Nasa-Pionierinnen: Als die Computer noch Röcke trugen

Der Film "Hidden Figures" erzählt die Geschichte von Katherine Johnson, die sich seit den 1950er-Jahren als schwarze Frau bei der Nasa behauptete. Porträt eines mathematischen Ausnahmetalents.

Mathematisches Ausnahmetalent: Katherine Johnson
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Mathematisches Ausnahmetalent: Katherine Johnson
Mathematisches Ausnahmetalent: Katherine Johnson – Nasa

Sie lösten komplizierte mathematische Aufgaben und schrieben die Raumfahrt-Geschichte mit - doch anders als ihre männlichen Kollegen standen die weiblichen Angestellten der Nasa in den 1960er Jahren nie im Rampenlicht. Heute ist das anders: In den USA stürmt der Film "Hidden Figures" die Kinocharts, in Österreich startet er am 3. Februar. Erzählt wird die wahre Geschichte einer Gruppe schwarzer Mathematikerinnen, die in den 1950er- und 60er Jahre fieberhaft daran arbeiteten, den ersten Amerikaner ins All zu schicken und gleichzeitig gegen Vorurteile und Rassismus kämpfen mussten.

Eine von ihnen ist Katherine Johnson, geboren 1918 in West Virginia. Schon als Kind zeigte sie eine außergewöhnliche Begabung für Mathematik. "Selbst die Sterne am Himmel versuchte ich zu zählen", sagte sie einmal. In der Schule war sie anderen weit voraus, und da es in ihrem Heimatort keine weiterführende Ausbildung für Schwarze gab, zog ihre ganze Familie 200 Kilometer weiter.

Karriere im Langley Research Center

Die High School schloss Johnson mit 14 ab, mit 15 begann sie am "West Virginia State Collage" zu studieren, mit 18 hatte sie ihren Bachelor in der Tasche. Professoren waren begeistert von ihrem Talent, doch die Job-Möglichkeiten blieben eingeschränkt. Sie nahm eine Stelle als Mathematik-Lehrerin an, viel lieber hätte sie geforscht. Als sie erfuhr, dass die Naca (Vorgängerorganisation der Nasa) Frauen aufnahm, ergriff Johnson sofort die Chance und startete 1953 ihre Karriere als weiblicher "Computer" im Langley Research Center. Hunderte Frauen arbeiteten dort seit den 1930er Jahren in der Luft- und Weltraumforschung.

Mathematikerinnen bei der Nasa
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Mathematikerinnen bei der Nasa
Mathematikerinnen bei der Nasa – Nasa

In Zeiten, in denen noch nicht Maschinen komplexe Gleichungen lösen konnten, mussten diese Arbeit Menschen übernehmen. Und während die Männer als Ingenieure und Wissenschaftler im Rampenlicht standen, rechneten in den Hinterzimmern wesentlich schlechter bezahlte, aber genauso gut ausgebildete Frauen aus, was überhaupt möglich war. Oder, wie es die selbstbewusste Mathematikerin Helen Ling einmal formulierte: "Die Ingenieure verursachen die Probleme - und wir lösen sie!" Und ihre Kollegin Macie Roberts sagte: "Du musst aussehen wie ein Mädchen, dich benehmen wie eine Lady, denken wie ein Kerl und arbeiten wie ein Hund".

Diese Anforderungen erfüllte Johnson - und auch ihr Talent wurde bei der Naca schnell erkannt: Schon zwei Wochen nach ihrer Einstellung wurde sie Mitglied der Abteilung für Flugforschung, in jener bis dahin ausschließlich weiße Männer arbeiteten. Doch das war für Johnson nicht genug. So erkämpfte sie sich das Recht, wie Männer an wichtigen Briefings teilzunehmen. Genauso wie sie sich das Recht erkämpfte, im damaligen Amerika der Rassentrennung nicht auf die meilenweit entfernte Toilette für Schwarze gehen zu müssen.

Nasa-Biografie über Johnson:

Außerdem war sie Ko-Autorin wichtiger wissenschaftlicher Abhandlungen über die Raumfahrt und verewigte sich dort auch mit Namen – heute eine Selbstverständlichkeit, damals Pionierarbeit. "Wir haben unsere eigenen Bücher geschrieben, weil es noch keine über das Weltall gab", erklärte Johnson Jahrzehnte später.

"Get the girl to check the numbers"

Katherine Johnsen mit Barack Obama
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Katherine Johnsen mit Barack Obama
Katherine Johnsen mit Barack Obama – (c) imago/UPI Photo
1961 berechnete die Wissenschaftlerin die Flugbahn von Alan Shepherd, dem ersten Amerikaner im Weltall. Als John Glenn mit der „Friendship 7“ ein Jahr später als erster US-Astronaut die Erde mehrmals umrundete, benutzte die Nasa bereits einen IBM-Computer, der seine Flugdaten berechnete. Doch Glenn traute der Maschine nicht. "Get the girl to check the numbers" („Holt das Mädchen, um die Zahlen zu kontrollieren“) soll er gesagt haben. Und das „Mädchen“ - damals übrigens schon 43 Jahre alt – kontrollierte die Zahlen. Erst dann startete Glenn seine erfolgreiche Mission.

Mit Computern hat sich der menschliche "Computer" dann aber auch auseinandergesetzt. Wie viele andere „Rocket Girls“ lernte die dreifache Mutter das Programmieren. So berechnete sie im Jahr 1969 die Flugbahn für die "Apollo 11"-Raumfahrtmission, die auf dem Mond landete. Außerdem spielte die Mathematikerin eine Schlüsselrolle bei der Rettung der "Apollo 13"-Crew im Jahr 1970: Als ein Treibstofftank an Bord explodierte und der Computer versagte, berechnete Johnson den Rückweg des Raumfahrzeugs.

"33 Jahre ging ich glücklich zur Arbeit"

Bis sie mit 68 Jahren in Pension ging, arbeitete Johnson als hoch angesehene Mathematikerin bei der Nasa. "33 Jahre lang ging ich jeden Tag glücklich zur Arbeit“, sagte sie. Auch nach der Pensionierung blieb sie aktiv und verbrachte viel Zeit damit, Schüler und Studenten für die Naturwissenschaft zu begeistern. Für ihre Leistungen als Pionierin der Raumfahrt wurde Johnson im Alter von 97 Jahren von Präsident Barack Obama 2015 mit der Presidential Medal of Freedom, eine der beiden höchsten zivilen Auszeichnungen der USA, geehrt. Und im Mai 2016 wurde ein Rechenzentrum der NASA nach ihr benannt. Heute ist Johnson 98 Jahre alt.

Johnnson, die sich stets für die Gleichberechtigung von Frauen einsetzt, sagt über sich selbst, dass sie sich nie minderwertig gefühlt hat: "Unser Vater hat uns beigebracht: Ihr seit so gut wie jeder in diesem Ort – aber ihr seid auch nicht besser."


Oscarkandidat "Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen"

Die US-Filmbiographie (Kinostart in Österreich am 3. Februar) von Theodore Melfi basiert auf dem Buch "Hidden Figures" von Margot Lee Shetterly, und erzählt die Geschichte von drei afroamerikanischen Mathematikerinnen bei der Nasa.

"Hidden Figures" erklomm nicht nur die Spitze der US-Kinocharts, sondern ist auch für drei Oscars nominiert (Bester Film, Octavia Spencer als Beste Nebendarstellerin und Bestes adaptiertes Drehbuch).

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