Der Wiederaufbau von Palmyra als Zeichen des Widerstands

Vor einem Jahr wüteten Truppen des Islamischen Staats in Palmyra. Soll man die zerstörten Monumente nach dem IS-Rückzug aus der Stadt rekonstruieren?

Palmyra Juni 2016, nach den Zerstörungen durch den IS.
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Palmyra Juni 2016, nach den Zerstörungen durch den IS.
Palmyra Juni 2016, nach den Zerstörungen durch den IS. – (c) imago/Westend61

Der kleine Park neben der City Hall, dem alten Rathaus von New York, nur ein paar Häuserblöcke von Ground Zero entfernt, wird zu Mittag rege frequentiert: Angestellte des Finanzdistrikts essen hier ihren Lunch, Eichhörnchen flitzen herum, ermüdete Touristen ruhen sich aus. Ihnen wird in dieser Woche ein ganz besonderes Fotomotiv geboten: Mitten im City Hall Park ragt eine Replik jenes Triumphbogens aus der antiken syrischen Stadt Palmyra empor, der als einziger einer dreibogigen Anlage der Zerstörung durch den IS im Vorjahr entgangen ist. Die Höhe des Bogens entspricht nicht ganz der Höhe des 1800 Jahre alten Originals, er ist um ein Drittel kleiner (7,6 Meter hoch) und wurde anhand von unzähligen Fotos des Originalbauwerks aus einer Bilddatenbank mit Hilfe eines 3D-Druckers geschaffen.

New York September 2016: Replik des Palmyra-Bogens im Rathauspark
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New York September 2016: Replik des Palmyra-Bogens im Rathauspark
New York September 2016: Replik des Palmyra-Bogens im Rathauspark – (c) imago/Levine-Roberts

Das Material ist Marmor, zwei Roboter, im italienischen Carrara von erfahrenen Steinmetzen dirigiert, bearbeiteten 20 Tonnen Rohmaterial, bauten die Blöcke auf Grund der 3D-Modelle, sie wurden dann in New York wie Lego-Steine zum Bogen zusammengesetzt. Hinter dem Projekt steckt die UNESCO und das „Institute for Digital Archaeology“ (IDA) aus Oxford. Nächste Woche soll der Bogen nach Dubai wandern, im Frühjahr war er bereits am Trafalgar Square in London zu sehen gewesen.

Alles einfach wiederaufbauen?

Darf man Geschichte zurückdrehen und zerstörte Kunst mit Hilfe moderner Technologie einfach so rekonstruieren? Die Kontroverse wird heftig geführt. Martin Roth, bis vor kurzem Direktor des Londoner Victoria und Albert Museums, wird häufig zitiert: „Mir macht die Vorstellung etwas Sorgen, dass wir alles einfach wiederaufbauen, weil wir über genug Informationen und die nötige Technologie verfügen.“ Und in der britischen Zeitung „The Guardian“ konnte man lesen, dass Kriegszerstörungen wie diese als Warnung für die Zukunft besser erhalten bleiben sollten. Im „Institute for Digital Archaeology“, das bereits ein ganzes Archiv bedrohter Objekte als 3D-Repliken aufgebaut hat, sieht man das anders. „Wenn Objekte in einem barbarischen Akt von Zensur zerstört werden, dann scheint es falsch, diese feindlich gesinnten Kräfte das Aussehen und die augenscheinliche Geschichte eines Orts, einer Region, eines Volkes diktieren zu lassen“, wird die technische Direktorin des IDA bei N24 zitiert.

Replik des Triumphbogens auf dem Trafalgar Square in London, April 2016
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Replik des Triumphbogens auf dem Trafalgar Square in London, April 2016
Replik des Triumphbogens auf dem Trafalgar Square in London, April 2016 – (c) imago/i Images (imago stock&people)

Im heurigen Jahr wurde dann die Diskussion im deutschsprachigen Raum aufgenommen. Anlässlich einer Palmyra-Ausstellung im Kölner Wallraf-Richartz-Museum, aber auch bei einem Symposium von ICOM Österreich vor kurzem im Wiener Kunsthistorischen Museum, kam es zu leidenschaftlichen Debatten: Der Westen müsste sich gegenüber dem totalitären und geschichtsverachtenden IS zur Wehr setzen. Palmyra ist nicht nur ein beliebiges von der Zerstörung bedrohtes archäologisches Objekt, sondern es gilt mit seinem Baal-Tempel quer durch die Jahrhunderte als Beweis, dass es nicht nur ein tolerantes Mit- und Nebeneinander verschiedener Kulturen geben kann, sondern auch ein Nacheinander: Der Tempel, ursprünglich einem phönizischen Gott geweiht, diente im Lauf der Geschichte auch als christliche Kirche und als islamische Moschee, besaß also eine ähnliche Bedeutung wie das Pantheon in Rom, das allen Göttern geweiht war. Es war daher naheliegend, dass der IS nach der Zerstörung von Palmyra den Angriff auf den Petersdom in Rom nur mehr für eine Frage der Zeit erklärte.

