Drei Stunden warten auf die Impfung

09.11.2009 | 18:54

In Oberösterreich geriet die Immunisierung gegen die Schweinegrippe zur Geduldsprobe. Der Direktor der Gebietskrankenkasse, Hans Popper, übt Kritik an den Ärzten: "Keine Vorbildfunktion". Ein Lokalaugenschein.

LINZ. Gestern, Montag. Nach der Sperre einer Volksschule in Wien wegen der Neuen Grippe bleiben ab sofort auch zwei Schulklassen in Salzburg geschlossen. Mehr als die Hälfte der Kinder ist erkrankt, oder es liegt der Verdacht einer Erkrankung vor. Erster Tag der H1N1-Impfung für alle Österreicher: Die steigenden Erkrankungszahlen und die tragischen Krankheitsverläufe der letzten Zeit (ein Mädchen starb, drei Patienten liegen auf der Intensivstation) haben zu einem Ansturm auf die Impfstellen gegen die Neue Grippe geführt.


In Linz kam er offenbar unerwartet. „Eine Frechheit ist das“, sagt einer, der schon seit kurz vor sieben Uhr im überfüllten Wartesaal der Gebietskrankenkasse Oberösterreich (OÖGKK) ausharrt. Da hilft es auch nichts, dass eine Mitarbeiterin der Impfstelle zu trösten versucht: „Heute müssen eben alle viel Zeit und Geduld mitbringen.“ Drei Stunden hätten sie gewartet, schimpft auch Familie Müller nach der Injektion: der sechsjährige Sohn der Müllers und auch seine 56-jährige Großmutter – allen wurde Celvapan verabreicht. Zur Risikogruppe gehören die Müllers eigentlich nicht, die Impfung ist für sie im Vergleich zu den möglichen Folgen einer Ansteckung aber das kleinere Übel: „Die Wahrheit erfährst du sowieso nicht“, meint Herr Müller zu den widersprüchlichen Expertenmeinungen, die in den vergangenen Wochen diskutiert wurden. Die offengelegte Wahrheit über die auf zwei Seiten für alle Impfwilligen aufgelisteten Nebenwirkungen verdrängt er allerdings selbst geflissentlich: „Wenn man das liest, dürfte man sich ja gegen gar nichts impfen lassen.“

Michael Natter, er hat außerhalb des gläsernen Warteraums Platz genommen, sieht man seine 68 Jahre nicht an. Seine Ungeduld schon: Er findet die Organisation der Impfaktion „katastrophal“ und die lange Wartezeit „völlig unverständlich“. In zwei, drei Minuten sei die Immunisierung gegen die „normale“ saisonale Influenza, die Natter alljährlich in Anspruch nimmt, erledigt. Bei der Neuen Grippe brauchen die beiden Ärzte, die in der Garnisonstraße impfen, eine Stunde für zehn Patienten.

 

Erster Impftag: „Wie Italienreisewelle“

Es sei quasi Stoßzeit, erklärt Hans Popper, Direktor der OÖGKK, im Gespräch mit der „Presse“: „Der erste Impftag ist wie der erste Tag der Italienreisewelle am Samstag. Jeder weiß, dass an diesem Tag die Tauernautobahn steht – und trotzdem fahren alle.“ Auch habe man mit dem Ansturm nicht rechnen können, wegen der fehlenden Vorbildwirkung des Gesundheitspersonals: „Wenn unsere erste Zielgruppe, diejenigen, die das promoten sollen, andere Ziele verfolgen, ist es schwer.“ Der Beratungsaufwand sei am ersten Tag besonders bei chronisch Kranken hoch gewesen, erklärt Popper: „Der Arzt kennt seine Kranken ja eigentlich am besten. Da hätte es mehr Aufklärung oder Terminvereinbarungen geben müssen. Insgesamt hat sich die Ärzteschaft leider nicht sehr konstruktiv eingebracht.“ In Oberösterreich, klagt Popper, hätten sich in den vergangenen Wochen gerade einmal 680 von 55.000 Personen aus dem Gesundheitsbereich impfen lassen. Das sind nur um 50 mehr als sich gestern in den Impfstellen immunisieren ließen. Für die Patienten übrigens – abgesehen von der Rezeptgebühr – kostenlos. Die Impfaktion wird bis Ende Jänner fortgesetzt.

Zeit hat sie also noch, jene ältere Dame, die den Linzer Magistrat unverrichteter Dinge verlässt: dass gestern nur in der OÖGKK und den Bezirkshauptmannschaften geimpft wurde, wusste sie nicht. Sie wolle am Mittwoch, wenn auch hier Immunisierungen vorgenommen werden, wieder kommen: Als Pensionistin, sagt sie, habe man Zeit. Einigen, die im Wartesaal der Garnisonstraße anstanden, war es zuvor ebenso ergangen – Geduld vermochten sie aber weniger aufzubringen.




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