Preisschub bei billigen Wohnungen

Die Daten des Immobilienmaklers Re/Max sorgen für sozialen Konfliktstoff: Weil zu wenig billige Wohnungen vorhanden sind, werden die Preise in diesem Segment deutlich steigen.

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(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Wien. Wer im unteren Preissegment eine Wohnung (Monatsmiete unter 600 Euro oder Kaufpreis unter 200.000 Euro) sucht, wird es künftig noch schwerer haben. „Im unteren Preissegment ist viel mehr Nachfrage, aber unvermindert viel zu wenig Angebot vorhanden“, sagte Anton Nenning, Managing Director beim Immobilienmakler Re/Max Austria, am Dienstag vor Journalisten. Daher werden laut Nenning in diesem Segment die Preise „weiterhin signifikant anziehen, mit allen möglichen sozialen Konsequenzen“. Einer am Dienstag von Re/Max veröffentlichten Umfrage bei 540 Immobilienexperten zufolge wird heuer die Nachfrage nach günstigen Wohnungen österreichweit um neun Prozent steigen, das Angebot allerdings nur um 0,8 Prozent. Somit ist zu erwarten, dass sich die Preise bei billigen Wohnungen am freien Markt in diesem Jahr um 5,1 Prozent erhöhen werden.

Im mittleren Preissegment (Monatsmiete zwischen 600 und 1200 Euro) und im gehobenen Preissegment (ab 1200 Euro) sieht die Lage entspannter aus. Im oberen Preissegment sinkt die Nachfrage sogar. „Bei über 1000 Euro Miete haben Sie in Wien sehr viel Auswahl“, sagte Re/Max-Austria Geschäftsführer Bernhard Reikersdorfer.

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In Wien sorgt vor allem die Zuwanderung dafür, dass immer mehr billiger Wohnraum benötigt wird. 2013 stieg in Wien die Zahl der Einwohner um 23.400 Personen, 2014 um 33.000 Personen. 2015 gab es bereits einen Anstieg um 42.889 auf 1,84 Millionen Menschen. Die Statistik Austria geht davon aus, dass 2022 in Wien die Zwei-Millionen-Marke überschritten wird. „Das Leistbarkeitsproblem ist ein Problem in den Städten – speziell junge Menschen, Niedrigeinkommensbezieher und Ausländer sind vom Thema Leistbarkeit betroffen“, sagte vor Kurzem Michael Klien, Experte des Wirtschaftsforschungsinstituts Wifo, bei einer Veranstaltung der Volksanwaltschaft, bei der es um die Zukunft des Wohnens ging.

Laut Klien habe sich der Anteil der Studenten, die noch bei ihren Eltern zuhause wohnen, seit 2010 auf über 50 Prozent verdoppelt.

Re/Max-Geschäftsführer Reikersdorfer fordert die Politik auf, mehr leistbare Wohnungen zu schaffen. Auch Josef Schmidinger, Chef der s-Bausparkasse, zeigt sich über die galoppierenden Immobilienpreise besorgt. Er fordert mehr Investitionen in den Wohnbau. Es sei für den sozialen Frieden wichtig, die Schaffung von leistbarem Wohnraum nicht aus den Augen zu verlieren, sagt Schmidinger.

 

Wiens absurder Mietmarkt

Außerdem verzerrt das starre Mietrecht den österreichischen Markt. Kurz vor Weihnachten brachte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) einen großen Bericht mit dem Titel „Wiens absurder Mietmarkt“. Wer Glück habe, könne in Wien für 3,40 Euro je Quadratmeter in bester Lage wohnen – „auf Kosten derer, die von der Wohnungspolitik weniger bevorzugt werden“, schreibt die „FAZ“.

Die meisten Experten sind der Ansicht, dass das Mietrecht zu kompliziert und intransparent sei. Daher haben SPÖ und ÖVP Ende 2013 im Regierungsprogramm eine Reform des Mietrechts versprochen. Doch von einer Einigung sind beide Parteien weit entfernt.

Das niedrige Zinsniveau und fehlende alternative Geldanlagemöglichkeiten sorgen dafür, dass mehr Menschen eine Eigentumswohnung kaufen wollen. Laut Re/Max-Umfrage werden in Österreich die Preise für Eigentumswohnungen in zentraler Lage heuer um 5,9 Prozent anziehen. Bei Mietwohnungen wird bei den frei zu vereinbarenden Mietzinsen ein Plus von 4,1 Prozent erwartet.

Doch es gibt in der Immobilienbranche auch Segmente mit einem Rückgang bei den Preisen. So dürften heuer die Preise für Geschäftslokale und Büroflächen um 3,9 Prozent sinken. Bei den Preisen von Eigentumswohnungen ist in Landgemeinden ein Minus von 1,3 Prozent zu erwarten.

Aufgeschlüsselt nach Bundesländern erwartet Re/Max in Wien bei Immobilien einen Preisanstieg von 4,4 Prozent. Rar und begehrt sind in Wien vor allem Baugrundstücke. Hier wird ein Plus von 6,4 Prozent prognostiziert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.01.2017)

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