Sind wir denn noch zu retten? 2015 und die Unordnung Europas

Rückgriffe auf die Geschichte Europas können warnen, mutlos machen, sie zeigen aber auch Beispiele für erfolgreiches Krisenmanagement wie etwa den Wiener Kongress vor 200 Jahren. 2015 gelang kein Durchbruch bei der Krisenbewältigung.

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(c) APA/EPA/PATRICK SEEGER

Mit 2015 ist Europa tief im 21. Jahrhundert angekommen und wir brauchen keine Zeithistoriker, um festzustellen: Es ist ein Zeitalter der allgemeinen Unsicherheit, seit dem Ende des Kalten Krieges gab es noch nie so viele Krisen. Was den Europäern vor allem auf die Stimmung drückt, sind die mannigfachen Niedergangsszenarien, die an die Wand gemalt werden, der Niedergang der abendländischen Wertewelt, der wirtschaftlichen Prosperität, der sozialen Auffangnetze, der Bürgerrechte, der Datensicherheit, der Sicherheit auf Sportplätzen, man stößt bei der Aufzählung an kein Ende. Michael Stürmer verglich vor Kurzem die Verwerfungen und Staatenauflösungen im Mittleren und Nahen Osten mit einem neuen Dreißigjährigen Krieg, den Auswirkungen könne sich auch Europa – das beweise 2015 – nicht entziehen. Gruseliger kann man ein Untergangsszenario gar nicht entwerfen als mit dem Rückgriff auf eine Zeit, als ganze Regionen Europas entvölkert wurden.

Rückgriffe auf die Geschichte wie diese können mutlos machen oder im günstigeren Fall warnen, doch die Geschichte hat nicht nur katastrophale Fehlentwicklungen zu bieten, sondern auch Beispiele für erfolgreiche Anpassungsleistungen, die die Europäer bei der Bewältigung von schweren Krisen zu erbringen imstande waren. 1648 gelang eine wohlüberlegte Entzerrung konfessioneller Fundamentalkonflikte, 1714, am Ende des Spanischen Erbfolgekriegs, führte eine ähnliche Kraftanstrengung zu einer konstitutiven Verankerung des Systems des Gleichgewichts der Kräfte. Exakt 100 Jahre später, im Herbst 1814, trafen sich Europas Monarchen und Diplomaten zum Wiener Kongress, der nichts Geringeres als die epochale Aufgabe der Neuordnung des durch die Napoleonischen Kriege verwüsteten Europas zu leisten hatte und diese Aufgabe auch löste, bis der Nationalismus dieses System zerstörte.

Das Zeitalter der Weltkriege hat noch nicht aufgehört, das kollektive Gedächtnis zu prägen, noch und gerade 2015 liefert dieser Bezugszeitraum Hilfe für das Verständnis der gegenwärtigen Konflikte. Weltpolitisch abgearbeitet erscheinen mit dem Ende des Kalten Krieges, der Wiedervereinigung Deutschlands und der Befreiung Osteuropas vom Kommunismus die politischen Folgen des Zweiten Weltkriegs, doch Historiker weisen derzeit darauf hin, wie die Folgeprobleme des Ersten Weltkriegs nach dem Ende der Blockkonfrontation wieder an Dynamik gewonnen haben und ursächlich mit heutigen geopolitischen Konflikten zusammenhängen. Der Krisenbogen reicht vom ehemaligen Jugoslawien bis zur Ukraine und die Kaukasusregion, im Nahen Osten spannt er sich von Ägypten zum Maghreb und zum Palästinenser-Konflikt. Explosiv wurde diese Mischung, als der islamistische Terrorismus und die schon länger bestehende Nord-Süd-Migration nicht nur hinzukamen, sondern sich mit diesen Konfliktstrukturen verbanden.

Europa, die Welt, wartet auf eines jener Schlüsseljahre, in denen es wie 1815 gelingt, den Knoten zu entwirren. 2015 hat diese Leistung nicht erbracht, es ist vielmehr ein Jahr der großen Enttäuschungen. Die Enttäuschung, dass eine Einbindung Russlands in die westlichen Wertevorstellungen nicht gelungen war, wurde bereits 2014, im Jahr der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim, deutlich und hat sich nun verfestigt. Seit dem Vorjahr gewann die Konfrontation der alten Blöcke des Kalten Kriegs, seit 1989 totgeglaubt, wieder Gestalt, sie ist zeitweise überlagert durch die neuen Bedrohungen für die Welt aus dem Nahen Osten, kann aber etwa in der Ukraine jederzeit wieder virulent werden. Die dramatischen Konfliktfronten, die im Nahen Osten das alte Staatensystem zu zertrümmern beginnen, haben ihre Wurzeln im Ersten Weltkrieg und im gescheiterten Engagement des Westens in dieser Region. Insbesonders die Politik der vorbeugenden Kriege und Rachefeldzüge in der Zeit nach 9/11 sind Beispiele für verheerendes Versagen.

