Herr Jürgens, werden Sie unterschätzt?

21.11.2009 | 18:47

Udo Jürgens, derzeit mit seiner "Best-Of"-CD an der Spitze der Hitparaden, beschließt seine große Tournee mit drei Österreich-Konzerten. "Die Presse am Sonntag" traf den Charismatiker.

Sie schreiben in Ihrem Buch „Der Mann mit dem Fagott“ vom ewigen Wunder der Kunst, die es auch in Zeiten der Depression schafft, Menschen Hoffnung oder Vergessen zu schenken. Ist Eskapismus die edelste Aufgabe von Kunst?


Udo Jürgens: Kunst sollte eigentlich weniger Vergessen als vielmehr Kraft für einen Neubeginn schenken. Sie soll Mut machen. Da gibt es verschiedene Auffassungen. Ich denke, Kunst darf den Menschen nicht den Boden unter den Füßen wegziehen.

Es gibt aber nicht wenige, die meinen, dass Kunst auch das Hässliche der Welt abbilden müsse...

Kunst ist ein Spiegel dessen, was wir sind. Da kommt alles vor. Natürlich soll Kunst auch aufrütteln, aufzeigen und uns schmerzliche Dinge vor Augen führen, aber das kann nicht die einzige Aufgabe von Kunst sein. Sie muss auch die Fähigkeit des Glücklichseins in uns verstärken.

Ihre Lieder sind oft kritisch, ironisch, chansonartig. Haben Sie sich jemals selbst zur deutschen Schlagerszene gerechnet?

Es mag arrogant klingen, aber das habe ich nie, obwohl ich wahrscheinlich zeitweise dazugehörte. Es ist nichts dagegen zu sagen, dass viele meiner Lieder zu Schlagern geworden sind, trotzdem unterscheiden sie sich in entscheidenden Punkten. Besieht man die Texte von Liedern wie „Ich war noch niemals in New York“, „Das ehrenwerte Haus“ oder „Griechischer Wein“, dann sind die total schlageruntauglich. Durch die Melodien sind sie Schlager geworden. Damit kann ich leben.

Zu Beginn Ihrer Laufbahn galten Sie als Jazzfan...

Bin ich immer noch. Das ist die Basis. Wenn man seine Wurzeln nicht dann und wann spürt, würde es keinen Spaß machen. Bei meinen Konzerten sind die Arrangements so angelegt, dass man zuweilen in den Jazz hinübergleiten kann, ohne dass ein Bruch entsteht.

Sie waren bekannt mit Gulda und Zawinul. Wurden Sie von den beiden überhaupt ernst genommen?

Interessanterweise war unser Verhältnis erstaunlich gut. Mit 25, 30 Jahren war ich ein recht guter Jazzpianist. Das hat sich leider verloren. Diesbezüglich bin ich heute nicht mehr ernst zu nehmen. Mir fehlt es da jetzt an Geläufigkeit, weil ich jahrelang nur meine eigene Musik gespielt habe.

Ein sensationeller Moment Ihrer Karriere war, als Sie mit Ihrem deutschsprachigen Lied „Warum nur, warum“ auf Platz eins in Frankreich kamen. Wie erinnern Sie sich an diesen Triumph?

Ich hatte zwei große Hits in Frankreich, „Merci Cherie“ und „Warum nur, warum“. Das war natürlich ungewöhnlich. Ich traf offensichtlich in der Musik exakt den Ton des romantischen Feelings. So sehr, dass sich sogar die sonst oft holprige deutsche Sprache dran anschmiegte. Diese Platten wurden dann gerne im Sprachunterricht verwendet. „Warum nur, warum“ wurde später sogar in den USA unter dem Titel „Walk Away“ zur Nummer eins. Ich sang es mit großem Erfolg im amerikanischen TV, aber an die amerikanische Hitparadenspitze führte es der englische Sänger Matt Monro, der leider nicht mehr lebt.

Wie kam es dazu, dass Bing Crosby und Al Martino Ihr Lied „Griechischer Wein“ als Coverversion „Come Share The Wine“ übernahmen?

Dass der unerreichte Bing Crosby, dieser legendäre Sänger, freiwillig ein Lied von mir ausgewählt hat, ist wahnsinnig schön für mich. Er war in London auf dem Weg vom Flughafen in sein Hotel, als er im Radio meine Version von „Griechischer Wein“ hörte. Er beauftragte seinen neben ihm sitzenden Sekretär in der Sekunde, ausfindig zu machen, um welches Lied es sich da handelte. Er veranlasste die Übersetzung und hat das Lied aufgenommen. Darauf bin ich richtig stolz.

Erinnern Sie sich noch an den Augenblick, als Ihnen die Melodie zu „Griechischer Wein“ eingefallen ist?

Ja, ganz genau. Ich kam gerade vom Urlaub in Griechenland. Diesen schaukelnden Rhythmus hört man dort überall. Die lassen die Akkorde liegen und alles ist so weich. Ich setzte mich in Wien ans Klavier, trat das Pedal durch, C-Moll, und habe mit Wechselbass vier Takte gespielt. Dann machte ich weiter und hatte das Lied am selben Tag. Zwei Jahre lang fehlte mir der Text dafür. Dann rief ich Michael Kunze an, spielte ihm den Song mit „La La La“ vor. Der rannte aus dem Studio und hatte nach einer halben Stunde die zündende Idee. Er sagte: „Der Schlüssselbegriff ist ,Griechischer Wein‘ und die Geschichte die, dass du irgendwo im kalten Deutschland mit aufgestelltem Kragen durch die Gegend spazierst. Du siehst das Licht einer Spelunke, gehst hinein und siehst dunkelhaarige, fremdländisch aussehende Menschen am Tisch sitzen, die dich freundlich einladen, mit ihnen Wein zu trinken.“ Auf diese Art ist es ein Gastarbeiterlied geworden, das den Nerv jener Zeit traf. Hierzulande gab es früher eine strikte Trennung zwischen E und U.

