„Kummts auße, wenns euch trauts“: Die Schüsse von Schattendorf

30. Jänner 1927. Vor neunzig Jahren begann der unselige österreichische Bürgerkrieg.

Schutzbund in einem Eisenbahnwagon =
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Schutzbund in einem Eisenbahnwagon =
(c) Anonym / Imagno / picturedesk.co (Anonym)

Schattendorf, ein Straßendorf an der Staatsgrenze im Bezirk Mattersburg, Burgenland. Heute rund zweitausend Einwohner, mit eindeutigen politischen Verhältnissen im Gemeinderat: 18 Sozialdemokraten, 4 ÖVP, 1 FPÖ.

Auch vor neunzig Jahren war Schattendorf sozialdemokratisch dominiert. Fast zehn Prozent der Männer hatten keine Arbeit. Mit Hilfsarbeiten bei den Weinbauern war wenig zu verdienen. In dieser roten Gemeinde gründeten 1926 ein paar Funktionäre aus Wien eine Ortsgruppe der „Frontkämpfer“. Dieser Wehrverband der politischen Rechten rekrutierte sich seit 1920 meist aus ehemaligen Kriegsteilnehmern. Schattendorf, direkt an der Grenze zu Ungarn gelegen, war strategisch wichtig. Immerhin war das Burgenland nicht ohne ungarischen Widerstand erst 1921 der jungen österreichischen Republik zugeschlagen worden. Eine Grenzsicherung war also durchaus ratsam.

Doch damit allein beschäftigten sich die Wehrverbände von Rechts und der „Republikanische Schutzbund“ von Links schon lange nicht mehr. Die allwöchentlichen martialischen Aufmärsche waren wichtig, um die eigene Gefolgschaft bei der Stange zu halten, um das Publikum zu beeindrucken.

 

Kein Geplänkel wie viele andere zuvor

Auch in Schattendorf war das so. Der sozialdemokratische Historiker und Sozialphilosoph Norbert Leser († 2014) beschäftigte sich als Burgenländer zeit seines Lebens mit dem verhängnisvollen Ereignis in diesem weltvergessenen Ort, der seit dem Jänner 1927 zum Synonym wurde. Mit „Schattendorf“ begann der österreichische Bürgerkrieg, der 1934 eskalieren und letztlich 1938 in der ohnmächtigen Hingabe Österreichs an Adolf Hitler enden sollte.

Viele Geplänkel zwischen den zwei Truppen waren dem 30. Jänner 1927 vorausgegangen. Manche endeten blutig, wie etwa der Zusammenstoß im Sommer 1926. Damals setzte es eine Wirtshausrauferei, bei der ein alkoholisierter Frontkämpfer verletzt wurde. Es fielen auch zwei Schüsse – je einer von beiden Seiten, ganz gerecht – durch die niemand zu Schaden kam. Meistens aber vermied man ein direktes Aufeinandertreffen: an einem Wochenende die einen, am zweiten dann die anderen.

Nicht so am Unglückstag, am 30. Jänner 1927. Die Frontkämpfer hatten ihre Versammlung angemeldet: für 15 Uhr in ihrem Vereinslokal, dem Gasthaus Tscharmann. Aus den Nachbargemeinden hatten sie Verstärkung bekommen, was allgemein der Brauch war, denn in diesem Gebiet reichte die schiere Einwohnerzahl meistens nicht aus, um der gegnerischen Seite imponieren zu können.

Just für dieselbe Stunde beriefen auch die Schutzbündler eine Versammlung ein, freilich ohne Anmeldung bei der Behörde: im Gasthaus Moser, fünfhundert Meter vom Tscharmann entfernt. Verstärkung kam aus Klingenbach, Baumgarten und Draßburg.

