Er lebte und schrieb mit dem Blick der Toten

Bücher wie "Die Nacht" und sein Engagement für die Erinnerung an den Holocaust machten ihn zum weltberühmten Überlebenden: Elie Wiesel, Schriftsteller, Friedensnobelpreisträger und Lehrer, starb mit 87 Jahren in den USA.

Elie Wiesel
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Elie Wiesel – (c) REUTERS (GARY CAMERON)

Aus dem Spiegel blickte mich ein Leichnam an. Sein Blick verlässt mich nicht mehr.“ Diese zwei Sätze gehören zu den bekanntesten Sätzen von Elie Wiesel. Sie beenden sein Buch „Die Nacht“, seine Erzählung über seine Jugend und seine Zeit in den Konzentrationslagern Auschwitz und Buchenwald. Vater, Mutter und Schwester starben, der Teenager Elie überlebte „die Nacht“. Doch der Blick des Leichnams blieb.

Zehn Jahre lang dachte Elie Wiesel danach nicht daran, über seine Erfahrungen öffentlich zu reden oder zu schreiben. Der französische, katholische Schriftsteller François Mauriac stimmte Wiesel um, der nach dem Krieg in Paris studierte und zunächst als Zeitungskorrespondent arbeitete. In einem Interview mit Mauriac verglich Wiesel die Leiden der KZ-Opfer mit jenen von Jesus, rührte, heißt es, den Schriftsteller zu Tränen – der zu ihm sagte: „Vielleicht sollten Sie davon erzählen.“ Ab da folgten Bücher auf Bücher, meist über den Holocaust, darunter auch etliche autobiografisch gefärbte Romane, aber auch Leichteres, wie seine wunderbar erzählten chassidischen Legenden.

Elie Wiesel machte aus seinem Schicksal als Überlebender eine Mission – an der er bis zum Lebensende festhielt. Ob er sie am Ende als erfolgreich angesehen hat? Seine letzte große Rede hielt er 2009, als er US-Präsident Barack Obama nach Buchenwald begleitete – wo die Amerikaner den damals 16-Jährigen im Mai 1945 befreit hatten. Nichts habe die Welt aus dem Holocaust gelernt, sagte Elie Wiesel damals. „Wie kann es sonst ein Darfur, ein Ruanda und ein Bosnien geben?“

 

Schrieb das meiste auf Französisch

Auch wenn der 1928 in einem rumänischen Städtchen geborene, nach dem Krieg in Frankreich und dann in den USA heimisch gewordene Autor, Publizist und Universitätslehrer nun mit 87 Jahren in Boston verstorben ist: Immer noch lässt sich aus seinen unzähligen, meist auf Französisch geschriebenen Büchern lernen, auch wenn die unklare Grenze zwischen Fiktion und Autobiografie in seinen Romanen nicht nur Freunde fand. Sein Vater, ein Kaufmann, hatte ihm vor dem Krieg die Liebe zur Literatur und zur hebräischen Sprache vermittelt, die Mutter das Interesse an der Thora, beides blieben Konstanten in seinem Leben. 1963 wurde Wiesel amerikanischer Staatsbürger, 1972 erhielt er eine Professur an der City University of New York, wo er Philosophie, Judaistik und Literatur lehrte, 1978 wurde er Professor für jüdische Studien an der Boston University. Jahrzehntelang betrieb er, obwohl bekennender Agnostiker, Talmud-Studien. Daneben schrieb und schrieb er.

Seine Biografie hatte er schon in Frankreich in Romane fließen lassen, beginnend mit dem erwähnten „Die Nacht“, auf das 1960 und 1961 die Bände „Morgendämmerung“ und „Tag“ folgten. „Die Nacht“, im französischen Originaltitel „La nuit“, wurde erst nach Jahren mit der englischen Übersetzung beliebt – so sehr, dass es in 30 Sprachen übersetzt und Millionen Exemplare verkauft wurden. Orson Welles wollte es verfilmen, doch Elie Wiesel verweigerte das. Er fürchtete um die notwendige Stille zwischen den Worten.

Wiesels unzählige öffentlichen Funktionen in Zusammenhang mit der Aufarbeitung des Holocaust machten ihn vollends zu einem der weltweit bekanntesten Holocaust-Überlebenden. Ende der Siebzigerjahre wurde er Vorsitzender des U.S. Holocaust Memorial Council, in derselben Zeit übernahm er den Vorsitz jener Kommission, die US-Präsident Jimmy Carter mit der Errichtung des United States Holocaust Memorial Museum beauftragt hatte.

 

Wiesel kontra Wiesenthal

Dieses Amt brachte ihm auch eine der größten Kontroversen seiner Laufbahn – als er forderte, dass im Museum nur jüdischer Opfer gedacht werden solle. Zu seinen Kritikern damals gehörte ein weiterer prominenter Holocaust-Überlebender, der wie Wiesel aus seinem Schicksal als Überlebender eine Lebensaufgabe gemacht hatte: Simon Wiesenthal; dieser wollte den Holocaust-Begriff weiter fassen. Elie Wiesels ausschließlich auf die Juden fixierte Definition sowie seine Überzeugung von der historischen Einzigartigkeit des Holocaust brachte ihm im Lauf seines Lebens viel Kritik ein, ebenso seine Unterstützung israelischer Politik. Doch dass es ihm, wie ihm oft vorgeworfen wurde, „nur um die Juden gehe“, stimmte nicht. Elie Wiesel setzte sich öffentlich intensiv gegen weltweite Menschenrechtsverletzungen und für deren Opfer ein – nicht zuletzt dafür erhielt er 1986 den Friedensnobelpreis. Ein Jahr später gründete er gemeinsam mit seiner Frau die Elie Wiesel Foundation for Humanity – deren fast ganzes Vermögen von 15 Millionen Dollar 2008 durch die Affäre um Investor Bernard Madoff verloren ging.

„Den wichtigsten Juden in den USA“ nannte die „Los Angeles Times“ ihn im Jahr 2003. Menschen, die im Konzentrationslager gewesen seien, hätten jedes Recht, den Glauben an die Menschheit zu verlieren, sagte Elie Wiesel ein paar Jahre später zu Barack Obama – er habe es dennoch nicht getan. Sein Leben ist ein Beweis dafür, und auch für seinen Wunsch, letztlich „die Friedhöfe hinter sich zu lassen“. An die Kollektivschuld von Völkern glaubte er nie. „Die Kinder der Mörder“, sagte er einmal, „sind keine Mörder, sondern Kinder.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.07.2016)

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