Wenn Liebe krank macht
Es kann wirklich jeden treffen: Eifersucht gehört quais zur biologischen Grundausstattung des Menschen, 98 Prozent ist diese Gefühlsregung nicht fremd. Schlimm wird's aber, wenn diese "Sucht" krankhafte Ausmaße annimmt.
Es kann wirklich jeden treffen: Eifersucht gehört quasi zur biologischen Grundausstattung des Menschen, 98 Prozent ist diese Gefühlsregung nicht fremd. Schlimm wird's aber, wenn diese »Sucht« krankhafte Ausmaße annimmt. Geplagte finden in der ersten Eifersuchtsambulanz im deutschsprachigen Raum Hilfe. Sie wird von überraschend vielen Männern besucht.
Ein leidenschaftlicher Mann, der genießen kann und gerne gut isst. Doch plötzlich bringt er fast nichts mehr herunter. Stattdessen frisst ihn die Eifersucht beinahe auf. „Ich habe kaum geschlafen, meine Nerven waren zum Zerreißen gespannt, ich hatte Herzrasen und Kreuzweh“, erinnert sich der Wiener Psychotherapeut Roland Bösel.
Man schrieb das Jahr 1981, Bösel war 22 und Geschäftsführer eines Fleischereibetriebes. Seine große Liebe Sabine, gerade auf Selbstfindungstrip, startete eine psychotherapeutische Ausbildung. „Ich war eifersüchtig, ich hatte Angst, da könnte sich etwas entwickeln, das gegen mich gerichtet ist.“ Ging seine Freundin abends alleine aus, vermutete er das Schlimmste.
Die Gedanken des jungen Mannes kreisten nur noch um ein Thema: Will Sabine weg? Will sie einen anderen Mann? Bin ich ihr nicht gut genug? „Ich fühlte mich minderwertig, hatte große Ängste, meine Freundin zu verlieren, und machte ihr mit meinen endlosen Verhören das Leben sehr schwer. Ich habe nicht ein Mal nachgefragt, sondern hundert Mal.“
Alle sozialen Schichten
Auch Harald Oberbauer weiß davon ein Lied zu singen. Was heißt ein Lied – viele Liederbücher könnte der Psychiater mit der Sucht füllen, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft. Oberbauer leitet die erste und bisher einzige Eifersuchtsambulanz im deutschsprachigen Raum: An der psychiatrischen Klinik der Universität Innsbruck, wo sie vor zehn Jahren eröffnet wurde.
Überrascht hat Oberbauer, der schon sehr viele Beziehungen an Eifersucht zerbrechen sah, die Tatsache, „dass es mehr Menschen gibt, bei denen die Eifersucht krankhafte Ausmaße annimmt, als man glauben möchte“. Noch mehr aber überraschte ihn, dass so viele Männer aus eigenem Antrieb in die Ambulanz kommen. Die Vertreter des starken Geschlechts sind ja hinlänglich als Psychomuffel bekannt und scheuen die Psychotherapie oft wie der Teufel das Weihwasser.
Die demografische Analyse Oberbauers zeigt, dass es jeden treffen kann: Seine Klientel kommt aus allen sozialen Schichten, die Leidgeplagten sind zwischen 17 und 90 Jahren alt. Leider Gottes, so der Psychiater, habe er etliche Patienten verloren, durch Suizid oder Mord.
Mord und Totschlag
Bei Mord ist meistens die stärkste Form der Sucht im Spiel: der Eifersuchtswahn. Menschen, die davon besessen sind, rücken nicht und nicht von der fixen Idee ab, dass der Partner sie betrüge. Da nützt kein Reden, kein Beteuern, kein Treueschwur. Da nützt meist nur noch eine Therapie. Ansonsten endet immer wieder mit Mord oder Totschlag, was doch einmal mit Liebe begann.
Der Wahn ist selten, ein Mittelmaß an Eifersucht die Norm. Laut einer im Internet veröffentlichten Umfrage (Parship 2007) steht Eifersucht als Ursache von Partnerschaftsproblemen nach finanziellen Schwierigkeiten an zweiter Stelle. 98 Prozent der Menschen kennen diese Gefühlsregung, sagt eine große amerikanische Studie – und bestätigt damit die These des 1963 verstorbenen deutschen Sexualwissenschaftlers Max Marcuse: Eifersucht gehöre quasi zur biologischen Grundausstattung des Menschen.