Postheroisches Paradies.
Am bedrückendsten für uns Europäer ist zweifellos jene aktuelle Entwicklung, die die Selbstzivilisierung Europas nach 1945 durch den europäischen Einigungsgedanken infrage stellt. Europa hatte sich im Selbstbild eines „postheroischen Paradieses von Frieden und relativem Wohlstand“ (Robert Kagan) wohnlich eingerichtet, der Entwicklungsstand Westeuropas als eine der wohlhabendsten Regionen der Welt wirkte beruhigend. Man beobachtete mit Blick über den Atlantik den immer wieder vorhergesagten Abstieg der Vereinigten Staaten, der dann doch nie eintrat. Bis dann in der Eurokrise die ersten Warnungen laut wurden: „Europa steht in meinen Augen an der Schwelle zu einem historischen Niedergang von Macht, Einfluss und Zukunftsaussichten“, sagte nicht nur Al Gore. Freilich: welcher Macht? Im welthistorischen Maßstab ist eine globale Dominanz Europas eher der Ausnahmefall, eine Episode, Europa als Kraftzentrum der Welt war nicht die Regel, nur im 19. Jahrhundert, in der Zeit des Imperialismus und des Kolonialismus, war es weltbestimmend, seine überschießende Dynamik schlug um und die europäischen Mächte zerstörten sich im Ersten Weltkrieg selbst. Die Vormachtstellung der beiden globalen Supermächte des vorigen Jahrhunderts, der USA und der Sowjetunion, wurde bereits 1917 angelegt. In den Jahrzehnten zwischen 1914 und 1945 erlebte Europa eine so dichte Abfolge von Kriegen, Krisen und Katastrophen, wie es sie seit dem Dreißigjährigen Krieg nicht erlebt hatte. Die Kriegszerstörungen wirkten dann durch den Wiederaufbaubedarf wie ein Konjunkturmotor für die Boomjahre bis 1975, die eigentliche goldene Zeit des Kapitalismus. Erst der Ölpreisschock in den Siebzigerjahren vermittelte ein Gefühl dafür, dass dies ein Ablaufdatum haben könnte.

Als dann im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts die ostasiatischen Wachstumsregionen auf den Plan treten, wird Europa endgültig nur ein Player unter anderen, der von Krisen gequält wird, seinen Wohlstand auf Pump finanziert und sich mit zunehmender Fortschritts- und Wachstumsskepsis auseinandersetzen muss. Was uns von den asiatischen Wachstumsregionen unterscheidet: An permanente Selbstkorrektur und produktive Selbstkritik, etwa, was unsere Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft betrifft, müssen wir uns erst gewöhnen. Das Ziel, in wichtigen Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik weltpolitisch mit einer Stimme aufzutreten, ist 2015 in die Ferne gerückt, hat doch die Europäische Union auf absehbare Zeit genug damit zu tun, die „Geburtsfehler“ bei der Etablierung einer gemeinsamen Währung zu korrigieren. Außerdem sind bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise nationale Egoismen ausgebrochen, mit denen keiner gerechnet hat. Dass das vereinte Europa geschaffen worden ist, um Grenzen zu überwinden, klingt heute wie ein Hohn. Doch Europa verlief noch nie „nach Plan“. Vergessen ist heute, dass bereits 1954 der Traum der Gründerväter scheiterte, als Frankreich den Vertrag zu einer europäischen Verteidigungsgemeinschaft abschmetterte.

Selbstsakralisierung.
Auch die Art, wie die europäischen Gesellschaften auf die Terrorbedrohung islamistischer Barbaren reagieren, wird zunehmend kritisch gesehen, nicht nur, weil das Wahlvolk nationalistische und rechtsextreme Parteien zu wählen begonnen hat. Pankaj Mishra verurteilte in einem Essay in der „SZ“ die selbstbeweihräuchernden Plattitüden derer, die die westlichen Grundwerte beschwören: „Jetzt, da die Kriege des Nahen Ostens auf Europa durchschlagen, trifft das manische Allahu-Akbar-Geheul auf den Trommelwirbel der westlichen Werte.“ Der Westen und selbst Paris seien viel zu vielschichtig, als dass man sie auf solche Schlagworte reduzieren könnte. Auch der Philosoph Hans Joas spricht vom historischen Unsinn einer exklusiven europäischen Werteidentität als einer „Selbstsakralisierung Europas“, die immer hervorgeholt wurde, wenn es galt, den Mangel an Integrationsfortschritten zu kompensieren. Mishra erinnert an Susan Sontag, die nach den Anschlägen von New York dafür plädierte, dass „wir auf jeden Fall gemeinsam trauern, aber auf keinen Fall gemeinsam verblöden“ sollten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.12.2015)

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