Pocahontas, jenseits von Disney-Kitsch

Vor 400 Jahren starb die "Indianerprinzessin“ Pocahontas als Rebecca Rolfe in England. Viele Legenden ranken sich um sie, die Überlieferungen über ihr Leben und vor allem ihre Gefangenschaft unterscheiden sich stark.

Porträt von Pocahontas in England
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Porträt von Pocahontas in England
Porträt von Pocahontas in England – (c) imago stock&people (imago stock&people)

Sie wurde geboren als Matoaka, starb als Rebecca Rolfe, und wurde weltberühmt als Pocahontas. Bis heute ranken sich zahlreiche Legenden um die vor 400 Jahren gestorbene „Indianerprinzessin“, genährt nicht zuletzt durch den Disney-Zeichentrickfilm „Pocahontas“. Viele Einzelheiten ihres Lebens werden für immer im Dunklen bleiben, vor allem da von ihr selbst kein einziges Wort zweifelsfrei überliefert ist.

Schon das Datum ihrer Geburt ist unbekannt, um 1596 dürfte sie auf die Welt gekommen sein. Ihr Geburtsname war Mataoaka, Amonute wurde sie ebenfalls gerufen, als Kind gab man ihr zusätzlich den Spitznamen Pocahontas, was so viel bedeutet wie „die Verspielte“. Pocahontas war die Tochter des Powhatan-Häuptlings Wahunsenaca, unter seinen vielen Kindern soll sie sein Liebling gewesen sein.

1607 gründete ein Grüppchen Engländer im Lebensraum des Powhatan-Stammesbündnisses Jamestown, Virginia. Einer von ihnen war Captain John Smith, der Jahre später berichten sollte, bei der ersten Begegnung mit den „Wilden“ hätten ihn diese umbringen wollen, doch die Lieblingstochter des Häuptlings habe sich schützend über ihn geworfen. Historiker zweifeln massiv an dieser Darstellung – allein schon, weil Smith die Geschichte, von einer prominenten Frau vor dem Tod gerettet worden zu sein, noch in mehreren anderen Konstellationen erzählte. Jedenfalls aber begegnete Smith der damals zehn- oder elfjährigen Pocahontas, die den Siedlern gemeinsam mit anderen Mitgliedern ihres Stammes oft Essen brachte.

Gemälde: Die Rettung von John Smith
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Gemälde: Die Rettung von John Smith
Gemälde: Die Rettung von John Smith – (c) imago/Leemage (imago stock&people)

Zwei Varianten einer Entführung

Für die Siedler waren es harte erste Jahre in der „Neuen Welt“, zahlreich starben sie an Hunger und Krankheiten. Die Beziehungen zu den Powhatan verschlechterten sich bald. Die Siedler forderten immer mehr Nahrungsmittel, es kam zu gegenseitigen Gewalttaten. 1613 fasste man den Plan, den Häuptling mit der Entführung seiner Lieblingstochter Pocahontas zu erpressen. Das Mädchen wurde auf ein Schiff gelockt und später nach Henrico gebracht.

Pocahontas soll zu diesem Zeitpunkt mit einem Mann namens Kocoum verheiratet und ein Kind gehabt haben, so wird es zumindest vom Stamm der Mattaponi überliefert. Über das Jahr der Gefangenschaft divergieren diese mündlichen Überlieferungen und die englische Geschichtsschreibung stark. Pocahontas sei in Gefangenschaft vergewaltigt worden, habe einen Sohn zur Welt gebracht und danach der Heirat mit dem Tabakpflanzer John Rolfe zugestimmt, um der Gefangenschaft zu entkommen, heißt es bei den Mattaponi. Die englische Version dagegen: Pocahontas lernte im Haus eines Geistlichen Sprache und Gepflogenheiten der Engländer, konvertierte zum Christentum und nahm den Namen Rebecca an. Sie verliebte sich in Rolfe, heiratete ihn und bekam einen Sohn.

Gemälde: Pocahontas Vermählung
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Gemälde: Pocahontas Vermählung
Gemälde: Pocahontas Vermählung – (c) imago/Leemage (imago stock&people)

Wie auch immer die genauen Umstände der Eheschließung tatsächlich ausgesehen haben, sie brachte jedenfalls eine Periode des Friedens („Pocahontas-Frieden“) zwischen den Siedlern und den Powhatan. 1616 reiste das Ehepaar mit Sohn Thomas und einigen Powhatan nach England - im Grunde eine Werbetour für die Virginia Company of London. Dem britischen Adel wurde Pocahontas als gezähmte Wilde und als Prinzessin verkauft. Letzteres, da sie schließlich die Tochter eines Herrschers war. Übersehen wurde dabei, dass die Powhatan ein matrilineares System hatten, so dass nicht die Kinder von Wahunsenaca, sondern jene von dessen Schwester die Erben der Macht waren.

Nach einer Tour durch das ganze Land und einem Treffen mit König James I. traten Rolfe und Pocahontas im März 1617 die Heimreise nach Virginia an. Doch schon kurz nach der Abfahrt wurde Pocahontas so krank, dass man sie zurück an Land brachte. Am 21. März 1617 starb die junge Frau in Gravesend – woran, bleibt unklar. Die Vermutungen reichen von Tuberkulose bis hin zu Vergiftung durch Siedler, die befürchtet hätten, Pocahontas werde ihre Verwandten vor der Gefahr durch die massiv zunehmende englische Siedlungstätigkeit warnen. Nur ein Jahr nach Pocahontas' Tod starb ihr Vater. Und auch der „Pocahontas-Frieden“ endete.

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