Das Totschlagen der Zeit

Wortführer der aktuellen Diskussionen wurde der Bildtheoretiker und Kunsthistoriker Horst Bredekamp, der in seinem Kölner Katalogbeitrag ein Manifest des Widerstands gegen die Barbarei verlangte und seine Thesen nun auch in einem schmalen Büchlein „Das Beispiel Palmyra“ (Verlag Walther König) auf dreißig Seiten präsentiert. Bredekamp, ein ausgewiesener Experte auch für die Geschichte von Gewalttaten gegen heilige Bilder (Ikonoklasmus), bietet eine Analyse der Zerstörungsakte, die vom Islamischen Staat zwischen Mai und Oktober 2015 im syrischen Palmyra erfolgten und mit der Verwüstung von muslimischen(!) Gräbern begannen. Gewaltakte richteten sich also auch gegen die Geschichte der eigenen Glaubensgemeinschaft. Die Auslöschung von Grabmonumenten zielt nach Bredekamp darauf ab, alles zu vernichten, „was sich dem Anspruch der Gegenwart auf Ewigkeit entgegenstellt.“ Gräber relativieren die Gegenwart, Geschichte sei aber nach IS-Ideologie in Relation zum Jetzt wertlos, die Fixierung auf künstlerische Überreste der Vergangenheit wiederspreche der nötigen Fixierung auf die Jetztzeit.

Die drei Triumpbögen aus Palmyra in einer historischen Aufnahme um 1900
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Die drei Triumpbögen aus Palmyra in einer historischen Aufnahme um 1900
Die drei Triumpbögen aus Palmyra in einer historischen Aufnahme um 1900 – (c) imago/Levine-Roberts

Eindringlich die Darstellung Bredekamps, wenn es um die gnadenlose Konsequenz geht, mit der der IS gegen die Körper seiner „Feinde“ und gegen Kunstwerke zugleich vorgeht. Am 27. Mai 2015 wurden in einer rituell inszenierten Massenhinrichtung 25 syrische Soldaten ermordet. Auf offener Bühne. Der Ort nämlich war das um 200 n. Chr. entstandene Amphitheater Palmyras, auf dessen Bühne sich die Opfer in einer geraden Linie niederknien mussten. Die Hinrichtung wurde gefilmt, aus nächster Nähe, nicht nur die Opfer, auch die Täter: „Für einen Moment ruhte die Kamera auf den Gesichtern der ausnahmslos jugendlichen Mitglieder dieses Kommandos. Mit ihrer Präsentation wurden die Dargestellten, die sich kurz danach in Mörder verwandelten, zu Gefangenen ihrer Tat. Ihre Identifizierbarkeit macht sie für alle Zukunft zu ausweglosen Parteigängern des IS.“ (Bredekamp)

Misshandlung von Mensch und Kunstwerk

Warum der antike Theaterbau auf dem Video so sehr dominierte? Für Bredekamp war er ein Beteiligter, stellvertretend für die anderen Monumente der Antike. Nach der rituellen Massenerschießung begann man mit der Zerstörung der Kunstwerke, auch sie wurde inszeniert und festgehalten. Die Tötung des über achtzigjährigen Archäologen Khaled al-As'ad, der Jahrzehnte lang die Ausgrabungen begleitet hatte, war ein Vorzeichen dessen, was noch folgen sollte, eine verstörende Gleichbehandlung von Mensch und Bauwerk. Es wurde kein Unterschied gemacht zwischen der Misshandlung von Menschen und der Traktierung von Kunstwerken: Personen, so eine Fülle gleichlautender Informationen, wurden an Säulen aufgehängt und dadurch getötet, dass die Säulen gesprengt wurden. In und mit der Architektur werden Menschen zerstört. Kunstwerke werden wie Menschen und Menschen wie Kunstwerke behandelt, ein „substitutiver Ikonoklasmus.“

Am 4. Oktober 2015 fielen zwei der drei Triumphbögen einer Säulenstraße von 200 n. Chr. einer Sprengung zum Opfer, einer der Bögen, eben der, dessen Replik in New York zu sehen ist, blieb verschont. Bredekamp analysiert: „Diese Art der Teildestruktion könnte einem bewusst eingesetzten Kalkül folgen“: Bewusst habe der IS bei der Zerstörung einen der drei Triumphbögen stehen gelassen. Den Verlust dadurch umso deutlicher werden zu lassen, ist das Ziel der Ikonoklasten.

Palmyra um 1930: Die Bögen sind heute zu zwei Drittel zerstört
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Palmyra um 1930: Die Bögen sind heute zu zwei Drittel zerstört
Palmyra um 1930: Die Bögen sind heute zu zwei Drittel zerstört – (c) imago/Levine-Roberts

„Westliche Selbstzweifel“, wegen der Geschichte der Bilderstürmerei etwa in den Hussiten- und Hugenottenkriegen, hält der Autor für nicht angebracht. Seit dem Westfälischen Frieden von 1648 habe es in Europa keine Bildervernichtung aus religiösen Gründen mehr gegeben. Zuletzt dann ein Appell an den Westen, sich gegen die Propaganda des IS, der sich inzwischen aus Palmyra zurückziehen musste, besser zu munitionieren und die noch bestehenden Altertümer mit einer „Kunstschutzarmee“ zu verteidigen. Repliken, bei denen ein „eigenes Original“ entsteht, sieht der Autor als Akt der „kämpferischen Reproduktion“ von hohem kulturpolitischem Wert: „Gegenüber den Zerstörungen des IS sollte die Kunst der Reproduktion triumphieren: nicht als Mittel eines enthistorisierten Wunderlandes, sondern als Manifest des Widerstandes gegenüber den Schergen mörderischer substitutiver Bildakte.“

Buchhinweis

Horst Bredekamp: Das Beispiel Palmyra. Taschenbuch 40 Seiten 6,80 € Verlag Walther König.

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