Air-Berlin-Deal um 210 Millionen Euro: Auch Niki geht an Lufthansa

Zwei Monate nach der Pleite ist die Übernahme eines großen Teils der insolventen Fluggesellschaft Air Berlin durch die Lufthansa unter Dach und Fach. Der Kaufpreis: 210 Millionen Euro. Der Betriebsrat Österreich-Tochter Niki erwartet eine Garantie für alle Arbeitsplätze und Verträge.

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Die deutsche Fluggesellschaft Lufthansa setzt zum Höhenflug an: Mit der Übernahme großer Teile der insolventen Konkurrentin Air Berlin, darunter die von Niki Lauda gegründete Airline Niki,  baut der AUA-Mutterkonzern seine Marktführerschaft in Deutschland und Österreich weiter aus. Die Verträge wurde am Donnerstag unterzeichnet. Der Gesamtkaufpreis von rund 210 Millionen Euro werde Gegenstand von Anpassungen bei Vollzug des Kaufvertrags sein, teilte Air Berlin am Nachmittag mit. Die Verhandlungen mit der easyJet Airline Company Limited und anderen Bietern jeweils hinsichtlich anderer Teile der Air Berlin-Gruppe würden noch andauern.

Die Lufthansa übernimmt demnach die Tochtergesellschaften "Niki" und Luftfahrtgesellschaft Walter mit zusammen 1.300 Beschäftigten sowie 20 weitere Flugzeuge der Air Berlin. Mit dem Bieter Easyjet werde weiter verhandelt. Mit dem Lufthansa-Geschäft sollte Air Berlin in der Lage sein, den Bundeskredit von 150 Millionen Euro zurückzuzahlen, der die Airline seit dem Insolvenzantrag vor zwei Monaten in der Luft hält. Die Gläubiger haben noch nicht über den Verkauf entschieden, zudem wird die europäische Wettbewerbsbehörde in Brüssel das Geschäft prüfen.

Die schon länger dahinsiechende Air Berlin ist seit Mitte August pleite. Wochenlang hatte Spohr hinter den Kulissen intensiv verhandelt. Nun steht fest: Die Lufthansa will mit den 81 der zuletzt gut 130 Flugzeuge der Air-Berlin-Flotte ihre Billigtochter Eurowings ausbauen, um sie für den Wettbewerb mit der irischen Ryanair und der britischen EasyJet zu stärken.

Spohr hatte bekräftigt, dass sein Unternehmen von Air Berlin voraussichtlich 81 Flugzeuge übernehmen, 3.000 Mitarbeiter einstellen und dafür in Summe 1,5 Milliarden Euro investieren werde. Die Beschäftigten der nicht insolventen Teilgesellschaften Niki und LG Walter werden Konzernkreisen zufolge direkt übernommen, die übrigen rund 1.500 Stellen sollen über Neu-Einstellungen bei der Lufthansa-Tochter Eurowings besetzt werden. Darauf könnten sich auch Air-Berlin-Mitarbeiter bewerben.

Um Jobs zittern unterdessen die Air-Berlin-Mitarbeiter von Verwaltung und Technik. Sie konnten sich diese Woche auf Job-Messen in der Konzernzentrale nach Stellen bei anderen Arbeitgebern umsehen. Air Berlin Technik hofft noch auf einen Käufer.

Ryanair sieht abgekartetes Spiel

Ryanair-Chef Michael O'Leary schimpfte sehr früh im Verkaufsprozess, Lufthansa und die deutsche Regierung hätten ein abgekartetes Spiel betrieben. Auch unterlegene Interessenten wie der Luftfahrt-Unternehmer Hans Rudolf Wöhrl kritisierten, die Lufthansa werde zu einem Monopolisten im Heimatmarkt.

Ob der Kauf den Wettbewerb beschneidet, hat nach der Vertragsunterschrift die EU-Kommission zu prüfen. Spohr setzt darauf, dass die Behörde bis Jahresende grünes Licht gibt. Erst dann können die Maschinen den Besitzer wechseln. Kartellamtspräsident Andreas Mundt kündigte bereits an, dass die Wettbewerbshüter alles sorgfältig unter die Lupe nehmen würden. "Die Europäische Kommission wird sich das sehr genau ansehen", sagte Mundt der "Rheinischen Post" (Freitagausgabe). "Wir werden das dortige Verfahren begleiten."

Die Kranich-Airline würde neben dem Kaufpreis, der Insidern zufolge bei rund 200 Millionen Euro liegt, noch 100 Millionen Euro vorschießen, um den Flugbetrieb aufrecht zu erhalten.

Was passiert mit dem Rest?

Air Berlin verhandelte neben der Lufthansa auch mit EasyJet über einen Teilverkauf.  Die Briten waren an rund 30 Flugzeugen interessiert, zögerten zuletzt aber. Sollte sich EasyJet zurückziehen, könnten die Thomas Cook-Tochter Condor oder andere Interessenten wieder ins Spiel kommen. Die Zeit drängt allerdings, weil Air Berlin zum Schutz der Gläubiger bis zum 28. Oktober den Flugbetrieb mit dem Teil der Flotte einstellen muss, der nicht zur Lufthansa wechselt. Zu den Gläubigern, die vorrangig bedient werden müssen, gehört die Bundesregierung mit ihrer Kreditlinie von 150 Millionen Euro.

Air Berlin war vor rund 40 Jahren gegründet worden. Dem Unternehmen wurde ein zu rasanter Expansionskurs zum Verhängnis. Zuletzt hielten nur noch Finanzspritzen vom Großaktionär Etihad die Flieger in der Luft.

