Der ungarische Nagel im Kopf des Nikita Chruschtschow

Für kurze Zeit schien es Ende Oktober 1956, als hätte die Revolution in Ungarn gegen das kommunistische System gesiegt. Doch dann schaltete Moskau wieder auf hart. Die weltpolitische Lage half der Sowjetunion bei der Niederschlagung des Volksaufstandes – aber niemand half dem ungarischen Volk.

Schlachtfeld Budapest. Die ungarische Hauptstadt als Zentrum des Volksaufstands hatte auch am meisten zu leiden, als die sowjetischen Panzer Anfang November 1956 zurückkehrten und die Rebellion mit schweren Panzern niederrollten.
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Schlachtfeld Budapest. Die ungarische Hauptstadt als Zentrum des Volksaufstands hatte auch am meisten zu leiden, als die sowjetischen Panzer Anfang November 1956 zurückkehrten und die Rebellion mit schweren Panzern niederrollten.
Schlachtfeld Budapest. Die ungarische Hauptstadt als Zentrum des Volksaufstands hatte auch am meisten zu leiden, als die sowjetischen Panzer Anfang November 1956 zurückkehrten und die Rebellion mit schweren Panzern niederrollten. – Erich Lessing / picturedesk.com

Um 8.10 Uhr meldete sich an diesem grauen Novembertag noch einmal eine Frauenstimme im Radio Freies Kossuth zu Wort: „Helft Ungarn . . . helft, helft, helft!“, rief sie verzweifelt. Dann nur noch Rauschen, Sendebetrieb eingestellt. Umso größer der Lärm draußen auf den Budapester Straßen. Seit 4 Uhr in der Früh attackierten die sowjetischen Streitkräfte an diesem 4. November 1956 die ungarische Hauptstadt. Kampfflugzeuge zischten in geringer Höhe über die Stadt und griffen Rebellenstellungen an, Artilleriegranaten prasselten von den Hügeln Budas auf das Zentrum herab, in den Straßenschluchten dröhnten schwere Kampfpanzer, die Widerstandsnester in den Häusern unter Beschuss nahmen.

Die Sowjetmacht zeigte den rebellischen Ungarn ihre stählernen Muskeln: Rund 15 Divisionen der Roten Armee mit 2000 Panzern waren zur Niederringung des ungarischen Volksaufstandes in Marsch gesetzt worden, fünf Divisionen wurden allein in die Rebellenhochburg Budapest beordert.

Kehrtwende. Sechs Tage zuvor hatte alles noch ganz anders ausgesehen. Da schien es so, als ob die sowjetische Regierung unter Nikita Chruschtschow wie schon ein paar Tage zuvor in Polen nachgebe und auch den Ungarn einen eigenen Weg zum Sozialismus, freilich in einem abgesteckten Rahmen, zubilligen würde. In Moskau tagte das Parteipräsidium, und es schien zu akzeptieren, dass der nach dem Ausbruch des Volksaufstands am 23. Oktober ins Amt des ungarischen Ministerpräsidenten zurückgekehrte Imre Nagy den Hausarrest von Kardinal József Mindszenty aufhob, seine Regierung um Vertreter zuletzt verfolgter Oppositionsparteien erweiterte, die Wiederzulassung eines pluralistischen politischen Systems ankündigte und Verhandlungen über den Abzug sämtlicher sowjetischer Truppen aus Ungarn forderte. „Wir sollten die Truppen aus Budapest abziehen, und nötigenfalls aus ganz Ungarn“, erklärte bei der Sitzung in Moskau Chruschtschows Verteidigungsminister, der legendäre General Georgi Schukow. In einer Erklärung, die tags darauf im Parteiorgan „Prawda“ abgedruckt wurde, verpflichtete sich die sowjetische Führung zu „friedlicher Koexistenz, Freundschaft und Zusammenarbeit“; die Freundschaftsbande mit den Volksdemokratien würden „auf dem festen Fundament der Beachtung der vollen Souveränität jedes einzelnen sozialistischen Staates gestärkt“ werden.

Die ungarische Revolution schien in diesem Moment gesiegt zu haben. „Was in Ungarn passiert, grenzt an ein Wunder“, sagte am 1. November bei einer Sitzung des Nationalen Sicherheitsrates in Washington der Chef des Auslandsgeheimdienstes CIA, Allen Dulles. Er hätte es besser wissen müssen. Doch damals, in diesen Herbsttagen 1956, hatte die CIA nur einen einzigen Agenten in Budapest.

Schon am 31. Oktober hatte sich in Moskau der Wind wieder völlig gedreht. Das Präsidium der KPdSU war von den nach Budapest entsandten Mitgliedern Michail Suslow und Anastas Mikojan vom dortigen Geschehen unterrichtet worden: die ungarische Bruderpartei in Auflösung, Widerstandselemente hätten die Kontrolle über Rundfunk und Zeitungen übernommen und randalierten in der Stadt, der Verkehr sei zusammengebrochen, die Fabriken stünden still. Dazu kam die Nachricht, dass bei der am 30. Oktober erfolgten Erstürmung der Zentrale des ungarischen Geheimdienstes AVH 23 Offiziere gelyncht worden waren. „Budapest ist wie ein Nagel, den man mir in den Kopf trieb“, stöhnte Chruschtschow vor den Genossen. Und: „Wir sollten unsere Truppen doch nicht aus Ungarn abziehen, wir müssen vielmehr bei der Wiederherstellung der Ordnung die Initiative ergreifen.“ In diesem Beschluss bestärkt wurde der Sowjetführer noch, als Imre Nagy am 31. Oktober den Austritt Ungarns aus dem Warschauer Pakt und die Neutralität des Landes nach dem Vorbild Österreichs verkündete.