Sahen Sie sich manchmal nicht entsprechend gewürdigt?

Ich mache einfach meine Musik. Wenn die mancher als totale Schnulze, als abartig oder als letztklassig empfindet, dann hat er das Recht dazu. Man muss sie ja nicht kaufen. Aber es gibt viele, für die meine Lieder große Bedeutung haben. Da muss man sich von Arroganz freimachen und das dann auch akzeptieren. Dass ich mich früher auch mal missverstanden fühlte, als meine Karriere zwischendurch holprig durch die Gegend ging, will ich gar nicht verhehlen. Damals kamen mir aber die Erfolge, die ich in Amerika hatte, sehr entgegen. Nicht nur wegen des überraschenden Geldsegens, sondern weil es eine große Anerkennung war, dass Künstler wie Frankie Laine, Nancy Wilson, Sarah Vaughan zu meinen Liedern griffen.

In Ihrer Jugend verehrten Sie Frank Sinatra sehr inniglich. Was fanden Sie an ihm?

Nie hat ein Mensch besser gesungen als er. Wenn man sich anhört, zu welchen Melodiebögen er ausholte, ohne dazwischen zu atmen, das ist unerreicht. Mal war er laid-back, dann attackierte er aus dem Nichts. Er war der Typ, der letztlich gewinnt. Das hat uns in den Fünfzigerjahren imponiert, als alles am Boden war und die Zeit begann, wo die Menschen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen mussten. Damals gab es politisch kein Links und Rechts, sondern nur ein Oben und Unten. Später, ab 1968, mussten wir gewaltig umdenken. Das ist heute nicht mehr tragbar, dass der Erfolgreiche ein Recht hat und der andere nicht.

Sie sind ein umfassend interessierter und politisch denkender Mensch und haben dennoch das Gros Ihrer Texte nicht selbst verfasst. Warum?

Zu Beginn meiner Karriere habe ich noch viele Texte selbst geschrieben, habe aber dann gemerkt, dass es bessere Schreiber gibt. Ich setze seither meine Ideen mit Textern um, die mehr Routine im Umgang mit Sprache haben. Ich halte nicht viel von den Liedermachern, die alles selbst machen. George Gershwin hat in seinem Leben nicht ein Lied getextet, das hat er seinem großartigen Bruder Ira überlassen. Das ist eine sinnvolle Arbeitsteilung.

Sie waren am Tag des Mauerfalls in Berlin. Wie war das?

Ich war bis halb sechs Uhr Früh zusammen mit meinem langjährigen Orchesterleiter Pepe Lienhard am Brandenburger Tor und habe gesehen, wie das erste Loch in die Mauer geschlagen wurde. Wir haben mit den Menschen gesprochen und gesungen, gelacht und geweint. Das war einer der einprägsamsten Tage meines Lebens.

Wieso, glauben Sie, ist die Ortstafelfrage in Kärnten immer noch ungelöst?

Weil kleinherzige Menschen darüber entscheiden. Als ob es in der Welt keine anderen Sorgen gäbe als diese Lächerlichkeit. Ich lebe in der Schweiz. Da werden vier Sprachen gesprochen, da gibt es über solche Dinge keine Diskussion. In Kärnten leben viele Menschen, die slowenische Wurzeln haben. Ich selbst stamme auch aus dem Grenzgebiet. Was soll daran unösterreichisch sein? Leute, die daraus ein Problem machen und Menschen gegeneinander aufhetzen mit Parolen, die nicht stimmen, finde ich mehr als bedenklich.

Was sagen Sie zu Verehrern wie dem Herrn Petzner?

Das besagt gar nichts. Ich bin überzeugt, dass es Nazis gab, die begeistert waren von Schubert und Beethoven. Ich glaub zwar nicht, dass Petzner ein Nazi ist, aber er ist ein Fehlgeleiteter. Er meint es wohl auf seine Art gut, aber er und seine Freunde wissen nicht, was sie tun.

In „Der Mann mit dem Fagott“ beschreiben Sie eindringlich die Gospelmessen in Harlem. Schreiben aber auch, dass das Kreuz eines der niederdrückendsten Symbole der Welt sei. Warum?

Das wird jeder anders empfinden. Ich weiß nur, dass ich als Kind Alpträume gehabt habe, als ich das Kreuz zum ersten Mal genau betrachtet habe. Ich konnte und kann bis heute nicht begreifen, dass ein Bild der Folter zum religiösen Symbol wird, wo so ein Symbol doch die Menschen aufrichten sollte. Das Kreuz dient dazu, uns klein und demütig zu halten, damit wir brav unsere Kirchensteuer bezahlen. Ich möchte niemandem religiös nahetreten, aber das Kruzifix konnte ich für mich immer nur negativ interpretieren.

Menschen durch Konzerte emotional zu öffnen – kann das Routine werden?

Wenn ich auf die Bühne trete, kann es immer wieder zu Augenblicken kommen, die mich verunsichern. Dann rettet mich die Erfahrung, die Routine. Aber wehe, sie nimmt Besitz von dir und deiner Botschaft. Dann glaubt dir kein Mensch mehr etwas. Ich bin auf der Bühne genauso emotional berührt wie meine Hörer.




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