"Rote Fini": Die Millionen der "Chanel-Kommunistin"

Die DDR-Geschäfte von Rudolfine Steindling beschäftigen noch heute die Gerichte. Vor allem aber geht es um die vielen Millionen der Roten Fini, die in den Wendewirren verschwunden sind.

 Rudolfine Steindling
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 Rudolfine Steindling
Rudolfine Steindling – (c) APA (Undatiertes Archivbild)

Graue Mietskasernen, abgeblätterte Fassaden, Fabriken, die schwarzen Rauch und andere schädliche Substanzen ausstießen. Und Menschen, die, scheue Blicke um sich werfend, möglichst unauffällig agierten und niemandem trauten. Niemand fing die Atmosphäre in der DDR besser ein als der Thrillerautor John le Carré, der in seinem auch verfilmten Roman „Der Spion, der aus der Kälte kam“ dem tödlichen Spiel von Agenten aus Ost und West um Macht und Millionen ein berühmtes Denkmal setzte.

Für manche Menschen war das Leben damals gar nicht so trist – ganz im Gegenteil: Wer gewieft und mutig war und über genügend gute Kontakte zur Nomenklatura, also der kommunistischen Elite in der Deutschen Demokratischen Republik, verfügte, der konnte auch im Arbeiter- und Bauernstaat reich und glücklich werden.

Eine der Schlüsselfiguren dieser turbulenten Zeit kam just aus Österreich – und sie entsprach so gar nicht dem Bild eines knallharten Geschäftemachers: die Wienerin Rudolfine Steindling. Die Rote Fini, wie die fast auf den Tag genau vor zwei Jahren an ihrem Zweitwohnsitz in Tel Aviv gestorbene Geschäftsfrau in Österreich genannt wurde, galt und gilt auch heute noch als Hauptdarstellerin in einem der größten Finanzthriller der Postwendezeit. Denn ihre Person ist untrennbar mit dem Tauziehen um das einstige SED-Vermögen verbunden. Viele Millionen soll Steindling versteckt haben – bis heute wird danach gesucht. Und bis heute liefert die „Chanel-Kommunistin“, wie Steindling wegen ihrer elegant-konservativen Outfits gern bezeichnet wurde, Stoff für Gerichtsverfahren.

Provisionen für offene Türen. Alles begann 1951: Damals gründete die KPÖ in Ostberlin die Firma Novum. Über die „Außenhandelsfirma“ liefen sämtliche DDR-Geschäfte von Westfirmen. Darunter waren die Voestalpine genauso wie Steyr-Daimler-Puch, Bosch oder Ciba-Geigy. Sie zahlten an die Novum Provisionen – und die DDR erhielt auf diesem Weg die so wichtigen Devisen. Wer eignete sich besser als Geschäftsführerin als die junge, ambitionierte Genossin Steindling? Die Rote Fini war nämlich trotz ihres Hangs zu Haute Couture und anderen schönen Dingen des Lebens stramme Kommunistin. Von 1959 bis 1969 war sie Mitglied der KPÖ.

Steindling leitete von Wien aus die Geschicke der Novum, 1978 übernahm sie treuhändisch die Hälfte der Novum-Anteile. Damit lag ein Großteil des KPÖ-Vermögens in ihren Händen. Die Geldflüsse liefen über die frühere Länderbank – die heutige Bank Austria. Im offiziellen Nachruf der KPÖ liest sich das so: „Nicht zuletzt durch Finis Engagement war es möglich gewesen, in Zeiten des Kalten Kriegs und trotz des Embargos Geschäftsbeziehungen über den ,Eisernen Vorhang‘ hinweg aufzubauen und zehntausende Arbeitsplätze vor allem im Bereich der österreichischen Verstaatlichten Industrie zu sichern.“

Kein Wunder, dass sie dies und jenseits des Eisernen Vorhangs die Mächtigen umschwärmten: Erich Honecker sei, so heißt es, mit Frau Rudolfine ebenso vertraut gewesen wie der DDR-Außenhandelschef Alexander Schalck-Golodkowsi. Hierzulande zählte nicht nur der einstige Länderbank-Chef und spätere Bundeskanzler Franz Vranitzky (SPÖ) zu ihren Bekannten. Auch ÖVP-Granden pflegten Kontakt. Schließlich gerierte sich die Kommerzialrätin (der Titel wurde ihr wegen der Verdienste um die Republik verliehen) mit Einfluss und Vermögen auch als spendable Gönnerin. Obwohl sie sich selbst, was nicht einer gewissen Pikanterie entbehrt, als mittellos bezeichnete. Die Volksoper profitierte ebenso von ihrer Großzügigkeit wie die Wiener Philharmoniker und viele Einrichtungen in Israel. Steindlings Mann, Dolly, war ein Überlebender des Holocaust.

