Die Welt bis gestern

Österreich-Ungarn: Nur Radau – oder doch Revolution?

Welche Ängste, welche Hoffnungen weckte die Russische Revolution 1917 in der gärenden Donaumonarchie? Hörte man im untergehenden Reich die Signale?

Vladimir Ilyich Lenin Ulyanov 1917
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Vladimir Ilyich Lenin Ulyanov 1917
Vladimir Ilyich Lenin Ulyanov 1917 – (c) imago/United Archives Internatio (imago stock&people)

Oft geht ein Gedenkjahr zu Ende, und man fragt sich zum Schluss, wie weit es wirklich zum Denken geführt hat. Dann kursiert das verächtliche Wort vom „medialen Hype“, das Geschäftemacherei und kommerzielles Kalkül geißelt. Martin Luther etwa erscheint in deutschen Landen inzwischen vom Kirchenrevolutionär zur Kommerzikone zu verkommen. Lobenswert freilich, dass das Reformationsjubiläum vor allem auf dem Buchmarkt stattfindet. Das ergibt Sinn: Schließlich hat Martin Luther die erste große Buch- und Leserevolution in unserer Geschichte hervorgerufen.

Reiche Frucht hat im Übrigen auch das Gedenkjahr 2014 zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs getragen. Wer hätte gedacht, wie spannend die Diskussionen werden, die sich aus Christopher Clarks „Die Schlafwandler“ ergeben haben? Und wer, dass sich eine historische Analyse von 800 Seiten zum Bestseller auswachsen würde?

Freilich: Nur sich den damaligen Geschehnissen und deren Folgen zuzuwenden ist zu wenig, dann verpufft das Gedenken ohne Folgen. So wurde etwa 2014 (Ukraine-Krise!) so manche Parallele zwischen der europäischen Politik von 1914 und 2014 gezogen. Doch historische Vergleiche, mögen sie auch noch so legitim sein, tragen immer auch ein Risiko in sich. Allzu leicht werden irreführende Zusammenhänge konstruiert.

Besteht diese Gefahr beim Erinnern an die Russische Revolution von 1917? Wird es am Ende der Publikationsflut einen Erkenntnisgewinn geben? Fest steht, dass es hier Informationsbedarf gibt. Die Berliner Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur warnte, dass die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Kommunismus Mängel und Lücken aufweise, in Forschung und Schule würden die Verbrechen, die im Namen der kommunistischen Ideologie begangen wurden, zu wenig thematisiert. So könne es dazu kommen, dass ungeniert ideologische Parolen in allen politischen Lagern bis hin zu weit rechts auftauchen können, ohne hinterfragt zu werden. Gespannt darf man auch sein, wie Putins Russland sich an das Revolutionsjahr 1917 erinnert.

Auf dem österreichischen Buchmarkt hat die Publikationswelle schon einmal gut begonnen. Die österreichische Historikerin Verena Moritz (bekannt durch ihr Werk über Oberst Redl und die Mitarbeit am Buch „Habsburgs schmutziger Krieg“) hat gründlich recherchiert, mehrjährige Forschungsaufenthalte in Russland absolviert und jetzt mit ihrer Studie „1917. Österreichische Stimmen zur russischen Revolution“ dargelegt, wie in der österreichisch-ungarischen Monarchie die Revolutionen vom Februar und Oktober 1917 aufgenommen wurden. Die Russland-Kennerin präsentiert und kommentiert in ihrer Analyse bislang unveröffentlichte Quellen und Dokumente aus dem Staatsarchiv, Tagebucheintragungen und Zeitungsberichte zum Thema: Welche Befürchtungen und Hoffnungen weckte die Revolution von 1917 in der gärenden Donaumonarchie?

