„Luther konnte niemanden neben sich dulden“

Wie war der Mensch Martin Luther? Biografin Lyndal Roper über das so Fremde an ihm – und seine Modernität.

Eisleben hat sein Martin Luther Denkmal wieder Nach rund viermonatigen Sanierungsarbeiten wurde die
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Eisleben hat sein Martin Luther Denkmal wieder Nach rund viermonatigen Sanierungsarbeiten wurde die
Martin Luther Denkmal in Eisleben – (c) imago/epd (imago stock&people)

Die Presse: Ihr Luther-Buch wurde schon in England für seine Brillanz und Lebendigkeit bejubelt, nun ist es auf Deutsch erschienen – auf das Reformationsjubiläumsjahr 2017 hin geschrieben?

Lyndal Roper: Gar nicht, mich beschäftigt Luther seit zwölf Jahren! Am Anfang hat mich mehr der späte, „große“ Luther interessiert – der dominante, hartnäckige, sich mit engsten Kollegen bis aufs Blut streitende Luther, der patriarchalische Luther mit seinen Aussagen über die Frauen. Mit der Zeit aber war ich immer mehr hingerissen von ihm als jungem Mann, seiner Fähigkeit, zu etwas zu stehen und daran festzuhalten, vor nichts zurückzuschrecken. Und von seinem Humor – ich finde Luther sehr witzig. Wenn er zum Beispiel eine ironische Reliquien-Liste für den Kardinal Albrecht von Mainz erstellt und ein Stück von dem Geschrei an den Mauern von Jericho draufsetzt oder eine Feder und ein Ei vom Heiligen Geist . . .

 

Luther, gewinnt man beim Lesen den Eindruck, hatte typische Eigenschaften zweischneidiger Führungspersönlichkeiten: die Gabe zu inszenieren und Charisma, er konnte Menschen an sich binden – und gnadenlos von sich stoßen, war dominant bis tyrannisch. Wie war das Verhältnis zum Freund Melanchthon? Er war fast das eigentliche Hirn der Reformation, aber blieb immer der Untergebene.

Melanchthon konnte viel, viel schärfer, viel feinsinniger denken als Luther. Luther hatte die Gabe, komplizierte Sachen zu vereinfachen und den Kern zu sehen. Persönlich war die Beziehung ein schreckliches Abhängigkeitsverhältnis. Luther wird immer als der große Seelsorger für Melanchthon beschrieben, seine Stütze. Ich sehe das genau umgekehrt. Luther hat Melanchthon immer wieder untergraben, beschimpft. Es war wie ein schwieriges Vater-Sohn-Verhältnis. Bei Melanchthon konnte Luther Vater spielen. Er brauchte so jemanden. Seine Persönlichkeit ließ niemanden neben ihm aufsteigen.

Dass sich die Reformation so in sich gespalten hat, bezeichnen Sie als die große Tragik dieser Bewegung, und Sie schreiben auch, der Dreißigjährige Krieg hätte ohne Luthers Kompromisslosigkeit vielleicht nie stattgefunden. Was war der Hauptgrund für diese Unversöhnlichkeit?

Er hat darauf beharrt, dass Christus in der Hostie real präsent ist, und in diesem Punkt keinerlei Abweichung geduldet. Die Schweizer unter Zwingli haben sich andauernd bemüht, eine gemeinsame Front mit Luther gegen den Papst zu bilden. Es ist unendlich schade, dass Luther es nicht über sich brachte, mit ihnen und anderen Gruppen wie den Sakramentariern zusammen zu kämpfen. Da war er noch mehr zu Kompromissen mit den Katholiken bereit, die ihm hier viel näher waren. Wir unterschätzen völlig, wie wichtig ihm das war. Er hat viel mehr Energie in diese Sache gesteckt als in irgendeine andere theologische Doktrin. Er schreibt viel mehr über die Realpräsenz Christi als über die Erlösung allein durch den Glauben, sola fidei. Aus heutiger Sicht ist das sehr befremdlich. Aber es ist auch ein Schlüssel zu Luther.