Wem gehörte die Novum? Zurück in die wirren 1990er-Jahre: Als die DDR zerbrach, galt es, das riesige Vermögen der SED, das auf 6,2 Milliarden DDR-Mark geschätzt wurde, aufzuteilen. Darunter war auch eine halbe Milliarde Mark der Novum. Die Treuhandanstalt, die nun die Hand auf den SED-Guthaben hatte, pochte darauf, dass ihr auch das Geld der Novum zustehe. Denn: Die DDR habe die Novum gegründet, um ihren Außenhandel abzuwickeln. Dagegen behaupteten die KPÖ und Steindling, die KPÖ habe die Novum gegründet, um den Handel österreichischer Firmen in der DDR zu organisieren. Ein unendlicher Gerichtsstreit folgte, den Steindling verlor: 2003 entschied das Oberverwaltungsgericht Berlin, die Novum sei eine SEG-Firma gewesen. Deutschland beanspruchte ergo auch die Novum-Millionen.

Diese waren jedoch schon lange verschwunden. Denn die Rote Fini traute offenbar dem erstinstanzlichen Urteil, in dem die Novum der KPÖ zugesprochen worden war, nicht. Schon eher verließ sie sich auf ihre Erfahrung im Ost-West-Dschungel. Sie zog die Novum-Millionen daher ab und transferierte sie zur Länderbank nach Wien und von dort zu deren Schweizer Tochter BFZ.

1991 drehte sich das Geldkarussell ein weiteres Mal: Fini leerte die Schweizer Konten und transportierte das Geld in 51 Tranchen ab. Im Koffer– wie es einem Agententhriller gemäß erzählt wird. Ob das tatsächlich so war, wird sich nicht mehr klären lassen. Fest steht, dass sie das Geld auf anonymen Sparbüchern und anonymen Wertpapierdepots bunkerte – bis heute unauffindbar. Die KPÖ hat jedenfalls mehrfach beteuert, keinen Schilling (damals waren es noch Schilling) bekommen zu haben.

Die Anwältin Marion Westpfahl, die nach der Wende im Auftrag des deutschen Bundesfinanzministeriums Jagd auf SED-Milliarden machte, bestätigt dies indirekt. „Die Steindling-Gelder haben nichts mit der KPÖ zu tun“, sagte sie der „Zeit“. Und: Die Staatssicherheit (Stasi) habe Verschiebetechniken gehabt, die unglaublich gewesen seien. Österreich sei, so meinten auch Ermittler, das perfekte Land für DDR-Veteranen gewesen, die Geld verschwinden lassen wollten. Das habe auch mit dem starken Bankgeheimnis zu tun.

Die Geschichte ist aber noch nicht zu Ende. Die Treuhandnachfolgerin Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben (BvS) hat nämlich die Bank Austria geklagt, weil sie der Ansicht war, dass die Bank Steindling das Geld nicht hätte auszahlen dürfen, weil Deutschland darauf Anspruch hat. Die BvS warf der Bank Austria daher Verletzung der Sorgfaltspflicht vor. Die Bank verlor 2013 den in der Schweiz geführten Prozess in letzter Instanz, obwohl sie mehrfach versichert hatte, nicht im Besitz der DDR-Millionen zu sein: Dennoch musste sie 254 Millionen Euro an den deutschen Staat zahlen. Wie die Summe zustande kam? Belege fanden sich über 128 Millionen Euro– samt Zinsen und Prozesskosten macht das die besagten 254 Millionen.

Deutschland lässt freilich nicht locker: Am 15.August hat die BvS die Schweizer Bank Julius Bär verklagt. Es geht wieder um verschwundene DDR-Millionen, diesmal um 135Millionen Euro. Sie sollen ebenfalls über die frühere Länderbank (jetzt Bank Austria) zwischen Wien und Zürich hin- und hergeschoben worden sein. Betroffen ist laut Klage die frühere Cantrade Privatbank, die Julius Bär 2005 von der UBS übernommen hat. Deshalb, so Julius Bär, trage die UBS das rechtliche Risiko für die Tochter.

Rudolfine Steindling soll auch in diesem Fall eine Rolle gespielt haben. Sie kann allerdings weder zu dieser noch zu anderen Transaktionen, die durch die Mauerfallwirren möglich geworden sind, befragt werden. Schade – Fini's Erzählungen würden wahrscheinlich Stoff für gleich mehrere Thriller à la John le Carré abgeben.

Gut vernetzt

Rudolfine Steindling trat als 25-Jährige der KPÖ bei. Dort war sie Treuhänderin der Partei und verwaltete auch die Gelder der Firma Novum, die die Geschäfte von Westfirmen mit der DDR abwickelte und dafür Provisionen kassierte.

In den Mauerfallwirren transferierte die sogenannte Rote Fini Novum-Geld in die Schweiz und danach nach Österreich. Seither ist es verschwunden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.11.2014)

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