Nabucco: Aufwind in Turkmenistan

Das Land mit den viertgrößten Gasvorkommen der Welt deutet an, dass es durch die Nabucco-Pipeline in die EU liefern will. Das nötige Anschlussrohr ist schon in Bau.

Nabucco Aufwind Turkmenistan
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Nabucco Aufwind Turkmenistan
(c) EPA (Mikhail Klimentyev / Pool)

Moskau. Ein Informationskrieg bestimmte in letzter Zeit den erbitterten Wettbewerb zwischen der von den Russen geplanten Gaspipeline South Stream und dem europäischen Konkurrenzprojekt Nabucco. Nun erhält Letzteres von einer ansonsten zurückhaltenden, aber umso bedeutenderen Seite Auftrieb. Der Präsident der zentralasiatischen Republik Turkmenistan, Gurbanguly Berdymuchammedow, ließ auf einem Gipfel im potenziellen Gastransitland Türkei mit der beiläufigen Bemerkung aufhorchen, dass sein Land die Teilnahme an Nabucco in Betracht ziehe. Berdymuchammedow erinnerte daran, dass die in seinem eigenen Land gerade in Bau befindliche Pipeline von Ost nach West in Verbindung mit Nabucco zu sehen sei: Die Ost-West-Pipeline werde zum Kaspischen Meer hin verlegt, sagte er am Donnerstag laut aserbaidschanischer Zeitung „Trend“: „Und da ist Nabucco, das mit diesem Projekt in Verbindung steht.“

 

Neue Abnehmer in Ost und West

Für das Konsortium von Nabucco, deren Bauentscheidung Ende des Jahres fallen soll, sind derartige Wort Balsam: „Es ist ein sehr, sehr positives Signal, was den Fortschritt des Projektes betrifft“, erklärt Michael Rosen, Sprecher des deutschen Energiekonzerns RWE, auf Anfrage. RWE bildet neben der österreichischen OMV und vier weiteren Konzernen das Nabucco-Konsortium. Rosen: „Berdymuchammedows Aussage ist eine weitere Bestätigung für den Willen Turkmenistans, sein Gas nach Europa zu liefern.“

Zum ersten Mal hat der turkmenische Präsident im Juli 2009 angedeutet, den Export aus dem viertreichsten Gasstaat der Welt diversifizieren zu wollen. Die Wende war eine Reaktion darauf, dass Russland, von dessen Transitmonopol Turkmenistan bis dahin abhängig gewesen war, wegen der Krise den Zukauf in Turkmenistan plötzlich eingestellt hatte. Seither hat Turkmenistan eine Pipeline nach China eröffnet. Die Entscheidung, ob man auch nach Europa liefert, sollte bis zum Ende des Jahres fallen. Turkmenistan ist für die Europäer, die mit Nabucco die Abhängigkeit vom russischen Gas verringern möchten, nur eine der anvisierten Gasquellen. Eine zweite ist das südkaukasische Aserbaidschan auf der anderen Seite des Kaspischen Meeres. Der Wille zur Teilnahme an Nabucco wurde dort bekundet, ein fixer Vertrag zur Füllung der Pipeline steht auch hier aus. Gleich wie im Irak, der den interessierten kurdischen Norden zumindest nicht allein darüber entscheiden lassen will.

Wurde von den potenziellen Lieferanten lange das Fehlen der Koordination seitens der EU bemängelt, so scheint dieses Defizit mit dem neuen EU-Kommissar für Energie, Günther Oettinger, behoben. Ab 2014 sollte laut Plan das erste Gas über die 3300 Kilometer lange Pipeline nach Europa fließen.

In Russland freilich werden Berdymuchammedows Worte vom Donnerstag weniger als Zusage an die EU, sondern vielmehr als Erpressung Russlands gedeutet. Russland kauft nämlich trotz der ersten Versöhnung im Dezember nicht jene Mengen in Turkmenistan zu, die man vereinbart hatte.

 

Russen klagen über Erpressung

Ist das Schicksal Nabuccos also nach wie vor offen, obwohl die Hälfte der Finanzierung von 7,9 Milliarden Dollar steht, so herrscht auch über das Schicksal von Russlands Konkurrenzprojekt South Stream Unklarheit. Während Nabucco die Gasquellen fehlen, fehlt den Russen eine vollständige Transitvereinbarung mit allen vorgesehen Transitländern. Schließlich wollen die Russen über South Stream ja 63 Milliarden Kubikmeter Gas, also doppelt so viel wie Nabucco, nach Europa liefern. Die Baukosten freilich sind dreimal so hoch.

Zuletzt tauchten widersprüchliche Aussagen auf, dass Russland auf South Stream sogar verzichten könnte, wenn man sich mit der Ukraine über eine Beteiligung am dortigen Transitpipelinenetz und eine Fusion von Gazprom mit der ukrainischen Gasgesellschaft Naftogaz Ukrainy einige.

Auf einen Blick

Die Nabucco-Pipeline, die Europa mit den Gasvorkommen des Kaspischen Meeres verbinden soll, wird auch turkmenisches Gas erhalten. Turkmenistan baut eine entsprechende Zuleitung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.09.2010)

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