Odebrecht: Der tiefe Fall eines Vorzeigekonzerns

Der brasilianische Mischkonzern Odebrecht war einst bekannt für sein soziales Engagement. Heute steht er für Korruption, Geldwäsche und gekaufte Politiker.

Großes Saubermachen beim brasilianischen Familienkonzern Odebrecht: Um die Haftstrafe des Chefs zu reduzieren, wird mit den Behörden kooperiert.
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Großes Saubermachen beim brasilianischen Familienkonzern Odebrecht: Um die Haftstrafe des Chefs zu reduzieren, wird mit den Behörden kooperiert.
Großes Saubermachen beim brasilianischen Familienkonzern Odebrecht: Um die Haftstrafe des Chefs zu reduzieren, wird mit den Behörden kooperiert. – (c) REUTERS (NACHO DOCE)

Wien. Am Ende blieb dem brasilianischen Mischkonzern Odebrecht nichts anderes übrig als die volle Kooperation mit den Justizbehörden. Der Korruptionssumpf war so tief, dass selbst das Management nur noch die Flucht nach vorn als einzigen Ausweg sah. Am Montag wurde das Unternehmen, das weltweit 130.000Mitarbeiter beschäftigt und mehr als 40 Milliarden Euro Jahresumsatz erwirtschaftet von einem New Yorker Gericht zu einer Strafe von 2,6 Milliarden Dollar (2,45 Mrd. Euro) verurteilt.

Und dabei handelte es sich um einen Vergleich. Ursprünglich sollte Odebrecht 3,5Milliarden zahlen. Das Unternehmen nahm die Strafe an, hätte sich sogar mit der Zahlung von 4,5 Milliarden abgefunden, erklärte aber schließlich, dass es diese Summe nicht aufbringen könne. Maximal 2,6 Milliarden seien möglich.

 

Rekordstrafe in den USA

Somit hat der Konzern, der vor allem in der Baubranche tätig ist, eine juristische Großbaustelle abgeschlossen. Doch ein Ende der Affäre ist nicht abzusehen. Odebrecht soll nach Angaben der US-Ermittler in zwölf Ländern fast 800 Millionen Dollar an Schmiergeldern bezahlt haben. In dem Konzern, der Mitte des 19. Jahrhunderts von deutschen Einwanderern gegründet wurde, gab es eine eigene Schmiergeldabteilung, die genau darüber Buch geführt hatte, wohin das Schmiergeld fließt. Allein beim Bau von vier Stadien für die Fußballweltmeisterschaften 2014 in Brasilien soll eine Heerschar an Politikern und Funktionären geschmiert worden sein.

Ins Visier der Ermittler kam der Konzern im Zuge des Petrobras-Skandals. Der halbstaatliche Mineralölkonzern ist das größte Unternehmen Brasiliens. Er hat über viele Jahre hinweg überhöhte Bauaufträge vergeben – unter anderem an die Odebrecht-Gruppe. So konnten schwarze Kassen angelegt werden. Mit dem so ergaunerten Geld wurden Parteien und Politiker bestochen. Der Korruptionsskandal wurde im Zuge der „Operation Lava Jato“ (Operation Hochdruckreiniger) aufgedeckt. Es war nämlich der Geschäftsführer einer Tankstelle und Autowaschanlage in Brasilia, der als Erster über dubiose Transaktionen auspackte.

Im Zuge der Petrobras-Ermittlungen landete auch Marcelo Odebrecht auf der Anklagebank. Der 48-jährige Generaldirektor wurde im Juni 2015 verhaftet, saß kurz in Untersuchungshaft und wurde schließlich im März vergangenen Jahres unter anderem wegen Beamtenbestechung, Geldwäsche und Preisabsprachen zu 19 Jahren Gefängnis verurteilt.

Mittlerweile hat sich der Nachfahre des Unternehmensgründers Emil Odebrecht auf zehn Jahre Gefängnis heruntergehandelt – indem sein Unternehmen vollständig mit den Ermittlern kooperiert. Dementsprechend nervös sind nicht nur Politiker in Brasilien. Auch in Argentinien, Peru oder Ecuador laufen Ermittlungen. Odebrecht hat Niederlassungen in Angola, Mozambique und nicht zuletzt in Portugal.

Bereits Anfang der Karwoche gab das Oberste Gericht in Brasilien bekannt, gegen welche Spitzenpolitiker Strafuntersuchungen eingeleitet werden. Auf der „Gehaltsliste“ des Odebrecht-Konzerns sollen sich acht amtierende Minister der Regierung Michel Temers befinden. Auch der Präsident selbst soll seinen Wahlkampf mit Unterstützung des Baukonzerns finanziert haben. Doch noch genießt Temer Immunität. Das Oberste Gericht kann nur Straftaten verfolgen, die sich während seiner Amtszeit zugetragen haben.

 

77 Manager packten aus

Insgesamt sollen 77 Manager und Mitarbeiter von Odebrecht von der Staatsanwaltschaft einvernommen worden sein. Sie alle dürften – im Sinn ihres Chefs, Marcelo Odebrecht – mit den Behörden kooperiert haben.

Odebrecht galt vor dem Skandal als brasilianisches Vorzeigeunternehmen. Der nach wie vor in Familienbesitz befindliche Konzern engagiert sich mit einer eigenen Stiftung für Sozialprojekte, unterhält Schulen, Krankenhäuser und unterstützt Umweltprojekte. Alles nur Fassade? Nach den Ermittlungen in Lateinamerika dürften nun auch die Aktivitäten des Konzerns in Afrika unter die Lupe genommen werden. In der früheren portugiesischen Kolonie Angola betreibt das Unternehmen einige Diamantminen. (ag./red.)

AUF EINEN BLICK

Odebrecht. Der brasilianische Mischkonzern Odebrecht beschäftigt 130.000 Mitarbeiter und setzt 40 Mrd. Euro um. Das Unternehmen ist vorwiegend im Bauwesen und in der Erdölindustrie engagiert. Es wurde am Montag in New York zu 2,6 Mrd. Dollar Strafe wegen Korruption verurteilt. Generaldirektor Marcelo Odebrecht war im März vorigen Jahres wegen Korruption und Geldwäsche zu 19 Jahren Haft verurteilt worden. Die Strafe wurde aufgrund umfangreicher Geständnisse reduziert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.04.2017)

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