Schweinegrippe: Virus flächendeckend verbreitet
Die Behörden erhöhen die Warnstufe: Verdachtsfälle gelten automatisch als H1N1-Fälle, weil bisher alle Proben positiv waren. Für Medikamente wie Tamiflu entfällt ab sofort die Chefarztpflicht.
Zwei Tage nach Beginn der Impfaktion für die Allgemeinbevölkerung hat die Verbreitung der Neuen Grippe (Schweinegrippe) die nächste Eskalationsstufe erreicht. Demnach ist das Anfangsstadium der H1N1-Pandemie vorbei (im Ärzte-Sprech war von Migitation Stufe1 innerhalb der höchsten Pandemie-Alarmstufe sechs die Rede). Ab sofort gilt Migitation Stufe 2.
Was für den Laien genauso unverständlich wie bedrohlich klingt, ist in Wahrheit ein Vorgang, wie er jährlich bei der saisonalen Influenza geschieht, nämlich: Die Gesundheitsbehörden handeln so, wie sie bei einer ganz normalen Grippewelle eben handeln.
• Aus für Virustests: Dazu gehört auch, dass Verdachtsfälle nicht mehr wie bisher mittels Test überprüft, sondern automatisch als Schweinegrippe-Neuerkrankung gewertet werden. Die Laborüberprüfung findet nur noch dann statt, wenn der betroffene Patient entweder im Krankenhaus behandelt wird oder die Situation in einer Schule, einem Kindergarten oder in anderen Gemeinschaftseinrichtungen abgeklärt werden muss.
Hintergrund der Strategieänderung ist, dass die aufwendige Austestung nicht mehr sinnvoll ist. Inzwischen sind fast 100 Prozent aller Verdachtsfälle H1N1-Erkrankungen. Als im Sommer die ersten Schweinegrippe-Fälle nach Österreich kamen, lag die Trefferquote noch bei 30 Prozent. Der Rest waren grippale Infekte.
• Bundesweite Verbreitung: Ein weiterer Grund für die Strategieänderung ist, dass die Verbreitung der Neuen Grippe inzwischen mit jener einer saisonalen Influenza gleichzusetzen ist, sagt der Virologe Franz Xaver Heinz von der Medizinischen Universität Wien. Das hat zur Folge, dass die Zahl der Erkrankten nicht mehr mit der Zahl der positiven Labortests gleichzusetzen ist. Vielmehr wird diese (wie bei der normalen Grippe auch) mit Hilfe eines international eingesetzten Systems hochgerechnet. Für Wien ergibt das eine Zahl von 10.800 Infektionen. Für die anderen Bundesländer folgen die Zahlen in Kürze.
„Das Virus ist in Österreich nun flächendeckend verbreitet. Bei einer solchen Verbreitung hat eine Einzelzählung einfach keinen Sinn mehr“, sagt Hubert Hrabcik, Generaldirektor für die öffentliche Gesundheit.
• Tamiflu ohne Chefarzt: Für alle versicherten H1N1-Erkrankten bedeutet die neue Gefährdungsstufe, dass antivirale Medikamente wie beispielsweise Tamiflu nicht mehr von der zuständigen Krankenkasse genehmigt werden müssen. Der behandelnde Arzt kann das Rezept nun ohne Rückfrage bei der Versicherung ausstellen, was für den Patienten den Ordinationsaufenthalt verkürzt.
• Schulschließung umstritten: Umstritten ist allerdings, ob die Schließung von Kindergärten und Schulen wirklich notwendig ist. So wurde auch am Dienstag in Salzburg ein Kindergarten von den Behörden gesperrt, in Tirol schickte man die Schüler zweier Klassen nach Hause. „Mit Schließungen sollte man vorsichtig umgehen“, mahnt Hrabcik. Das Ministerium empfiehlt diese erst, wenn die Hälfte aller Schüler erkrankt ist. Natürlich, so Hrabcik, könne es auch sinnvoll sein, Klassen bei geringeren Fallzahlen zu schließen, dies müsse man jedoch im Einzelfall abklären.
Die effizienteste Methode, um das Virus nicht zu verbreiten, hätten die Betroffenen übrigens selbst in der Hand. Hrabcik: „Bei den ersten Symptomen das Bett nicht mehr verlassen.“ Und, um erst gar nicht angesteckt zu werden: Hände waschen.
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