind jung, cool und flott. Aber irgendwer dahinter muss ja trotzdem fachliche Kompetenz vorweisen. Der Uber-Österreich-Chef bezeichnete sogar den Individualverkehr als „größten Feind“, eine Wortwahl, die mich übrigens ziemlich stört.


Der Individualverkehr als Feindbild ist aber nicht neu, daran müssten Sie sich doch längst gewöhnt haben.

Ja, da kann ich auch die Medien nicht ganz aus der Pflicht nehmen. Wenn etwa wie kürzlich der Kfz-Handel eine Umstiegsprämie auf schadstoffärmere Autos fordert, titelt die APA: „Auto-Lobby fordert.“ Wenn die Grünen etwas vorschlagen, würden sie auch nicht titeln: „Umweltlobby fordert.“

Wo finden die Autofahrer noch in der Politik Gehör?

Es gibt leider fast keinen Politiker mehr, der offen sagt, dass wir den Individualverkehr brauchen. Die Politik nimmt zwar sehr gern die Steuereinnahmen der Autofahrer, sie nimmt auch gern die Wirtschaftsleistung vom Autohandel, der Zulieferindustrie, den Versicherungen und all den anderen Branchen, die am Verkehr dranhängen. Aber keiner sagt mehr, dass der Autoverkehr ein wichtiger Bestandteil der Volkswirtschaft ist. Wir sind da oft ziemlich allein.


Ich nehme an, dieses Gefühl der Einsamkeit ist in Wien besonders stark.

Ja, vor allem wenn es um Straßenrückbau geht. Jetzt gibt es ja die Idee, die Praterstraße auf eine Fahrspur zu verengen. Das verbessert definitiv nicht die Lebensqualität der Menschen, die in der Praterstraße wohnen.


Die Politik lenkt in Richtung öffentliche Verkehrsmittel.

Lenken heißt für mich auch ermöglichen und nicht nur verhindern. Und gerade in Wien wird der Verkehr bewusst unattraktiv gemacht. Man nimmt dem Bürger somit die Wahlfreiheit.


Sagt uns der Staat zu oft, wie wir zu leben haben?

Ja, nicht nur in puncto Mobilität. Es geht auch um die Frage, ob ich rauche, ob ich mich vegan ernähre oder nicht. So etwas kann man den Menschen doch nicht vorschreiben. Zumindest nicht in einer Gesellschaft, in der ich leben möchte.


Aber wir wollen auch weiterhin in einer intakten Umwelt leben.

Ja, und deshalb werden Sie auch vom ÖAMTC keine Stellungnahme gegen den Ausbau des öffentlichen Verkehrs finden. Wäre völlig absurd. Aber wir sehen auch, dass der öffentliche Verkehr nur in den Städten und an den Hauptverkehrswegen stärker wird, sich aber aus dem ländlichen Raum immer mehr zurückzieht. Dort muss man den Menschen ermöglichen, dass sie mit ihren eigenen Fahrzeugen unterwegs sind. Ich hoffe, dass wir weiterhin daran interessiert sind, dass der ländliche Raum bevölkert bleibt. Das heißt nicht, dass jeder sein eigenes Fahrzeug besitzen muss.


Carsharing wird sich auf dem Land wohl nicht durchsetzen.

Carsharing ist keine Wohltätigkeit, sondern ein Geschäftsmodell. Es rechnet sich nur in den Ballungszentren.


Hat das Auto als Statussymbol ausgedient?

Mit Sicherheit. Das Auto als Statussymbol ist ein Bild aus den 1970er- und 1980er-Jahren, als das Auto den sozialen Aufstieg widergespiegelt hat. Dennoch übt das Auto nach wie vor eine gewisse Faszination aus, steht auch noch für diesen Wunsch nach Freiheit.


Aber die Menschen ziehen die Sicherheit der Freiheit vor. Wer braucht den ÖAMTC, wenn die Autos in der Zukunft von Computern gesteuert werden?

Am Ende des Tages sind es dennoch Fahrzeuge, die eine Panne haben können. Aber natürlich geht es darum, wer den direkten Zugang zum Kunden hat.


Also einen Amazon der Straße.

Wenn sie es so nennen wollen. Und da möchte der ÖAMTC nicht nur Zulieferer sein, sondern selbst für gute und vertretbare Mobilität sorgen. Also ich hätte zum Beispiel liebend gern, dass Car2go ÖAMTC-Mitgliedern den Zugang ermöglicht. Und wir verrechnen das dann, ohne dass der Kunde überall Mitglied sein muss. Mein Ziel wäre auch eine Kooperation mit den ÖBB, sodass etwa alle ÖAMTC-Mitglieder mit ihrer Karte auch die ÖBB nutzen können. Und das wird über uns abgerechnet. Wenn man das weiterdenkt, könnte man ein sehr einfaches Servicekonzept erstellen, bei dem am Ende des Monats sämtliche Mobilität von der U-Bahn-Fahrt über Carsharing bis hin zum Individualverkehr auf einmal abgerechnet wird.


Wenn weniger Leute ein Auto besitzen, heißt das dann auch, dass die ÖAMTC-Mitglieder weniger werden?

Zum Glück nicht. Die Zahl unserer Mitglieder ist heuer um 2,7 Prozent auf 2,1 Millionen gestiegen. Das heißt nicht, dass jedes Mitglied auch ein Auto hat. Wenn jemand Mitglied ist, wird ihm auch geholfen, wenn er mit einem fremden Auto oder Leihwagen unterwegs ist. Alle unsere Leistungen sind personenbezogen.


Mit anderen Worten: Mehr Mitglieder hat in Österreich nur noch die katholische Kirche.

Ja, die Kirche ist allerdings kein Klub oder Verein. Aber den ÖGB haben wir schon überholt.

Zur Person

Oliver Schmerold ist seit 2010 Verbandsdirektor des ÖAMTC. Er studierte Industrielle Elektronik und Regulierungstechnik an der TU Wien und war später in leitender Funktion bei Alcatel tätig.

Der ÖAMTC beschäftigt knapp 3900 Mitarbeiter und erzielte im Vorjahr einen Umsatz von 400 Millionen Euro. Rund die Hälfte davon lukriert der Klub durch die Beiträge seiner 2,1 Millionen Mitglieder.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.12.2016)

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