Der Staatsvertrag: Erst Stalins Tod machte den Weg frei

Zehn Jahre dauerten die Besatzung und die Bewachung Österreichs durch die alliierten Siegermächte. Churchill und Stalin lieferten sich ein Fernduell. Die Mitschuld Österreichs am Weltkrieg wurde überraschend gestrichen.

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Josef Stalin – Reuters

Noch heute, sechzig Jahre danach, ist der 15. Mai der insgeheime Nationalfeiertag Österreichs. Der Jubelruf Leopold Figls 1955 im Marmorsaal am Schluss seiner kurzen Ansprache, „Österreich ist frei!“, ist in den Geschichtskanon dieser Republik eingegangen. Lautsprecher übertrugen diesen Satz hinunter in den Park des Belvederes, wo eine tausendköpfige Menschenmenge auf die berühmte Balkonszene wartete.

Sie war spontan, völlig ungeplant. Als Figl gegen jedes Protokoll den unterschriebenen und gesiegelten Vertrag schnappte und ihn auf dem Balkon präsentierte, war Österreich plötzlich das, worüber jahrzehntelang hitzig gestritten wurde: eine Nation. Zum ersten Mal konnten einander alle umarmen: Kommunisten, Sozis, Schwarze und auch die Nazis. Wie viel schlechtes Gewissen da mitgespielt hat, lässt sich erahnen. Der Zehnjährige auf den Schultern des Vaters hat es noch nicht verstanden. Zehn lange Jahre hat das Ringen der Österreicher um Selbstbestimmung, Autonomie und Souveränität gedauert. Unzählige Verhandlungen lagen in diesen Jahren zwischen 1945 und 1955, mehrmals schien das ersehnte Ziel gefährdet.

„Austria was the first free country to fall a victim to Nazi aggression.“ Das notierte am 20. Juni 1943 der britische Berufsdiplomat Geoffrey W. Harrison als Entwurf für ein geplantes Treffen der Außenminister Großbritanniens, der USA und der Sowjetunion, das im Oktober in Moskau über die Bühne gehen sollte. „Das war natürlich beste Churchill-Prosa“, sagt der Doyen der heimischen Historikerzunft, Gerald Stourzh, über das Zustandekommen der Moskauer Erklärung zu Österreich. Diese später weltberühmte Moskauer Deklaration von 1943 sollte der Grundstein für die Wiedererrichtung Österreichs nach dem Zweiten Weltkrieg werden.

Englands Kriegspremier, Winston S. Churchill, war wesentlich hellsichtiger als Franklin Roosevelt. Der US-Präsident überlegte, nach gewonnenem Krieg seine Truppen überhaupt aus Europa abzuziehen und die Vorherrschaft den Briten und den Sowjets zu überlassen. Österreich, Ungarn, Kroatien würden wohl unter russisches Protektorat fallen, meinte er zu Kardinal Francis Spellman. Churchill hingegen sah in Österreichs Unabhängigkeit den ersten Schritt für eine umfassende Neugestaltung Mitteleuropas: Österreich sollte mit Polen, der Tschechoslowakei, Jugoslawien, Griechenland und Ungarn eine Konföderation bilden. Dagegen wehrten sich freilich die Sowjets schon im Ansatz. Es war ein strategisches Fernduell zwischen Stalin und Churchill: Der Brite wollte den Vormarsch der Sowjets ins Herz von Europa eindämmen, die Russen strebten nach einem „Glacis“, einem Vorfeld unterworfener Staaten, das sie kontrollieren konnten. Auch der Begriff des Eisernen Vorhangs, der sich über Mitteleuropa gesenkt und den Kontinent zerrissen hat, stammt von Churchill.

Natürlich ging es den Alliierten nicht nur um die militärische Lage des Landes im Herzen Europas. Die Sowjets hatten auch handfeste wirtschaftliche Interessen. Der polnische Historiker Bogdan Musial illustriert die Ansprüche Stalins an das verarmte und ausgeblutete Österreich drastisch: Neunzig Mal unterzeichnete der Kreml-Herrscher Beschlüsse über Beschlagnahmungen österreichischer Firmen. Ganze Demontagetrupps transportierten ab, was nicht niet- und nagelfest war: 26.956Werkzeugmaschinen, Pressen, Werkbänke, Hochöfen, 77 Walzstrecken, 8310Elektromotoren, Halbfabrikate, Telefonapparete, Papier, Buntmetalle usw. 31.200Eisenbahnwaggons rollten damit aus Österreich in die ebenso ausgeblutete Sowjetunion. 1949 wäre es beinahe geglückt, aber die einstigen Kriegsverbündeten trauten einander nicht über den Weg. Erst im April 1955 – Stalin war zwei Jahre davor gestorben – kam die völlig überraschende Einladung des Kreml an Österreichs Regierung, über einen Staatsvertrag zu verhandeln. Ein Friedensvertrag konnte es ja nicht sein, da Österreich von 1938 bis 1945 nicht existierte.

Über den Verlauf der dreitägigen Gespräche in Moskau gibt es unterschiedliche Darstellungen der vier Hauptakteure Julius Raab, Leopold Figl, Adolf Schärf und Bruno Kreisky. Am 2. Mai 1955 ging es in Wien in die Endrunde. Eine Botschafterkonferenz feilte an dem Text, mit am Tisch die Österreicher unter Führung von Außenminister Figl und Staatssekretär Kreisky. Im Absatz III der Präambel war noch die Rede davon, dass Österreich zwar von Hitler 1938 annektiert wurde, aber als „integrierender Teil Hitler-Deutschlands“ an dem Weltkrieg teilnahm, sodass es sich „einer gewissen Verantwortlichkeit nicht entziehen“ könne.

Erst am 14. Mai, bei der Außenministerkonferenz am Vortag der Unterzeichnung, gelang es Figl, die diskriminierende Passage aus dem Text zu streichen: Dafür habe er nicht im KZ gelitten, das könne er seinen Leidensgenossen nicht zumuten. Überraschenderweise akzeptierten die Sowjets seinen Einwand. Hätte es nicht „Österreich“ geheißen, sondern „das österreichische Volk“, wie von den Amerikanern vorgeschlagen, dann hätte sich Figl schwerergetan. So aber setzte er seinen Willen durch. Figls blauer Strich durch den ganzen Absatz wurde für Österreich Goldes wert.

Dieser Textentwurf tauchte 2005 bei einer Auktion auf. Wirtschaftskammer-Präsident Leitl erstand das 36Seiten umfassende Konvolut privat und schenkte es der Wirtschaftskammer. Dort wird der Text von Zeit zu Zeit öffentlich präsentiert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.05.2015)

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