 

Eine Despotie liegt am Boden

Nicht immer entsprach die Hellsicht und Klugheit der Dokumente dem gesellschaftlichen Rang des Schreibers. So mancher hochgestellte Politiker und Diplomat schlug in seiner Einschätzung gewaltig daneben, etwa Karl Renner, der von „Putsch und Radau“ und „kindsköpfiger Illusion“ sprach. Auf der anderen Seite lieferten Briefe von Kriegsgefangenen, die mit Russen engen Kontakt hatten, so manches treffende Stimmungsbild. Doch zunächst galt das, was Prinz Hohenlohe, einer der wichtigsten Wiener Diplomaten, schrieb: „Sich ein klares Bild zu machen erscheint dermalen kaum möglich.“

Eines kristallisierte sich bald heraus: Die innere Krise Russlands, das sich den politischen, wirtschaftlichen und militärischen Herausforderungen im Weltkrieg immer weniger gewachsen zeigte, weckte große Hoffnungen in Österreich-Ungarn, das in einer ähnlich krisenhaften Situation steckte. Der k.u.k. Nachrichtendienst sammelte alle Meldungen über die Unzufriedenheit im Zarenreich, die „Neue Freie Presse“ berichtete von einem bevorstehenden großen Umbruch beim östlichen Nachbarn. Spekuliert wurde schon viel früher damit, 1917 war es, zunächst im Februar, dann im Oktober, ernst. Am 15. März schrieb die Zeitung erstmals von einer „Revolution.“ Und kommentierte unglaublich weitsichtig: „Heute ist einer der großen Tage in der menschlichen Entwicklung anzumerken.“ Eine mächtige Despotie lag am Boden. Doch wohin Russland driften würde, sah keiner hierzulande voraus.

 

Bricht der mächtige Kriegsgegner weg?

Irritierend war: Warum waren die Russen nicht mehr zarentreu? Die „Arbeiter-Zeitung“, die über den Sturz einer „blutbefleckten Tyrannei“ schrieb, wurde zensuriert. Als Nächstes kam wohl der Vergleich mit der Situation in der Donaumonarchie an die Reihe! Österreichs Außenminister Czernin hielt seinem Kaiser die „verblüffende Leichtigkeit“, mit der die „stärkste Monarchie der Welt“ gestürzt wurde, als Warnung vor Augen. Die „Illustrierte Kronen Zeitung“ brachte auf der Titelseite eine Zeichnung mit dem Titel „Die der Krieg um Krone und Reich gebracht hat“. Das war zu diesem Zeitpunkt, 20. März 1917, bereits eine ganze Reihe von Monarchen, die ein muskelbepackter Herkules mit seinem Besen wegfegte. Wer da nicht an den Augiasstall denkt . . .

Die Hoffnung, dass der mächtige Kriegsgegner wegbrechen werde, überwog zunächst alles. Wie jedoch die Entwicklung in Russland die Regierung in Wien nun vor sich her zu treiben begann, ist das Thema des gut lesbaren Buches. Man merkt: Die Nervosität stieg. Auch in der Habsburgermonarchie wurde gestreikt, rebelliert, gehungert, war die Lage „gottsjämmerlich schlecht“ (Victor Adler). Zunächst warnte man das eigene Volk davor, sich von den Ereignissen in Petrograd benebeln zu lassen, man brauche sich nur das Chaos, das dort herrsche, anzusehen. Die Oktoberrevolution der Bolschewiki sei nur eine weitere Rochade im Machtspiel. Das sollte sich als gewaltige Fehleinschätzung herausstellen.

Doch auch die Gegenseite war nicht frei von falschen Erwartungen: Lenin und seine Gefolgsleute nahmen als sicher an, dass der Sieg des Kommunismus auch in Österreich-Ungarn nur mehr eine Frage der Zeit sei. Sie setzten ihre Hoffnung auf Friedrich Adler, von dem freilich keine Arbeiterrevolution an der Donau ausgehen sollte. Eines erkannte man sofort: Die Machtergreifung Lenins bedeutete eine „Revolution des Friedens“. Der Friedensvertrag von Brest-Litowsk, hierzulande als Atemholen aufgefasst, war für Lenin nur eine Atempause auf dem Weg zur Weltrevolution. „Weder Krieg noch Frieden“, sagte Leo Trotzki prophetisch am Verhandlungstisch. Das rief Verunsicherung hervor, auch in der Habsburgermonarchie, die sich vor dem Beginn einer „neuen Welt“ zu fürchten begann.

Das Buch:

Verena Moritz
„1917“
Residenz Verlag
288 Seiten
24 €

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.05.2017)

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