Wiener Kreis: „Der Philosoph will immer vernebeln“

In den Zwanzigerjahren wurde der Wiener Kreis an der Wiener Universität bestenfalls geduldet, in den Dreißigern wurde er aus Österreich vertrieben. In ihrem Jubeljahr widmet die Uni ihm eine umfassende Ausstellung.

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Feigl/ Schlick – (C) IWK

Der Sinn des Lebens ist die Jugend.“ „In der Logik gibt es keine Moral.“ „Das Rätsel gibt es nicht.“ Diese wie Punk-Slogans klingenden Sprüche an der weißen Wand – sie stammen von Moritz Schlick, Rudolf Carnap und Ludwig Wittgenstein – springen dem Besucher sofort ins Auge. Sie illustrieren knapp, was den intellektuellen Reiz des Wiener Kreises (auch) ausmachte und ausmacht: die Lust am Widerspruch, am Hinwegfegen vermeintlichen Sinns, am Erhellen von Nebulösem.

„Der Philosoph will immer vernebeln“, befand Ökonom Otto Neurath, und Mathematiker Hans Hahn verwies diesen auf ein enges Terrain: „Philosophie treiben heißt nur: Sätze der Fachwissenschaften kritisch danach prüfen, ob sie nicht Scheinsätze sind.“

Mit dieser antimetaphysischen, positivistischen Haltung standen die Protagonisten des Wiener Kreises in der Tradition des Physikers und Philosophen Ernst Mach, aber auch seines Gegners Ludwig Boltzmann, dessen antimetaphysische Haltung schon etwas Angeekeltes hatte: „Der unwiderstehliche Drang zum Philosophieren“, schrieb er, „ist wie der Brechreiz bei Migräne, der etwas auswürgen will, wo nichts ist.“ In der Ausstellung liest man ein faszinierendes Dokument: Boltzmann attackiert Schopenhauer mit genau den Worten („degenerierter Philosophaster“ etc.), mit denen dieser seinen Konkurrenten Hegel attackiert hatte.

 

Treffen in der Boltzmanngasse

Dass sich die Vertreter des Wiener Kreises ab 1924 in der Boltzmanngasse trafen, lag aber nicht primär an deren Namen, sondern daran, dass dort das Institut für Physik war. Denn an den geisteswissenschaftlichen Instituten hatte die „wissenschaftliche Weltauffassung“, die sich der Wiener Kreis stolz selbst attestierte, wenig Platz. Dort herrschten Neo-Kantianer, Metaphysiker, Verfechter jener Schulen also, die den Positivisten zuwider waren. Dazu geistige Vorreiter des Faschismus wie Othmar Spann, der schon Ende der Zwanzigerjahre in die NSDAP eintrat, sich dann aber mit seinem Buch „Der wahre Staat“ als Ideologe des Ständestaats etablierte. Antisemit war er sowieso.

So begann die „Vertreibung der Vernunft“, über die Friedrich Stadler vom Institut Wiener Kreis schon 1987 schrieb, bereits vor 1938 und auch schon vor 1934. Von „Autoamputation“ spricht Medienkünstler Peter Weibel, der sich seit Langem mit dem Wiener Kreis befasst: Er sieht in dessen Versuchen, Wahrheit auf Berechenbarkeit zurückzuführen, die Grundlagen der digitalen Revolution.

Mit der Ausstellung über den Wiener Kreis im Rahmen des 650-Jahr-Jubiläums der Uni Wien gehe die „Autoamputation“ der Uni Wien zu Ende, meint Weibel, der dafür u.a. eine Installation geschaffen hat, in der man mittels Wikipedia durch die Welt des Wiener Kreises surft, mit netten Fehlleistungen. So findet man ein Bild des Liedermachers Erwin Hilbert neben dem des Mathematikers David Hilbert. Und auch Johann S. Bach poppt auf: Das liegt am Buch „Gödel, Escher, Bach“ (1979), mit dem Kurt Gödel ein populärwissenschaftliches High beschieden war, als man an der Wiener Uni noch nicht an ihn dachte.

Nun hat man dort für ihn und seine Kollegen eine neue Tür ins Hauptgebäude der Uni Wien, links von den Stiegen zum Haupteingang, gebaut, sie öffnet den Weg in Räume, die später Hörsäle werden sollen und jetzt die Ausstellung „Der Wiener Kreis – Exaktes Denken am Rand des Untergangs“ beherbergen. Gebaut hat sie Architekt Hermann Czech, der mit ihrem Ort sehr zufrieden ist: „Rechts oben gefiele mir nicht so gut wie links unten...“

 

Scheinprobleme und Drommetenrot

Entsprechend wird auch die Nähe des Wiener Kreises zum Roten Wien gewürdigt: Vor allem Ökonom Otto Neurath war an der Arbeiterhochschule engagiert. Immer wieder beeindruckend, wie stark die Sozialdemokratie damals auch eine Bildungsbewegung war! Von Neurath ist u.a. ein persönliches Exemplar von Stefan Zweigs „Die Welt von Gestern“ zu sehen, von Carnap eine Seite seiner „Scheinprobleme der Philosophie“, mit dem Satz: „Die Aussage: ,Es gibt eine Farbe Drommetenrot, deren Anblick Entsetzen erregt‘, ist nicht nachprüfbar.“ Diese Farbe hat der Schriftsteller Leo Perutz in seinem Roman „Der Meister des Jüngsten Tages“ vorgestellt, auch Moritz Schlick gefiel dieses Zitat.

Man kann, sollte lange schlendern durch die nicht als Parcours gestaltete – und damit den Besucher stark fordernde – Ausstellung, man findet Aufregendes. Wie Kurator Karl Sigmund selbst, der in einer Ausgabe von Wittgensteins „Tractatus“ (dem „Gmundner Typoskript“) einen berühmten Satz noch als handschriftliche Ergänzung entdeckte: „Und es ist nicht verwunderlich, dass die tiefsten Probleme eigentlich keine Probleme sind.“

Ebenfalls im „Tractatus“ steht: „Wir fühlen, dass selbst, wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind.“ Das lässt sich vielleicht an dieser reichen Ausstellung kritisieren: dass sie das positivistische Pathos auch in den Erklärungstafeln gar nicht hinterfragt. „Die wissenschaftliche Weltauffassung ist zur Selbstverständlichkeit geworden“, steht da etwa. Was das heißen soll, bedürfte eines eigenen Symposiums.

„Der Wiener Kreis“, kuratiert vom Mathematiker Karl Sigmund und vom Historiker Friedrich Stadler, bis 31.Oktober. Von Sigmund ist dazu bei Springer das Buch „Sie nannten sich der Wiener Kreis“ erschienen. Am Samstag erscheint in der „Presse“ in der Serie „Die Welt bis gestern“ ein Artikel über die Ermordung Moritz Schlicks durch einen Studenten im Jahr 1936.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.05.2015)

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