Konklave und Oktoberfest Konstanz und sein Konzil

Vor 600 Jahren, im November 1414, wurde das Konzil von Konstanz eröffnet. Für vier Jahre wurde die Stadt zum Umschlagplatz für das geistige Leben der Zeit, bot aber auch ein üppiges Panorama an Lustbarkeiten.

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Konstanz Konzil – (C) Frei

Kein Krieg hat Konstanz je zerstört, das Altstadtviertel trägt den Namen Paradies zu Recht. Spaziert man vom Münster in Richtung Bodenseehafen zum Konzilsgebäude, wird man an 1414 erinnert, als der Name der Stadt „über die ganze Erde erging“ und die Welt nach Konstanz kam. Es wurde daher 2014 nichts ausgelassen, um im Jubiläumskarussell zwischen Wiener Kongress (1814) und Weltkriegsbeginn (1914) auch dieses 14er-Jahr nicht untergehen zu lassen, vier Jahre soll das noch so weitergehen. Verständlich: Nie vorher und nie nachher war Konstanz so sehr der Mittelpunkt der Welt wie zur Zeit des Konzils.

Nicht auslassen sollte man beim Stadtrundgang den Kaiserbrunnen, er wird verziert durch einen Pfau mit drei Köpfen, jeder trägt eine päpstliche Tiara, zur Erinnerung an das große abendländische Schisma, jene krisenhaften, verstörenden Jahrzehnte der Kirchenspaltung nach 1378, als zwei, schließlich sogar drei Päpste gleichzeitig um den Thron Petri konkurrierten. Dem einfachen Gläubigen mochte es ausreichen, zu seinem Pfarrer zur Kommunion zu gehen, doch drei Päpste bedeuteten: gleichzeitig mehrere Kurien, Kardinalskollegien, Hierarchien, Gefolgschaften. Weltliche Herrscher suchten ihre geistliche Legitimation – aber bei wem? Kirchliche Reformfragen blieben ungelöst. Um des Seelenheils willen musste klar sein, wer der „wahre“ Papst war. Ein Leben außerhalb der sinngebenden Instanz der Kirche war undenkbar. Niemals vorher im Mittelalter waren die Menschen so fromm und kirchentreu wie im 15. Jahrhundert, die Kirchenkritik der Reformation entstand ja auch durch die erhöhten Ansprüche einer vertieften Frömmigkeit an die Kirche.

70.000 Besucher. Wenn es der Kirche schlecht ging, musste ihr Schutzherr auf den Plan treten. Die Beruhigung der desorientierten abendländischen Christenheit war dem römisch-deutschen König Sigismund aus dem Haus der Luxemburger ein Anliegen. Eine große Kirchenversammlung sollte alles richten, und zwar in Konstanz: Die Stadt lag in seinem Reichsgebiet, bot gute Anreisemöglichkeiten auch zu Wasser, hatte als Bischofssitz Ritualerfahrung und versprach, die nötige Infrastruktur zur Verfügung zu stellen. Ein tollkühnes Unterfangen, 7000 Bewohner empfingen im Lauf von vier Jahren (natürlich fluktuierend) rund 70.000 Konzilsbesucher und ebenso viele Pferde, ein temporärer Ausnahmezustand, den die Bewohner der Reichsstadt zunehmend zu genießen begannen, da sich das Konzil im Lauf von vier Jahren zu einem Mittelding zwischen Konklave und Oktoberfest entwickelte.

Da jeder der drei Päpste sich für den richtigen hielt, verdammte er die anderen und deren Anhänger. So wurde bald klar: Das Konzil konnte nur Erfolg haben, wenn alle drei ausgeschaltet wurden. Das gelang – mit Diplomatie und Mobbing. Die Entscheidung fiel, als der mit großem Pomp angereiste Johannes XXIII. eines Nachts überstürzt abreiste, um das Konzil zu sprengen. Mit unglaublichem Problemlösungsoptimismus einigten sich die zunächst verschreckten Konzilsteilnehmer auf ein revolutionäres Dokument: ein beschlussfähiges Konzil ohne Papst. Damit sind wir bei der großen historischen Bedeutung der Konstanzer Kirchenversammlung: In einer krisenhaften Situation wird der päpstliche Anspruch umgedreht. Nicht dort, wo der Papst ist, ist die Kirche, sondern dort, wo das Konzil als Repräsentation der Gesamtkirche ist.

Der Papst wird in diesem Konziliarismus nur als wichtiger Teil der Kirche gesehen, aber nicht als ihr Herrscher, eine revolutionär neue Austarierung von Papst und Konzil, die gleich wieder zurückgenommen wurde, aber im Augenblick der Not einen Ausweg aus dem Schismaproblem bot und in der Tat durch die Wahl eines neuen Einheitspapstes in Konstanz gekrönt wurde. Eine Sternstunde der Kirchengeschichte, in der Folgezeit war aber die Möglichkeit einer Parlamentarisierung der Kirche für das römische Papsttum ein Schreckgespenst. Eine korporativ-kollegial verfasste Kirche – der Gedanke ist im Zweiten Vatikanischen Konzil wieder aufgenommen worden und gilt nach wie vor als unerledigt. Manche vertrauen heute auf Franziskus, den Papst, der zuhört. Eine schöne Pointe: Eröffnet wurde das II. Vatikanum 1962 von dem populären Papst Johannes XXIII., seinem Vorgänger gleichen Namens hat die Kirchengeschichte die Anerkennung verweigert.

