"Quit India": Von der Parole zur indischen Unabhängigkeit

Am 8. August 1942 legte Mahatma Gandhi den Grundstein der Bewegung "Verlasst Indien". In einer Rede forderte er die Briten zum Aufgeben des Landes auf.

Mohandas Karamchand Gandhi
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Mohandas Karamchand Gandhi
Mohandas Karamchand Gandhi – (c) imago/ZUMA/Keystone

Die Bande zwischen Indien und Großbritannien gehen bis an den Anfang des 17. Jahrhunderts zurück. Damals gründete England die East India Company, rund eineinhalb Jahrhunderte später standen rund drei Fünftel des indischen Territoriums unter direkter Kontrolle der Briten. 1857 wurde die Bindung fester gezurrt: Nach der blutigen Niederschlagung einer Meuterei der indischen Armee wurde die Company aufgelöst, das Land unter die Herrschaft eines Vizekönigs gestellt. Abermals zwanzig Jahre später nannte sich - nach entsprechender Krönungszeremonie - Queen Victoria Königin von Indien. Doch der Pomp konnte die Unzufriedenheit mit der "British Raj", der britischen Herrschaft, nicht überdecken.

Schon 1905 kam es zu gewaltsamen Aktionen, die ab 1919 - unter der Federführung Mohandas Karamchand ("Mahatma") Gandhi zu gewaltfreien Massenfeldzügen wurden. Das Ziel aber war dasselbe: der Protest gegen die Herrschaft von außen, der Kampf für Souveränität.

In realistische Nähe sollte das Vorhaben aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg rücken: Zwei Tage nach dem Überfall der Nationalsozialisten auf Polen und der offiziellen Kriegserklärung Deutschlands erklärte auch Lord Linlithgow, seines Zeichens Vizekönig von Indien, den Kriegseintritt Indiens. Aus Protest gegen dieses ungangesprochene Vorgehen traten die Kongress-Regierungen zurück. Ein Schachzug, der (ungewollt) der Muslimliga unter Muhammad Ali Jinnah strategische Vorteile verschaffen sollte (sie strebte die Bildung eines Muslim-Staates - Pakistan - an), rief sie doch sogleich den "Tag der Befreiung" von der Kongressherrschaft aus und stellte sich auf die Seite der Kriegstreiber.

1,8 Millionen Inder kämpften im Zweiten Weltkrieg

Die Nicht-Mitsprache wurde noch deutlicher, als Winston Churchill um 1940 betonte: "Ich bin nicht Premierminister des Königs geworden, um die Liquidierung des Empire einzuläuten." Forderungen nach Souveränität schmetterte er ab - ungeachtet dessen, dass rund 1,8 Millionen indische Soldaten im Zweiten Weltkrieg für die britische Krone kämpften. Nicht verwunderlich, dass die Unruhen in der indischen Bevölkerung an Intensität zunahmen - auch bestärkt dadurch, dass die ersten Kriegsjahre für Großbritannien nicht gerade vorteilhaft verliefen. Dennoch benötigte es die drohende Invasion Japans sowie Druck seitens der USA, damit Churchill Anfang des Jahres 1942 den Linkssozialisten Sir Stafford Cripps zu Verhandlungen nach Delhi entsandte. Seine Mission: Sich verständnisvoll geben ohne Kompromisse zu machen. Die Folge: Eskalation. Nach den gescheiterten Verhandlungen nannte Gandhi Cripps Vorschläge einen "in die Zukunft datierten Scheck einer in Insolvenz gehenden Bank".

"Quit India" - "Haut ab aus/Verlasst Indien", lautete daher letztlich die Parole, die dem britischen Abgesandten entgegen geschleudert wurde. Gesagt haben soll die beiden Worte Mahatma Gandhi * - jedenfalls aber meinte er es wohl so, als er am 8. August 1942 beim Zusammentreffen des All India Congress Committee im Gowalia Tank Maidan (einem Park in Bombay) vor tausenden Versammelten einen "Rückzug der britischen Macht" einforderte - und zum gewaltlosen zivilen Ungehorsam aufrief.

Großbritannien antwortete schon tags darauf - mit roher Gewalt. Mehrere zehntausend Aufständische - darunter auch Gandhi - wurden verhaftet, mehrere hundert Menschen verloren ihr Leben. Den (teilweise gewaltvollen) Widerstand konnte die Aktion nicht brechen.

Nach Kriegsende wendete sich das Blatt: In Großbritannien ging die Labour-Party als Sieger hervor, der neue Premier, Clement Attlee, bereit(er) zu einem Loslassen der ersten und größten Kolonie. Und doch sollte es bis ins Jahr 1947 dauern, bis den Worten Taten folgten: Den Moslems wurde ein eigener Staat zugestanden, dem auch die politische Führung der Hindus zustimmte - trotz ablehnender Haltung Mahatma Gandhis. Am 15. August 1947 um Mitternacht überließ Großbritannien den indischen Subkontinent seinem Schicksal, geteilt in Pakistan (Norden) und Indien (Süden).

* Nach Aussagen von Gandhis einstigem Mitarbeiter Pyarelal soll die Quit-India-Bewegung ihren Namen erst von einem amerikanischen Pressevertreter erhalten haben. Dieser habe demnach, so ist im achten Kapitel der "Essays on Indian Freedom Movement" zu lesen, nach einem Gespräch mit dem Aktivisten diese Bezeichnung gewählt.

Zur Person

Mohandas Karamchand Gandhi - von seinen Anhängern Mahatma, „große Seele“ genannt - wurde am 2. Oktober 1869 in eine reiche Kaufmannsfamilie geboren. Seine Eltern gehörten zur Glaubensgemeinschaft der Jai, deren erster Grundsatz die „Ahmisa“ (Nichtanwendung von Gewalt) ist. In London belegte Gandhi, der im Alter von 16 Jahren von den Eltern verheiratet wurde, das Studium der Rechtswissenschaften. 1893 führte ihn ein Rechtsstreit nach Südafrika, wo er bis Ende 1914 blieb und sein Konzept des gewaltlosen Widerstandes erarbeitete („Wahrheit schließt die Anwendung von Gewalt aus, da der Mensch nicht fähig ist, die absolute Wahrheit zu erkennen und deshalb auch nicht berechtigt ist zu bestrafen.“)

Zurück in Indien übernahm er 1920 die Führung des Indian National Congress, der sich zur wichtigsten Institution der indischen Unabhängigkeitsbewegung entwickelte. 1930 veranlasste Ghandi die Kampagne des „Zivilen Ungehorsams" und rief zum „Salzmarsch" (gegen das britische Salzmonopol) auf. Zwölf Jahre später forderte er die sofortige Unabhängigkeit Indiens und wurde deshalb in Haft genommen.

Am 3. Juni 1947 verkündete der britische Premierminister Clement Attlee schließlich die Unabhängigkeit und Teilung des Landes in Indien (Süden) und Pakistan (Norden). Am 30. Januar 1948 wurde der damals 78-jährige Gandhi von einem nationalistischen Hindu erschossen.

(hell)

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