24 Stunden Qual
Damit ist allerdings eine gesunde Prise gemeint – jene Portion Eifersucht, die Beziehungen würzt, nicht die ausufernde, die alles beherrschende; nicht die krankhafte, die die Lebensqualität von zwei Personen zerstört und den Süchtigen 24 Stunden am Tag quält. Wohin geht er? Warum kommt sie erst jetzt? Hat sie einen anderen? Liebt er eine andere? Bin ich nicht mehr gut genug? Vor allem Männer werden immer wieder gewalttätig: Eine Umfrage unter Frauen, die von ihren Partnern geschlagen wurden, ergab, dass bei zwei von dreien Eifersucht die Gewalt auslöste.
Die pathologische Eifersucht bezieht sich zwar oberflächlich auf das Eifersuchtsobjekt, in der Tiefe der eifersüchtigen Seele sitzt jedoch meist ein Stachel anderer Art. Da kann eine Depression dahinterstecken oder latente Homosexualität oder ein geringgradiges Potenzproblem, da können pures Besitzdenken, aber auch Selbstzweifel oder Verlustängste Wurzeln des Übels sein.
Alter Mann, junges Mädchen
Auch große Altersunterschiede sind häufig Quell der Eifersucht. Alter Mann, junges Mädchen, reife Frau, junger Liebhaber – solche Konstellationen führen bei Detektiv Manfred Holek immer wieder zu Aufträgen.
Aber da gibt es auch den Fall eines 70-jährigen Pensionisten, der seine gleichaltrige Frau seit mehreren Monaten überwachen lässt. Holek konnte bis heute kein Härchen in der Suppe finden, dennoch: Der Pensionist bleibt dran, zweifelt weiter an der Treue seiner Frau, lässt sie weiter auskundschaften. Sein Alter ist laut Holek durchaus nicht ungewöhnlich, sondern sogar eher die Norm: Die meisten misstrauischen Partner, die ihre Gesponse überwachen lassen, sind jenseits der 60 oder zwischen 20 und 25 Jahren.
In diesem Alter war auch Roland Bösel, als seine Eifersucht Gesundheit und Partnerschaft zu zerstören drohte. Eine Paartherapie hat wieder Rosarot in sein Leben gebracht. „Zuerst habe ich die Therapie ja nur meiner Freundin zuliebe gemacht, denn versprochen habe ich mir davon nichts. Was sollte es auch bringen, sie war ja das Problem in meinen Augen.“ Die Therapie hat ihm dann die Augen geöffnet: Nicht in erster Linie Sabines Selbstfindungstrip war der Boden, auf dem seine Eifersucht gedieh; seine aus der Kindheit resultierenden Verlust- und Verlassenheitsängste waren es.
Der Kardinalfehler
Die Therapie hat gegriffen, Roland Bösel seine Eifersucht bezwungen. „Inzwischen sind wir 24 Jahre glücklich verheiratet.“ Inzwischen hat auch er eine Ausbildung zum Psychotherapeuten gemacht und begleitet heute mit seiner Frau viele Paare, veranstaltet Paar-Imago-Workshops, hilft vielen aus der Krise, die an Eifersucht leiden – einer Sucht, die ihm ja nicht unbekannt ist. Ein wichtiger Tipp von ihm an alle, die eifersüchtige Partner haben: „Es ist ein echter Kardinalfehler zu sagen ,Das bildest du dir nur ein‘. Das ist fast wie Öl ins Feuer gießen. Man muss dem anderen zuhören, ihn ernst nehmen.“
Ohne eine Therapie hat es jener rasend eifersüchtige 88-Jährige geschafft, der seiner 85-jährigen Ehefrau misstraute und einen Detektiv engagierte. Seine Frau, war der Greis überzeugt, lasse zur Kur nach Bad Gastein zwei italienische Gigolos nachkommen. Holek, damals am Anfang seiner Laufbahn, überwachte also die alte Dame und fand heraus, dass sie auch auf Kur das brave „Hausmütterchen“ blieb. Der Kunde war zufrieden, diese Story für Holek damit beendet. Was allerdings folgte, war eine nie enden wollende Serie weiterer Aufträge wegen Eifersucht.
Ein bisschen Eifersucht aber darf's, nein, soll es sogar sein. „Denn wer kein bisserl eifersüchtig ist, dem ist der Partner wohl egal“, meinen die Eifersuchtsexperten Bösel und Oberbauer.
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