Und diese linke Streitmacht, etwa zweihundert Personen, marschierte schon am Vormittag zum Bahnhof Loipersdorf-Schattendorf, um die Rechten gebührend zu empfangen. Es kam zu Tätlichkeiten, schließlich zogen die Schutzbündler gegen Mittag triumphierend über die einzige Dorfstraße in den Ort ein. Um etwa 13.30 Uhr kamen sie beim Tscharmann vorbei. Ab diesem Zeitpunkt divergieren die Aussagen. Ein paar Schutzbündler, etwa 15 an der Zahl, wollen im Wirtshaus nur die Frontkämpfer angeschaut und ein Glas Wein bestellt haben. Die Gegner behaupteten im Nachhinein, die Linken seien mit den Rufen „Nieder mit den Frontkämpfern, nieder mit den christlichen Hunden, nieder mit den monarchistischen Mordbuben“ ins Gasthaus eingedrungen. Jedenfalls kam es zu Tätlichkeiten, dann zogen die Linken ab. In Richtung Bahnhof.

Und alles hätte glimpflich ausgehen können. Hätte. Denn statt nun die Bahn für die Heimfahrt zu besteigen, drehten die Schutzbündler nochmals um und waren gegen 16 Uhr wieder in Schattendorf. Und sie provozierten die Frontkämpfer im Wirtshaus, die schon am Vormittag mehrere Jagdgewehre mit Schrotpatronen geladen hatten: „Kummts auße, wenns euch trauts!“ Die Söhne des Wirts, Josef und Hieronymus Tscharmann sowie der Schwiegersohn des Wirts, Johann Pinter – sie trauten sich aber nicht. Hatten sich in einem Schlafzimmer verschanzt, dessen Fenster zur Dorfstraße hin zeigte. Und sie schossen blindlings auf die Straße.

 

Drei Frontkämpfer vor Gericht

Acht Personen wurden getroffen, fünf davon schwer verletzt. Und der 40-jährige kroatische Hilfsarbeiter, Matthias Csmarits, sowie der achtjährige Josef Grössing starben. Der Schutzbündler Csmaritz hatte im Krieg ein Auge verloren. Ihn traf eine volle Schrotladung von hinten in Kopf und Nacken. Der kleine Zuschauer Grössing erlag einem Herzschuss. Ein Nachfahre aus dieser Familie ist übrigens Josef Ostermayer, bis zum Sommer 2016 Kultur- und Kanzleramtsminister im Kabinett Werner Faymann.

Am 2. Juli 1927, dem Tag des Begräbnisses der beiden Getöteten, streikten die Arbeiter fünfzehn Minuten lang. Dabei sollte es nun eigentlich sein Bewenden haben. Man konnte ja sicher sein, dass die drei Verhafteten beim Prozess in Wien ein gerechtes Urteil zu erwarten hätten. Doch schon die Anklage des Staatsanwaltes hätte hellhörig machen können: „Wegen boshafter Gefährdung einer Menschenmenge“. Dass es dann – im Juli – mit glatten Freisprüchen enden sollte, das konnte man im Jänner noch nicht ahnen. Das Pulverfass sollte am 15. Juli explodieren.

VERANSTALTUNGEN ZUM NEUNZIGSTEN JAHRESTAG

Gedenkveranstaltung. Am 30. Jänner 2017 findet um 18 Uhr in der Bauernmühle in Mattersburg eine Abendveranstaltung mit SPÖ-Landesrat Norbert Darabos statt. Ein Film über den 2013 nachgestellten Schattendorf-Prozess führt in das Thema ein. Dann diskutieren Gerhard Baumgartner, Leiter des DÖW, Friedrich Forsthuber, Präsident des Wiener Straflandesgerichts, Norbert Gerstberger, Richter am Wiener Landesgericht, Peter Kostelka vom Studienzentrum für Frieden u. Konfliktlösung Schlaining und Ilse Reiter-Zatloukal vom Institut für Rechtsgeschichte der Wiener Universität.

Die Ausstellung „1927 – Gewaltlösung in Österreich“ wird vom 30. Jänner bis Ende Februar in der Bauernmühle Mattersburg zu sehen sein und den Schulklassen angeboten.

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.01.2017)

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