Warum fiel kein Schuss?

Am 9. November 1989 kapitulierte das DDR-Regime vor den Menschenmassen an den Berliner Grenzübergängen. Die Mauer wurde geöffnet, das Ende der deutschen Nachkriegsordnung war eingeläutet.

GERMANY ANNIVERSARY OF PEACEFUL REVOLUTION
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(c) APA/EPA/IAN LANGSDON

Kein anderes Ereignis der deutschen Revolution von 1989 hatte eine derartige Symbolkraft wie die Öffnung der Berliner Mauer am 9. November. Es gab andere Weichenstellungen, die ebenso wichtig waren, einen Monat zuvor etwa, als das DDR-Regime erstmals vor 70.000 Demonstranten in Leipzig kapitulierte und auf die Proteste nicht wie bisher mit Verhaftungen und Misshandlungen reagierte. Und doch sind die feiernden Menschen auf der Mauer das Symbolbild für den Epochenwandel, für den Sieg der „friedlichen Revolution“. Dass das Regime ohne Blutvergießen weichen würde, dafür gab es für die Beteiligten keinerlei Garantie, im Gegenteil. Hatte die Volkskammer der DDR nicht im Sommer die blutige Niederschlagung der Proteste auf dem Pekinger Platz des Himmlischen Friedens mit 5000 Toten und 30.000 Verletzten ausdrücklich begrüßt? Mehrmals wurde die Grußadresse an Peking in den Medien gespielt – eine deutliche Warnung.

Was war die Mauer, wofür stand sie? Am sichtbarsten war sie am Brandenburger Tor, das durch einen riesigen gemauerten Halbkreis vom Westen abgegrenzt war. Links und rechts davon erstreckte sich der Todesstreifen, nachts gleißend hell ausgeleuchtet, dahinter patrouillierende, bewaffnete Grenzsoldaten. Von einem Ausguck im Westteil der Stadt konnten Besucher sich ein Bild von dem Szenario machen. Nirgends sonst war, zumal für die Deutschen, der Aberwitz der zweigeteilten Welt so spürbar wie in Berlin. Gleichsam über Nacht waren hier Straßen und Plätze, Familien und Freundschaften zerrissen worden.

Steinernes Gesicht der DDR. Seit dem Bau der Mauer im Jahr 1961 waren 45 Menschen durch Minen und Selbstschussanlagen getötet, weitere 200 erschossen worden, Hunderte zum Teil schwer verletzt. 28 Jahre lang war die Mauer das steinerne Gesicht der DDR, hier zeigte das Regime, wozu es fähig war: nämlich jenen Menschen, die ihm den Rücken kehrten, in eben diesen Rücken zu schießen. Jeder dies- und jenseits der Grenze wusste, dass der „antifaschistische Schutzwall“ in Wahrheit eine Gefängnismauer war, die unabdingbare Existenzgarantie der DDR. Die Plumpheit der Propaganda verriet nur, dass die totale Macht bloß um den Preis eines fortwährenden moralischen Offenbarungseids zu haben war. Die Mauer ließ den brutalen Verfügungsanspruch der Ideologie über den Menschen permanent sichtbar werden; mit einem solchen Regime konnte sich der Großteil der DDR-Bürger allenfalls arrangieren, nie identifizieren. Alles spätere Gerede von einer ostdeutschen nationalen Identität ist über die Beschwörung einer vagen Ostalgie nie hinausgekommen.

Regime am Ende. Als die Mauer schließlich von Menschenmassen „geflutet“ wurde, war allen klar, dass das Regime am Ende war. Unvergesslich die kurzfristig anberaumte Pressekonferenz am Abend des 9. November nach der Tagung des SED-Zentralkomitees. Honecker war entmachtet, hastig war ein neues Reisegesetz beschlossen worden, um die Flüchtlingsströme über Ungarn und die ČSSR einzudämmen und wenigstens einen Rest von Kontrolle zu behalten. Dann trat Günter Schabowski, frisch bestellter ZK-Sekretär für Medienfragen, vor die Presse. Kurz zuvor hatte er vom Honecker-Nachfolger Egon Krenz zwischen Tür und Angel ein Papier zugesteckt bekommen. Schabowski schien selbst nicht recht zu glauben, was er da vor laufender Kamera verlas: Reisefreiheit für DDR-Bürger. Auf die Frage, ab wann das denn gelte, fielen die Worte, die so nicht geplant waren und einen nicht mehr kontrollierbaren Massenansturm auf die Grenzübergänge auslösten: „Sofort, unverzüglich.“