Von den gut 8000 Mitarbeitern hat ein großer Teil der Piloten und Flugbegleiter nun gute Chancen, bei der Lufthansa unterzukommen. Die rund 1700 Beschäftigten des Ferienfliegers Niki und der Regionalfluggesellschaft LGW, die Teil des Pakets sind, können fest mit einer Übernahme rechnen. Die restlichen rund 1500 Crewmitglieder können sich schon seit einigen Wochen auf Stellenangebote bei Eurowings bewerben. Um Jobs zittern unterdessen die Air-Berlin-Mitarbeiter von Verwaltung und Technik. Sie konnten sich diese Woche auf Job-Messen in der Konzernzentrale nach Stellen bei anderen Arbeitgebern umsehen. Air Berlin Technik hofft noch auf einen Käufer.

 

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…sterreich Airlines unter Lufthansa-Flügeln – (c) APA

Niki-Betriebsrat will Garantien für Mitarbeiter

Für die Niki-Beschäftigten sei es ein guter Tag, "Jubel ist aber nicht angebracht, es müssen einige offene Fragen geklärt werden", kommentierte GPA-Gewerkschafter Peter Stattmann am Donnerstag die Übernahme. Der Betriebsrat hofft, die Heimatbasis behalten zu können: "Der Wunsch der Beschäftigten, mit dem Flugverkehr wieder stärker nach Österreich zu kommen, ist groß", so Betriebsratsvorsitzender Stefan Tankovits und erwartet "eine mittelfristige Garantie dafür, dass alle Arbeitsplätze und Verträge aufrecht bleiben".

Die nicht insolvente Niki beschäftigt hierzulande rund 1.000 Mitarbeiter - laut Insidern aus Lufthansa-Kreise sollen sie direkt übernommen werden. "Wir gehen davon aus, dass es demnächst eine Einladung zu einem Kennenlerngespräch geben wird, in das wir sehr motiviert gehen werden", so die Arbeitnehmervertreter.

Der ehemalige Formel-1-Weltmeister und Pilot Niki Lauda hatte den Ferienflieger "flyniki" 2003 gegründet, 2004 beteiligte sich die Air Berlin. 2011 stieg Lauda komplett aus der Airline aus. Nach der Air Berlin-Insolvenz bot Lauda mit einem Konsortium für eine Rückübernahme von Niki. Die Exklusiv-Verhandlungen der Gläubiger mit der Lufthansa kommentierte er enttäuscht und warnte vor einer zu großen Dominanz der deutschen Airline.

 

Lufthansa-Aktie im Aufwind

Der Deal zwischen der Lufthansa und Air Berlin lässt Anleger jubeln. Die Aktien der Lufthansa kletterten am Donnerstag um mehr als drei  Prozent auf 25,54 Euro, das war der höchste Stand seit Anfang 2001. Die Papiere der insolventen Rivalin schossen um fast die Hälfte auf 23 Cent in die Höhe. Lufthansa-Chef Carsten Spohr sagte in Berlin, er werde im Laufe des Tages den Vertrag mit Air Berlin unterzeichnen.

Analysten der Investmentbank Bernstein stuften die Titel der größten deutschen Fluggesellschaft auf "outperform" von "market-perform" nach oben und hoben das Kursziel auf 30 Euro von 22 Euro an. Auch die Experten der Bank HSBC legten ein neues Kursziel von 29 Euro nach zuvor 25 Euro fest und bestätigten ihr "buy"-Rating.

Die Konsolidierung im deutschen Flugmarkt werde der Lufthansa Rückenwind geben, erklärten die Bernstein-Analysten. Zudem würden dadurch die Margen im kommenden Jahr weniger stark fallen und die Ergebnisse 2017 und 2018 positiv beeinflussen.

Bei der HSBC hieß es in einem Kurzkommentar zur Aktie, die anstehenden Veränderungen sähen "zu gut aus, um wahr zu sein". Der Konzern habe sich mit den Piloten geeinigt, die Passagierzahlen stiegen und die Übernahme von großen Teilen der Air Berlin stehe unmittelbar bevor. "Der Air-Berlin-Deal macht die Lufthansa in ihrem Heimatmarkt stärker, was in den kommenden Jahren zu steigenden Erträgen führen sollte." 

 

Dreier-Kampf um Alitalia

Im Rennen um die Alitalia bahnt sich in der Endphase ein Kampf dreier Bewerber an. Die deutsche AUA-Muttergesellschaft Lufthansa, die britische Billig-Airline Easyjet und der US-Investmentfonds Cerberus wollen ein verbindliches Angebot für die italienische Airline einreichen, berichtete die römische Tageszeitung "Il Messaggero" am Donnerstag.

Die Frist für die Einreichung der verbindlichen Angebote läuft am Montag um 18 Uhr ab. Die Airline, welche die Regierung in Rom nicht zerstückelt verkaufen will, wird mit circa 800 Mio. Euro bewertet. Sollte kein Interessent die komplette Airline kaufen wollen, kann die Flugsparte von dem Handling-Bereich getrennt werden. Ryanair hatte sich vor zwei Wochen aus dem Rennen um die Alitalia zurückgezogen.

"Wir sind zuversichtlich, wir warten auf die Angebote", kommentierte der italienische Verkehrsminister Graziano Delrio. Die Regierung in Rom hatte Mitte Mai den Startschuss für den Verkaufsprozess der unter Sonderverwaltung stehenden Airline gegeben. Der Alitalia setzen hohe Kosten und die Konkurrenz durch Billigflieger und Schnellzüge zu.

Die italienische Airline hat drei Milliarden  Euro Schulden, denen mit 921 Millionen  Euro bewertete Vermögenswerte gegenüberstehen. Das Insolvenzverfahren wurde in die Wege geleitet, nachdem die Belegschaft im April einen vom Management und den Gewerkschaften ausgehandelten Rettungsplan abgelehnt hatte.

 

(APA/dpa/Reuters)

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