Buddhas, Bauernkästen– und Raubkunst
Die geplante Fusion von Völkerkunde- und Volkskundemuseum weckt große Euphorie. Das Projekt ist attraktiv, aber teuer und unrealistisch. Die beiden Sammlungen dürften noch länger im Dornröschenschlaf ruhen.
Die „alten Hasen“ wittern Unheil. „Wenn die Sammlung des Volkskundemuseums im Völkerkundemuseum verschwindet und das Palais Schönborn endgültig verfällt, wäre das der falsche Weg“, sagt der ehemalige Wissenschaftsminister Erhard Busek (V). Er habe der früheren Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (V) mehrfach vorgeschlagen, die Sammlung des Volkskundemuseums ins Völkerkundemuseum zu übernehmen, erklärt der frühere Generaldirektor des Kunsthistorischen Museums (KHM) Wilfried Seipel. Vor der Herauslösung des Völkerkundemuseums (MVK) aus dem KHM-Verband warnt Seipel: Dies würde erhebliche Mehrkosten für Verwaltung, Sicherheit, Personal und Gebäudeerhaltung bedeuten.
22 bis 24 Millionen Euro sind nach einer Studie für das neue MVK veranschlagt. Seipel: „Ich staune! Die Kunstkammer ist offenbar in die zweite Reihe gerückt.“ Ihre Neugestaltung kostet in etwa den gleichen Betrag wie das neue MVK. Allerdings soll KHM-Generaldirektorin Sabine Haag die Herauslösung des MVK aus dem KHM durch die lang ersehnte Kunstkammersanierung versüßt werden. Macht auf einen Schlag ca. 50 Mio. Euro für zwei Museen. Woher sollen die kommen?
Das ist das größte Rätsel bei der derzeitigen Diskussion um die Fusion von Volks-und Völkerkunde. Führungskräfte und Kuratoren beider Häuser haben ein Konzept entwickelt: Am MVK-Standort Heldenplatz soll ein neues Museum entstehen, die Volkskunde aus dem baufälligen Palais Schönborn in der Laudongasse – der Bau gehört der Stadt Wien – ausziehen. Die Abteilungen sollen komplett neu und modern gegliedert werden. Die einstige Orchideendisziplin Ethnologie ist mit schwierigen Themen konfrontiert: Globalisierung, Raubkunst, Kolonialismus, Migration. Dafür soll es künftig mehr Geld und Personal geben: Jetzt bringen es MVK und Volkskunde auf 50 Bedienstete, 2012 sollen es an die 90 sein. Die Basisabgeltung soll von sechs auf acht Millionen Euro steigen. „Ein typischer Fall von: Wünsch dir was!“, ätzt ein Beobachter. Eine Idee wäre, dass Bund und Stadt zusammenhelfen, die Stadt verkauft das Palais Schönborn und gibt einen Teil des Erlöses für das neue MVK. „Kommt nicht infrage“, heißt es aus dem Rathaus. Zuständig ist nicht der Kultur-, sondern der Wohnbaustadtrat. Auf jeden Fall haben die Sozialdemokraten das Sagen: Mailath, Michael Ludwig, Claudia Schmied, alles SPler, da könnte man sich einigen, wenn man will. Immobilienmakler veranschlagen den Wert des Palais Schönborn auf 18 bis 20 Mio. Euro.
Großinvestitionen in Paris und Berlin
„Die Franzosen haben 232,5 Mio. Euro in ihr neues Museum am Quai Branly investiert, für das Humboldt-Forum in Berlin sind 552 Mio. Euro veranschlagt. Hierzulande will man nicht einmal 23 Mio. Euro lockermachen, eine Schande“, kritisiert Grünen-Kultursprecher Wolfgang Zinggl, selbst Ethnologe. Die MVK-Sammlung sei sehr gut, die Mitarbeiter ambitioniert, das neue Konzept aussichtsreich, es sei unbegreiflich, warum in dieser wichtigen Sache seit Jahrzehnten nichts weitergeht: „4500 Quadratmeter stehen monatelang leer. Wenn Sie heute ins MVK gehen wollen, finden Sie es gar nicht!“
Das ist nun doch übertrieben. Lokalaugenschein im MVK am Freitag. Im Erdgeschoß gibt es einen „Markt der Völker“: Kommerz, teils Ethno-Ramsch, teils schöne Dinge, Seidendecken, Masken. Es gibt viele Interessenten, keine dagegen für die neu und zeitgemäß gestaltete Ostasiensammlung im ersten Stock. Ziemlich ruhig hat man es auch im Volkskundemuseum. Kein Wunder: Die Sonderausstellung gilt Tuch-Intarsien in Europa von 1500 bis heute. Die Perspektiven im alten Palais sind betörend, weniger fesseln die alten Bauernkästen. Ein Hauch von Verwunschenheit und Dornröschenschlaf umgibt beide Schauplätze. Und das wird wohl noch länger so bleiben.
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