Die Unbeholfenheit des Regimes und die bald darauffolgenden Bilder von tanzenden und weinenden Menschen, die ihr Glück kaum fassen konnten, als sie die Grenze überschritten, lässt allzu leicht übersehen, welch enormes Risiko die Menschen eingegangen sind. In der „Leipziger Volkszeitung“ hatte ein hoher Militär ein hartes Vorgehen gegen die Demonstranten gefordert, „wenn nötig, mit der Waffe in der Hand“. Der Oberbefehlshaber der Sowjettruppen versicherte Egon Krenz, seine Soldaten stünden „bei Provokationen bereit, ihre Verpflichtungen gegenüber der DDR zu erfüllen“.

Gerüchte über Schießbefehl. Die Angst vor einer „chinesischen Lösung“ lag in der Luft, Gerüchte wurden geschürt: In Leipzig sei Schießbefehl erteilt worden, Ärzte hätten Bereitschaftsdienst, Blutkonserven und Krankenhausbetten würden in Reserve gehalten. Die Lage war angespannt, ein einziger Schuss der Grenz- oder Betriebskampftruppen, der Volkspolizei, der bewaffneten Stasi-Kräfte hätte gereicht, um die Lage eskalieren zu lassen. Gar nicht auszudenken, mit welchem Trauma die weitere deutsche Geschichte belastet gewesen wäre, hätte jemand geschossen. Aber der Schuss fiel nicht. Warum nicht?

Die Frage ist bis heute nicht restlos geklärt. Ein wichtiger Faktor war zweifellos, dass Erich Honecker wegen einer Gallenoperation von Anfang Juli bis Ende September so gut wie nicht präsent war. Getrimmt auf starre Befehlsketten, traute sich niemand ohne den Segen des Staatschefs eigenmächtig zu handeln. Das bis dahin allmächtige Regime war wie gelähmt. Als Erich Honecker schließlich zurückkehrte und die Montagsdemonstrationen in Leipzig sah, war er fassungslos und meinte: „Man sollte Militär einsetzen.“ Doch da war seine Absetzung schon im Gang.

Viele Beteiligte haben später ihren eigenen Beitrag zur Mäßigung betont. Gregor Gysi etwa, ab 9. Dezember gewählter Vorsitzender der SED, berichtet, seine Aufgabe habe zunächst vor allem darin bestanden, telefonische Anfragen der Stasi-Bezirksdienststellen, wie sie sich angesichts der eindringenden Bürger verhalten sollten, mit der immergleichen Beschwörungsformel zu beantworten: „Nicht schießen!“ Ebenso wichtig war zweifellos, dass die Demonstranten selbst mit der Losung „Keine Gewalt!“ auf die Straße gingen. „Das Regime war auf alles vorbereitet, nur nicht auf Kerzen“, meint Lothar de Maizière, der erste und letzte demokratisch gewählte Ministerpräsident der DDR.


Glücklose Revolutionen. Glück mit ihren Revolutionen hatten die Deutschen bis dahin nicht gehabt. 1848 nicht, als die Bürger für die Freiheit und ein geeintes Deutschland auf die Barrikaden gingen und scheiterten. Auch 1918 nicht, als man zwar die Monarchie beseitigte, die Feinde der Demokratie in Militär und Behörden jedoch in Amt und Würden beließ, was sich als schwere Hypothek für die Weimarer Republik erweisen sollte. Die Revolution von 1989 indes war eine Sternstunde. Ein brutales Regime wurde ohne Waffen zum Teufel gejagt, der Weg zur Einheit war frei. Dass die Vereinigung so bald schon zu einer Agenda der Bonner Politik wurde, ließ allzu rasch in Vergessenheit geraten, wer hier mit welchem Einsatz den Weg bereitet hatte. Die anfängliche Herablassung, mit der die Ossis zuweilen behandelt wurden, hatte immer etwas zutiefst Ungerechtes.

Die jüngste Forschung hat gezeigt: Der Aufstand hatte das ganze Land erfasst, rund eine Million Menschen hatten auf den Straßen von 320 Städten Kopf und Kragen für die Freiheit riskiert. Sie waren es, die der deutschen Geschichte einen ihrer glücklichsten Momente bescherten, während man sich im Westen noch ungläubig die Augen rieb.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.11.2014)

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