World Press Photo-Sieger: "Das wird eine riesige Sache"

20.11.2009 | 15:12

Anthony Suau, der Gewinner des World Press Photo Award 2009, über Gefahr, Krise und darüber, wie er sich die Rettung der Dokumentarfotografie vorstellt.

Auf die Idee zu seiner Fotostrecke, erzählt Anthony Suau, sei er gekommen, weil er in die Geschichte mitten hineingeraten war. Und zwar in die Hypothekenkrise in den USA. „Ende 2007 bin ich aus Europa in die Vereinigten Staaten zurückgekehrt. Und wir wollten ein Haus kaufen. Es war schwer, nicht zu bemerken, dass da etwas schiefläuft. Mit den Hypotheken ging es ja drunter und drüber. Mir war bald klar, dass das noch eine riesige Sache wird.“

Also schlug er, kaum dass er sein Haus endlich gekauft hatte, dem „Time Magazine“ vor, nach Cleveland zu fahren, um die Situation dort zu dokumentieren. „Bei ,Time‘ haben sie sich gewundert, warum ausgerechnet Cleveland. Aber ich hatte gelesen, dass es dort ganze Straßenstriche gebe, in denen jedes einzelne Haus zwangsversteigert und aus Angst vor Plünderern, Vandalen und Junkies vernagelt sei. Das war auch so, es sah dort aus wie in New Orleans nach Katrina. Das war so massiv, dass es die Möglichkeiten der Fotografie überstiegen hat.“

Das Siegerbild des World Press Photo Award 2009 (bis 29. 11. in der Galerie Westlicht) entstand, als Suau einen Polizisten bei einer Hausräumung begleitete. Die Polizisten mussten mit gezogener Waffe in den Häusern überprüfen, ob sie auch wirklich leer waren und ob keine Waffen zurückgelassen wurden. „Es war sehr gefährlich. Ich war ja auch schon auf Kriegsschauplätzen, da war nicht viel Unterschied. Man wusste nie, wie man empfangen wird, ob dir jemand heulend um den Hals fällt oder ob auf dich geschossen wird.“

Gefährliche Situationen sind Anthony Suau aber nicht unbekannt, die brenzligste, an die er sich erinnern kann, war in Grosny: „Ich war damals der einzige Fotograf, der mit den russischen Truppen unterwegs war, dauernd musste man sich vor Granaten in Acht nehmen.“ Gibt es denn nie den Moment, wo man sich fragt, warum tu ich mir das eigentlich an? „Natürlich, den gibt es. Ich frage mich schon manchmal, warum genau wollte ich hierher? Was war das für eine blöde Idee?!“ Aber die Antwort, die kennt Suau auch: „Weil ich den Menschen mit meinen Fotos erzählen möchte, wie es an einem anderen Ort der Welt gerade zugeht und was dort passiert, weil sie es sonst vielleicht nicht erfahren.“

Risiko ist normal. Seit der Geburt seiner Tochter vor neun Jahren hat sich Suau allerdings von Kriegen ferngehalten. Aber, wie man bei seinem Siegerbild sieht, heißt das nicht, dass er ein ungefährliches Leben führt: „Ich war vor Kurzem in Mexiko in der Drogenszene fotografieren, das war ziemlich riskant. Auch die USA sind sehr bedrohlich, auf verschiedenste Art und Weise, es sind einfach eine Menge Waffen im Umlauf. Erst kürzlich habe ich einen Artikel gelesen über Chicago, wo sich die Jugendbanden gegenseitig niedermetzeln. Hunderte sinnlose Tote, weil man sich um Sneakers gestritten hat!“ Suau hat einige Jahre in Frank-reich gelebt, bevor er wieder in die USA zurückkehrte. Im Vergleich sind für ihn die Wirtschaftskrise und ihre rasante Entwicklung noch verblüffender: „Es war schockierend. Der Abstieg, für den Frankreich zehn Jahre brauchte, den hat die USA in einem halben Jahr geschafft.“ Und er ist sich sicher, dass es jetzt erst losgeht: „Obwohl die Regierung sagt, dass es schon positive Signale gibt, glaube ich, dass sich diese ganze Krise jetzt erst auf die sozialen Strukturen auswirken wird. Viele Menschen des unteren Mittelstandes haben ihre Jobs verloren, es wird Probleme mit Alkoholismus geben, Familiendispute. Da wartet noch ein langfristiges soziales Problem, das man nicht so schnell behebt, indem man ihm Geld nachwirft.“

Zukunft der Fotografie. Oft stellt man sich bei Fotos der World-Press-Photo-Ausstellung die Frage, ob die abgelichteten Schicksale die Fotografen überhaupt berühren. Oder ob sie, nachdem der Auslöser mal gedrückt und das Material beim jeweiligen Magazin abgegeben wurde, noch an die Menschen denken und daran, was aus ihnen geworden ist. Anthony Suau arbeitet mit Kollegen wie der ebenfalls ausgezeichneten Brenda Ann Keneally an einer Antwort. „Wir planen eine Internetplattform, auf der wir den Zustand der USA dokumentieren. Magazine haben in den USA kein Geld mehr, oder sie wollen nicht hinsehen, wo wir es wichtig finden. Das Problem ist nicht die Nachfrage, denn wenn es die Bilder einmal gibt, wollen sie mir so viele abnehmen.

Es geht darum zu organisieren, wer zahlt Hotel, Taxi, Flug etc. Wir wollen Stiftungen und private Sponsoren dazu bringen, dieses Projekt ,Facing Change, documenting America‘ zu finanzieren. Da kann man die Bilder dann nicht nur kaufen, sondern lokale Gemeinschaften können dort Netzwerke aufbauen, es soll ein öffentlicher Platz werden, auf dem diskutiert wird und Probleme angegangen werden. Herkömmliche Fotoagenturen sind heute sinnlos. Ich denke, dieses Projekt ist eine Möglichkeit, wie Journalismus und Fotografie auf interessante, verantwortungsvolle Weise überleben können.“






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