Ein besonderes Paradoxon der Konstanzer Reformsynode darf natürlich nicht ausgeklammert werden: Gerade in der papstlosen Zeit glaubte man, sich Milde gegenüber einem Ketzer nicht erlauben zu dürfen. Der tschechische Reformator Jan Hus, dem von König Sigismund freies Geleit zugesagt worden war, wurde wegen seiner häretischen Thesen in Konstanz eingekerkert und nach einem Ketzerprozess, bei dem gegen seine Argumente angeschrien wurde, verbrannt, eine kompensatorische Handlung, mit der das Konzil in einer labilen Phase der Selbstfindung seine Orthodoxie unter Beweis stellen wollte. Man wird 2015, im Hus-Gedenkjahr, mehr darüber lesen können.

Geradezu elektrisiert wurden durch das Konzil die vielen Universitätsgelehrten, die nach Konstanz gereist waren. Das kirchenpolitische Großereignis zog ja auch die Gesandten aller europäischen Mächte an und wurde zu einer Begegnungsstätte der Kulturen, die Delegationen stammten von Uppsala bis Neapel, von Lissabon bis Konstantinopel, ja sogar von Kiew und Äthiopien. Auf breitester Ebene war der Austausch von Wissen und Worten möglich, eine faszinierende Produktion, Diffusion und Rezeption von Theorien und Gedanken, wie es bis dahin keiner der Beteiligten gekannt hatte. Repräsentative Teile der intellektuellen Eliten Europas redeten, verhandelten, stritten. So ging das Konzil von Konstanz auch als „Konzil der Gelehrten“ in die Geschichte ein.

Kulturgeschichtlich von enormer Bedeutung war die Anwesenheit der italienischen Humanisten, die Konstanz vorübergehend zu einem Außenposten von Rom und Florenz machten. Ihnen war bekannt, dass in den Bibliotheken der Klöster nördlich der Alpen verloren geglaubte Schriften antiker Autoren von Cicero bis Quintilian aufbewahrt wurden, die es nun vor dem Dunkel und Schmutz des barbarischen Nordens zu retten galt. Am bekanntesten wurde der Papstsekretär und humanistische Bücherfreund Poggio Bracciolini, dem Harvard-Professor Stephen Greenblatt sein Buch „Die Wende – Wie die Renaissance begann“ widmete. Poggio, ein manischer Handschriftensucher, durchkämmte die süddeutschen Klosterbibliotheken und fand – das Konzil machte gerade Pause – das verschollene Manuskript von „De rerum natura“ des römischen Autors Lukrez. Das Buch löste unter den Gelehrten ein geradezu explosionsartiges Interesse an der Antike aus. Für die christliche Welt war das Werk mit seinem materialistischen Credo eine Zumutung: ein Universum, bestehend aus unzähligen Atomen, das keine Unsterblichkeit, keinen Schöpfer kennt. Greenblatt erkennt in diesen atheistischen Thesen ein Grundbuch der Aufklärung und der radikalen, religionsfreien Moderne. Die Renaissance und damit die Neuzeit waren nach Greenblatt mit der Verbreitung dieses Buches geboren, lang bevor Christoph Columbus die Segel setzte.

Mit der Wahl von Papst Martin V. am 11. November 1417 im „Kaufhaus“, wo das hermetisch abgeriegelte Konklave tagte, war das „Wunder von Konstanz“ vollendet, die Einheit wiederhergestellt. Das Konzil hatte seinen prominenten Platz im kollektiven Gedächtnis der Nachwelt gesichert.

Der Konzils-Blogger. Ulrich Richental, dem Chronisten der Stadt, verdanken wir eine genaue Beschreibung. Vier Jahre lang hat er auf den Straßen und Plätzen der Stadt Augen und Ohren weit offengehalten. Er bereitete die Ereignisse auf, inszenierte und vermarktete das Konzil, sodass es bis heute populär geblieben ist. Die Illustrationen seiner Chronik finden sich heute in jedem Schulbuch zur Geschichte des Mittelalters. Er erzählt von den italienischen Pastetenbäckern, die auf der Straße ihre gefüllten Teigtaschen anboten, von den Turnieren und Gastmählern. Richental wurde von der Stadt sogar beauftragt, die Zahl der Hübschlerinnen zu eruieren, die in Häusern, Ställen und sogar Weinfässern ihre sexuellen Dienste während der Konzilsjahre anboten: Er kam auf die erstaunliche Zahl von 700 „offenen“ Frauen, bei den heimlichen hat er zu zählen aufgehört. Ein gottesfürchtiger Sündenpfuhl. Und er verschweigt auch nicht, dass der stets wenig solvente König Sigismund abgereist war, ohne seine Schulden zu begleichen. Den finanziellen Katzenjammer nach Großveranstaltungen kennen wir heute auch.

Fakten

Eröffnung
Der Gegenpapst Johannes XXIII. eröffnet am 5. November 1414 das Konzil von Konstanz.

Revolutionäres Dekret
Am 6. April 1415 erlässt das Konzil ein Dekret („Haec sancta“), durch das drei konkurrierende Päpste als abgesetzt gelten und das Konzil neue Vollmachten erhält.

Ketzerverbrennung

Am 6. Juli 1415 wird der tschechische Reformator Jan Hus als Ketzer verurteilt und verbrannt.

Neuer Papst
Mit der Wahl von Papst Martin V. am 11. November 1417 ist das Hauptziel des Konzils erreicht: Die Kirchenspaltung ist beendet. Das Konzil endet im April 1418.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.11.2014)

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