Und noch ein Ereignis war für die dramatische Kehrtwende in Moskau zur Ungarn-Krise mit ausschlaggebend: die Suezkrise. Frankreich, Großbritannien und Israel hatten sich bei einem Geheimtreffen im Pariser Vorort Sèvres am 22. Oktober auf einen Angriff auf Ägypten verständigt. Ziel der militärischen Operation war es, die Kontrolle über den Suezkanal zurückzuerlangen, der Monate zuvor von der Regierung Nasser verstaatlicht worden war – und eben diesen Gamal Abdel Nasser zu stürzen. Am 29. Oktober begann die Operation mit dem Vormarsch israelischer Truppen auf die Sinai-Halbinsel, zwei Tage später griffen auch Briten und Franzosen in die Kämpfe ein. An diesem Tag erklärte Chruschtschow im Parteipräsidium in Moskau: „Wenn wir uns jetzt aus Ungarn zurückziehen, dann gibt das den amerikanischen, den englischen und französischen Imperialisten gewaltigen Auftrieb. Sie werden denken, wir sind schwach und werden in die Offensive gehen (. . .) Und zu Ägypten werden sie dann noch Ungarn hinzufügen.“

Genauso aber, wie Chruschtschow die westlichen Mächte aus dem sowjetischen Einflussbereich heraushalten wolle, genauso wollte US-Präsident Dwight D. Eisenhower verhindern, dass die Sowjetunion durch ein ziemlich aberwitziges neokolonialistisches Abenteuer von Briten und Franzosen in Ägypten einen Fuß in die Tür im Nahen Osten bekamen und stellte sich deshalb dem Vorgehen der beiden europäischen Mächte entgegen. Für Großbritannien hätte eine Fortsetzung der Intervention den wirtschaftlichen Ruin bedeutet.

Alleingelassen. Aber zurück nach Ungarn: „Helft Ungarn!“ – warum halfen die USA nicht? Die ganze Zeit über hatten amerikanische Spitzenpolitiker öffentlich von der Befreiung der von Moskau unterjochten Völker Mittel- und Osteuropas gefaselt. Während des Aufstands feuerte der ungarische Dienst von Radio Free Europe die Freiheitskämpfer an, gab ihnen Ratschläge zur Bekämpfung von Panzern und stellte sogar westliche Unterstützung für den Aufstand in Aussicht. Aber als es ernst wurde und die sowjetischen Panzer durchs Land rollten, kam aus dem Westen – nichts!

US-Außenminister John Foster Dulles ließ Moskau wissen, dass Washington die Satellitenstaaten der UdSSR nicht als „potenzielle militärische Verbündete“ betrachte, also keinerlei Absicht habe, zu intervenieren. Kein Wunder, dass viele Ungarn sich verraten und betrogen fühlten. „Wir konnten nichts tun“, begründete Eisenhower das Stillhalten der USA in seinen Memoiren: „Allein die Entsendung von US-Truppen durch feindliches oder neutrales Gebiet nach Ungarn hätte uns in einen allgemeinen Krieg verwickelt.“ In der Folge wurde die US-Propaganda vorsichtiger, die Völker in Mittel- und Osteuropa zu gewaltsamem Widerstand gegen die kommunistischen Regime aufzurufen. Washington versuchte in den folgenden Jahren und Jahrzehnten in einem weicheren Ansatz eher, die Ostblockregierungen zu einer liberalen Politik in Wirtschaft und Gesellschaft zu ermutigen. Den Staaten des Ostblocks wiederum zeigte Moskaus brutales Eingreifen in Ungarn, dass ihr politischer Spielraum begrenzt ist und man sich nicht aus dem sowjetischen Machtbereich davonmachen konnte. Allerdings ließ Moskau seine Satelliten nach den Ereignissen von 1956 in Polen und Ungarn an einer etwas längeren Leine.

Und wie kam die Sowjetunion aus dem 1956er-Geschehen heraus? Ihr Prestige in den westlichen Gesellschaften, die den Aufstand in Ungarn mit großer Sympathie verfolgt hatten und die sich umso entsetzter über Moskaus brutales Vorgehen zeigten, war schwer angeknackst, die kommunistischen Parteien in Westeuropa wurden in der Folge von schweren Krisen durchgeschüttelt. In der UdSSR kam die von Chruschtschow im Februar 1956 eingeleitete Entstalinisierung vorübergehend ins Stocken. Doch von solchen Rückschlägen konnte sich Chruschtschow relativ rasch wieder erholen.

ZAHLEN

Der Blutzoll: Nach einem Geheimbericht
des ungarischen Statistischen Landesamtes von 1957 kamen beim Aufstand vom 23. 10. bis 11. November 1956
2700 Menschen ums Leben (davon 1500 Zivilisten). Neuere Forschungen gehen von bis zu 3000 Todesopfern aus.

Sowjetische Opfer:Bei der Niederwerfung des Aufstands wurden 720 Sowjetsoldaten getötet, 1540 verletzt; 51 blieben vermisst.

Die Repression nach der Niederschlagung der Revolution betraf mehr als 100.000 Personen. 229 Aufständische wurden hingerichtet, darunter überproportional viele unter 30 Jahren. Rund 32.000 Personen wurden gerichtlich verfolgt, nach einigen Schätzungen wurden davon bis zu 25.000 zu Haftstrafen verurteilt. Zahlreiche Gefangene wurden in Lager in der Sowjetunion deportiert.

Prominenteste Opfer der Repressionsmaßnahmen waren Ministerpräsident Imre Nagy, Verteidigungsminister Pál Maléter und der revolutionäre Journalist Miklós Gimes. Sie wurden nach einem geheimen Prozess am 16. Juni 1958 erhängt, ihre Leichen in einem anonymen Grab verscharrt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.10.2016)

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