Schmuck zwischen Ekel und Faszination
Kein Stück gleicht dem anderen: Schmuck aus Haaren, Horn und Leder.
Zwischen Ekel und Faszination: So könnte man wohl das Wesen des Haars kurz zusammenfassen. Haare im Schwimmbecken und auf dem Fußboden in der
Dusche sind bäh und in der Suppe um ein Karottenstück gewickelt sowieso, die wallende Mähne auf weichgezeichneten Bildern in Vorstadtfriseurauslagen hingegen ist gut. Nicht umsonst war das Haar samt Assoziationen immer schon Ausgangspunkt für viele Künstler. Auf der diesjährigen Biennale in Venedig etwa waren im serbischen Pavillon Decken zu sehen, die aus Menschenhaar gefilzt waren und dementsprechend den typischen Kopfgeruch verströmten.
Die Schmuckdesignerin Alja Neuner rückt in ihrem Projekt „Golden Hair“ das Haar als symbolisch aufgeladenen Körperteil und als natürlichen Schmuck des Menschen in den Mittelpunkt.
Ein Gesichtsschleier aus langem braunen Menschenhaar stellt den Sinn der religiös motivierten Haarverdeckung infrage. Während eine Burka die Haare einer Frau unsichtbar machen soll, sind bei Alja Neuner gerade die Haare das Verschleierungsmaterial, was die ganze Sache ad absurdum führt. Neuner macht sich das Potenzial von dichtem, langem Haar als Objekt der Sehnsucht zunutze: Kunsthaar fasst sie zu Ketten (oben rechts) zusammen, flicht es zu üppigem Ohrschmuck, der an Trachtenfrisuren erinnert, spannt es zwischen Metall zu Armreifen oder hängt glatt rasierten Männern eine Art Brusthaartoupet als Zeichen von Männlichkeit und Stärke um.
Anfang des 19. Jahrhunderts, in der Epoche der Empfindsamkeit, recherchierte Alja Neuner, fand der Haarkult seinen Höhepunkt: Haar wurde für Haarbilder und Schmuck auf Vorrat angelegt, um später als Memento mori zu dienen, als Erinnerung an einen Menschen. Die Haare wurden aber niemals einem Toten abgeschnitten, sondern ausschließlich zu Lebzeiten gesammelt.
Horn und Leder. Während für die Schmuckstücke von Alja Neuner also lange, hauchdünne Hornfäden verwendet werden, arbeitet Anita Münz mit massivem Horn, etwa vom Wasserbüffel oder Zeburind. Mittels Wärme wird dem Material Form gegeben, jedes Stück ist aufgrund der Maserung anders, sind doch Hörner ebenso wie Fingerabdrücke einzigartig. Von Cremeweiß über Cognacbraun bis zu Grauschwarz reicht das Spektrum von Anita Münz’ Ausgangsmaterial. Durch Polieren werden der durchscheinende Charakter und die Farben verstärkt. Die Transluzenz von Büffelhorn nutzte Designer Adam Wehsely-Swiczinsky für seine Zusammenarbeit mit der Petz Hornmanufaktur 1862 im Rahmen der Vienna
Design Week: Auf die Rückseite eines schlichten Armreifens wird eine Digitaluhr montiert, die sich nur im eingeschalteten Zustand zu erkennen gibt – per Knopfdruck leuchtet die Uhrzeit durch das tierische Material.
Hainburger Straße 33, A-1030 Wien
Tel: +43-1-51414-0
technik@diepresse.com
Impressum
Version wechseln
Top