Inwiefern?

Ich glaube, hier ist der Kern von Luthers Theologie – in seinem Verständnis von Fleisch und Geist. Er macht diese Unterscheidung viel weniger als die meisten Theologen seiner und früherer Zeit. Man hat an dieser Trennung immer sehr festgehalten, Luther dagegen wollte es immer verbinden. Er hatte eine viel positivere Einstellung zum Körper. Das empfinden wir heute auch oft als anstößig, wenn er zum Beispiel schreibt, einen Furz zu lassen sei der beste Weg, den Teufel zu vertreiben. Oder dass Sexualität ein natürliches Bedürfnis wie das Naseputzen ist. Ich glaube aber, von diesem Denken können wir viel lernen, von seiner Fähigkeit, mit Analität umzugehen.

 

Luthers Aberglaube wirkt heute kurios, seine Hassreden klingen erschreckend, seine Judenbeschimpfungen bis hin zu Vernichtungsaufrufen gehören zum Schlimmsten, das je über Juden geschrieben wurde. Wo sehen Sie dagegen das Anziehende und das Moderne an Luther?

Zunächst einmal in dem eben erwähnten Verhältnis zum Körper. Luther war antiasketisch. Dann fasziniert mich sein Mut – dass er kein Zurück kannte. Sein Verständnis von Glaube als etwas, in dem man nie ganz sicher ist, finde ich auch für Heutige anziehend. Er dachte, dass alles, was wir tun, zwangsläufig mit Sünde beladen ist. Das ist auch sehr modern, die Psychoanalyse lehrt ebenfalls, dass unsere Motive immer gemischt sind. Und bei Luther gibt das dem Menschen eine neue Freiheit – wenn man ohnehin auf Gottes Gnade angewiesen ist und alles Menschliche sündhaft ist, ist auch Sexualität nicht sündhafter als etwas anderes.

 

Reformation wird heute oft mit Demokratisierung in Zusammenhang gebracht. Aber Luther war sozial im Gegenteil reaktionär. Wie erklären Sie sich, dass er so aufseiten der Herrschenden stand?

Luther stammte nicht aus einer Reichsstadt, aus einer demokratischen politischen Welt, sondern aus einer Gegend, in der die Macht immer von oben kam. Luther dachte absolut hierarchisch. Andere Reformer kamen aus Reichsstädten, so hat auch die reformierte Tradition ein anderes Verständnis von Kirche und Autorität entwickelt. Die deutsche Geschichtsschreibung hat nach dem Zweiten Weltkrieg versucht, die deutsche demokratische Tradition zu retten, indem sie die Reformation mit den Bewegungen von unten in den Reichsstädten zusammengedacht hat. Für die populäre Reformation ist das auch wahr, aber es ist nur ein Teil der Geschichte. Der andere Teil ist das Luthertum, und Luther hatte eine ganz andere Auffassung von Gesellschaft.

Könnte Luther 2017 zu den Feiern von 500 Jahren Reformation erscheinen – was würde ihm wohl gefallen?

Er würde wohl die Martin-Luther-Quietschenten und die Luther-Tomaten lustig finden, das passt zu seinem Sinn für Humor.

ZUR PERSON

Lyndal Roper lehrt als Regius Professor of History in Oxford. Ihre 700-Seiten-Biografie „Luther“ ist bei S. Fischer erschienen. Die gebürtige Australierin ist Expertin für die Frühe Neuzeit in Deutschland: eine besessene Archivforscherin mit der Gabe, Vergangenes für den Leser lebendig zu machen und starkem Interesse an Körperthemen. Bücher: u. a. „Hexenwahn“, „Der feiste Doktor. Luther, sein Körper und seine Biographen“. [ S. Fischer]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.10.2016)

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