Forscher als Helden: Polar-Expedition begeisterte Wien

Dem Team um Carl Weyprecht gelang 1874 die Entdeckung des Franz-Josef-Landes. Begeisterung löste auch ihre Art der Reisefinanzierung aus: eine frühe Art des Crowdfundings.

Carl Weyprecht (rechts) mit Julius Payer auf der Titelseite des Illustrierten Wiener Extrablattes am 25. September 1874
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Carl Weyprecht (rechts) mit Julius Payer auf der Titelseite des Illustrierten Wiener Extrablattes am 25. September 1874
Carl Weyprecht (rechts) mit Julius Payer auf der Titelseite des Illustrierten Wiener Extrablattes am 25. September 1874 – (c) Stadtchronik Wien, Wikipedia

Obwohl Expeditionen im 19. Jahrhundert in vielen Nationen in Mode waren, sticht die österreichisch-ungarische Polar-Variante vor allem durch die Massenbegeisterung hervor, die die Forscher auslösten. So jubelten 1874 hunderttausende Menschen am Wiener Nordbahnhof den Rückkehrern Carl Weyprecht und Julius Payer sowie deren Mannschaft zu. Als Grund für die Begeisterung - für die Forscher war Wien nur eine weitere Station auf ihrer von Empfängen und Banketten begleiteten Tour durch Europa – führt die Historikerin Ulrike Spring nicht nur die Entdeckung des Franz-Josef-Landes an einer Stelle, an der man eigentlich nur Eis erwartet hatte, an, sondern vor allem auch in der dramatischen Geschichte, die zu dieser führte.

Ursprünglich hatten sich die Teilnehmer der Expedition ein anderes Ziel gesteckt: Sie wollten die Nord-Ost-Passage erforschen, schreiben Spring und der Literaturwissenschafter Johan Schimanski in ihrem Buch "Passagiere des Eises. Polarhelden und arktische Diskurse 1874". Dann aber wurde das Team vom Eis eingeschlossen und abgetrieben - über zwei Jahre lang saß man in den Eismassen fest. "Niemand hat gewusst, ob sie überhaupt noch leben. Als dann beinahe alle Teilnehmer heil zurückkamen, war die Begeisterung groß", erklärte die Historikerin. Obwohl das Schiff - und damit die meisten Ergebnisse und Aufzeichnungen - bei der Flucht aus dem Eis zurückgelassen werden mussten, beklagte das Team nur ein Todesopfer: Maschinist Otto Krisch starb an Tuberkulose.

Symbol für das bröckelnde Habsburgerreich

In Wien selbst bekamen die Feierlichkeiten dann noch einen weiteren Aspekt: "Die Expedition war nicht mehr nur auf die Arktis bezogen, sondern wurde auf die österreichisch-ungarischen Verhältnisse umgelegt", so die Historikerin. Zusammengesetzt aus Teilnehmern aller Länder der Monarchie wurde das Abenteuer zum Symbol für das bereits zu bröckeln beginnende Habsburgerreich. Gemeinsam - und unter deutschsprachiger Führung - könne man doch mehr erreichen, lautete der Spin, den auch viele Medien bereitwillig übernahmen. Dazu mischte sich der Stolz auf die hauptsächlich aus Italien und Kroatien stammenden Matrosen.

Die starke Identifikation mit den zu Helden stilisierten Forschern erklären die beiden Autoren mit der ungewöhnlichen Finanzierung der Reise. Neben privaten Großsponsoren verließ man sich auf eine frühe Art des Crowdfundings: Die Bevölkerung wurde aufgefordert, für Materialien und Versorgung zu spenden. "So wurde dann auch der Erfolg als ein Ereignis gedeutet, das erst die Wiener und Österreicher möglich gemacht haben", meinte Spring, deren Werk am Dienstag erscheint.

In seinen sozialen Aspekten sei das Massenspektakel ebenfalls nicht zu unterschätzen gewesen, so die Wissenschafterin. Denn an der Expedition nahmen Männer aus allen Gesellschaftsschichten teil. "Die Forscher wurden deshalb auch als Repräsentanten des neuen und modernen Österreichs gefeiert - jeder hatte plötzlich die Möglichkeit, ein Held zu werden." Vor allem liberale Zeitungen hätten das Thema deshalb gerne aufgegriffen.

Magere Ergebnisse

Auch abseits der Medien bestimmten die Rückkehrer das Tagesgespräch und dienten als Inspirationsquelle, etwa für den Schriftsteller Peter Rosegger oder Eduard Strauss' "Weyprecht-Payer-Marsch". Nach dem ersten Hype geriet die Expedition und ihre Teilnehmer im Gegensatz zu Forschern wie dem Norweger Roald Amundsen eher in Vergessenheit. Das erklärt Spring einerseits mit den mageren Ergebnissen und andererseits den beiden Leitern, die sich zunehmend anderen Themen zuwandten. Payer orientierte sich etwa zum Historienmaler um.

(APA)

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