Studie: Fast jeder Dritte will „starken Führer“

69 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nimmt die antidemokratische Einstellung in Österreich zu. 56 Prozent wollen die Diskussion über den Holocaust beenden.

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Wien. Österreichs Bevölkerung sehnt sich vermehrt nach einem „starken Führer“. Das hat eine Umfrage des Sora-Instituts im Auftrag des Zukunftsfonds ergeben, die am Mittwoch präsentiert wurde. 29 Prozent der Befragten stimmten demnach der Aussage (ziemlich) zu, dass man „einen starken Führer haben sollte, der sich nicht um Wahlen und das Parlament kümmern muss“. Vor allem Personen ohne Matura waren dieser Ansicht.

Der Historiker Oliver Rathkolb ortet hier gewisse Parallelen zur Zwischenkriegszeit: Durch die Krise seien die Menschen verunsichert. Man habe keine Aussicht auf eine sichere Arbeitsstelle. „Und die sozioökonomisch verursachte Apathie führt zu einer Führersehnsucht“, sagt er. Hier müsse vor allem die Politik mit klaren Zukunftsvisionen entgegensteuern.

Denn autoritäre, antidemokratische Einstellungen nehmen laut Rathkolb langsam zu: Bei einer ähnlichen Studie aus dem Jahr 2007 sei die Zustimmung zu einer solchen Führungsperson noch geringer gewesen. Um wie viel Prozent dieser Wert konkret gestiegen sei, könne er aber nicht beziffern: Es gäbe zu große methodische Unterschiede zwischen den Befragungen. Aber: „Wir müssen uns jedenfalls bewusst werden, dass ein solches Potenzial in der Gesellschaft herrscht“, sagt Rathkolb.

Außerdem wurde in der Studie das Geschichtsbewusstsein der heutigen Bevölkerung zur Zeit des Nationalsozialismus befragt. Hier stimmten 56Prozent der Befragten der Aussage (sehr oder ziemlich) zu, dass sie die Diskussion über den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust beenden wollen. Vor allem unter Menschen, die sich sozial und politisch verunsichert fühlen, war dieser Wert besonders hoch.

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(C) DiePresse

Eine abgeschlossene Epoche

Dieser Trend ist im Vergleich zu der Studie aus dem Jahr 2007 ebenfalls im Steigen. Die Studienautoren sehen hier vor allem eine „Historisierung“ des Themas: Vor allem für Jüngere sei dies eine historisch abgeschlossene Epoche.

„Die Befragten mit Matura stimmten allerdings diesem Schlussstrich seltener zu“, sagt Günther Ogris vom Sora-Institut. Bildung würde also entgegenwirken. Der Zukunftsfonds fordert daher den Ausbau politischer Bildung in allen Schulformen. Außerdem sollte man gezielt Maßnahmen setzen, um bildungsfernere Schichten mit dem Thema zu erreichen. Auch der ORF sowie andere Massenmedien mit Presseförderung sollten diese historische Epoche verstärkt berücksichtigen.

 

Österreich als „erstes Opfer“?

Nach wie vor finden nämlich 42Prozent der Österreicher laut Studie die Formulierung richtig, dass Österreich das „erste Opfer“ des Nationalsozialismus gewesen sei. Signifikante Unterschiede bei der Beantwortung ortet auch hier das Sora-Institut in der jeweiligen Bildung der Befragten: Personen mit höherem Schulabschluss sind dem Nationalsozialismus deutlich negativer eingestellt als jene mit geringerer formaler Bildung.

Allerdings gibt es laut den Autoren der Studie auch positive Tendenzen: So sieht rund die Hälfte der Befragten „nur Schlechtes“ bzw. „großteils Schlechtes“ durch den Nationalsozialismus. Verglichen mit einer Studie aus 2005 sehe man die NS-Zeit also negativer.

Zumindest am heutigen Donnerstag, 69 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, wird das Thema bei mehreren Gedenkfeiern im Fokus der Politik und Gesellschaft stehen: Höhepunkt der Feierlichkeiten zum Gedenken der Kapitulation der Deutschen Wehrmacht am 8.Mai1945 ist ein Staatsakt im Bundeskanzleramt. Der Künstler Arik Brauer wird eine Rede halten.

 

Gedenken an Deserteure

Auf dem Heldenplatz findet das „Fest der Freude statt“ (siehe S.10). Am Vormittag findet außerdem auf dem Ballhausplatz ein Gedenken an Wehrmachtsdeserteure statt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.05.2014)

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