Heute vor 100 Jahren: Die Knappheit an Essig

Das Amt für Volksernährung schreitet ein.

Neue Freie Presse am 19. September 1937
 
In Wien macht sich während der letzten Wochen eine größere Knappheit an Speiseessig fühlbar, die einerseits auf die Einlegeperiode, andererseits auf größere Lieferungen für die Heeresverwaltung zurückzuführen ist. Die Organisation der Essigindustrie ist bemüht, Abhilfe zu schaffen und die Produktion der für den Wiener Konsum zu Betracht kommenden Spritessigfabrik mit allen Mitteln zu steigern, um den Bedarf der Bevölkerung an Speiseessig tunlichst zu decken. Ueber Einschreiten des Amtes für Volksernährung gab das Kriegsministerium kürzlich eine bedeutende Menge von chemisch reiner Essigsäure zur Verteilung frei. Diese Verteilung wurde bereits vom Amte für Volksernährung durchgeführt, wobei in erster Linie der Bedarf der Bevölkerung Wiens berücksichtigt wurde. Hiedurch wird es möglich sein, schon in allernächster Zeit einige hunderttausend Liter 2 ½ prozentigen Speiseessig an die Verbraucher abzugeben.
 

Der Brand der Rotunde

“Vorbei! Vorbei! Die Rotunde, die Oesterreich auf einem Teil jenes Großmachtweges begleitet hat”, ist abgebrannt.
 
Neue Freie Presse am 18. September 1937

Gestern gegen 13 Uhr entstand im Nordtrakt der Rotunde ein Brand, der sich, an der Holzkonstruktion des Baues beste Nahrung findend, blitzschnell über den gesamten Riesenkomplex verbreitete und das Ausstellungsgebäude bis auf die Grundmauern einäscherte. Nachdem um 13.30 Uhr die Glaskuppel eingestürzt war, mußte die Feuerwehr das Brandobjekt dem Wüten des Elementes überlassen und sich darauf beschränken, die umliegenden Baulichkeiten vor einem Uebergreifen der Flammen zu schützen. Dies ist gelungen. Menschenleben sind nicht zu Schaden gekommen. Die Kosten eines entsprechenden Neubaues werden mit vier bis fünf Millionen Schilling veranschlagt. Der Bundespräsident, der Bundeskanzler und Staatssekretär Dr. Skubl weilten längere Zeit auf dem Brandplatz, der bis in die späten Nachtstunden von vielen Tausenden von Menschen umlagert war. (...)
 
Als gestern in den ersten Nachmittagsstunden der Schreckensruf “Die Rotunde brennt!” durch die Straßen von Wien gellte und von Mund zu Mund weitergegeben wurde, da schien mit einemmal der großstädtische Verkehr zu stocken. Und manchem Wiener war es in dieser Stunde bitterweh ums Herz. Die Rotunde bedeutete ja den Aelteren unter uns ein Stück Jugend. Sie war eine Herzenssache Wiens und der Wiener. Sie kam gleich nach dem Stephansturm. Ein Wahrzeichen Wiens. Und wer die Höhen des Kahlenberges erstiegen hatte, der hielt zuerst nach der Rotunde Ausschau, um sich nach ihr zu orientieren. Darum dachte man gestern erst in zweiter Linie an den gewiß ungemein großen Schaden. Man vergaß natürlich auch vollständig, daß es der Rotunde seit ihrer Entstehung im Ausstellungsjahr nicht an strengen ästhetischen Kritikern gefehlt hat, die dem Bauwerk Stilmischung zum Vorwurf machten, und daß der Wiener Volkswitz ihr in die Wiege den Spitznamen “Guglhupf” mitgegeben hatte.
 
Es sind heute mehr als zwei Menschenalter her, daß die Rotunde erbaut wurde, wir hatten uns längst an sie gewöhnt und sie ins Herz geschlossen. Sie spiegelte ja die Geschichte Wiens wieder. Sie hat in frohen und in traurigen Tagen ihre Rolle gespielt. Immer mit Anstand und Würde. Die Rotund ist, bevor sie die wichtige Aufgabe übernahm, den Messezwecken zu dienen, der Schauplatz einer langen Reihe von Ausstellungen gewesen. Dort hat Kronprinz Rudolf die Elektrische Ausstellung eröffnet und das berühmte Wort gesprochen: “Ein Meer von Licht strahle von dieser Stadt aus!” Dort hat man sich an den Wunder der Musik- und Theaterausstellungen begeistert. Und an diese Glanzpunkte der Wiener Ausstellungschronik schloß sich eine unendlich lange Reihe von Expositionen aller Art. In der Rotunde haben exotische Schautruppen ihr Lager aufgeschlagen. Pauline Metternich hat dort ihre ersten Feste veranstaltet, die so vielen Wiener Wohltätigkeitsinstituten ihr Wirken ermöglichten. In der Rotunde hat Girardi zum erstenmal das “Fiakerlied” angestimmt, hat Max Reinhardt seine Masseninszenierungen vollführt. Dann kam der Krieg und mit ihm trat wieder der bittere Ernst an die Stelle künstlerischer Darbietungen.
 
Vorbei! Vorbei! Die Rotunde, die Oesterreich auf einem Teil jenes Großmachtweges begleitet hat, von der Weltausstellung an, der sie ihr Entstehen verdankte, bis zur Adriaausstellung, der letzten Ausstellung der alten Monarchie, hat sich auch getreulich in den Dienst des neuen Oesterreich gestellt. Jetzt, nachdem die Rotunde gleich dem Londoner Kristallpalast, gleich dem Münchner Glaspalast das Opfer einer Elementarkatastrophe geworden ist, sieht sich unser Vaterland vor der Aufgabe, für ihren Ersatz zu sorgen. Es ist bezeichnend für den Aufbauwillen und die erstarkte Energie unseres Volkes, daß wir uns nicht sentimentalen Erwägungen hingeben, sondern daß schon in dieser Stunde der Trauer daran gedacht wird, die Rotunde durch ein neues modernes Messegebäude zu ersetzen, dessen Errichtung tausenden fleißigen Händen Arbeit schaffen wird. Wir zerdrücken entschlossen die Träne der Erinnerung und mit beschwingtem Fuß gehen wir den uns vorgezeichneten Weg der Erneuerung und des Wiederaufbaues.

 

Neue Wege der Erziehung

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