USA: Philip Morris soll 300 Millionen Dollar an Exraucherin zahlen
Bezirksgericht in Florida verurteilt Tabakkonzern. Der will in Berufung gehen. Und das könnte leicht Erfolg haben.
Fort Lauderdale (wg/ag.). Cindy Naugle kann einem leid tun, wie sie so dasitzt in ihrem Rollstuhl, was sie oft tut. Schläuche hängen der 61-Jährigen aus der Nase, sie führen in ein kastenförmiges Gerät, das den Sauerstoffgehalt ihrer Atemluft anreichert. Sie hat nämlich ein Lungenemphysem und kriegt kaum Luft: „In jeder Minute geht es ihr so, als sei sie am Ertrinken“, sagt ihr Anwalt Bob Kelley.
Mit 20 hatte die Schwester des früheren Bürgermeisters von Fort Lauderdale in Florida zu rauchen begonnen: „Benson & Hedges“ war ihr Kraut. 25 Jahre später hörte sie auf – doch die Folgen spürt sie noch heute: Die Alveolen, die Millionen Bläschen, die in der Lunge für Sauerstoffaustausch sorgen, sind entzündet, geschwollen, kaum funktionsfähig. Leute wie sie können oft nicht einmal eine Kerze aus 20 Zentimeter Entfernung ausblasen.
Am Freitag gelang ihr ein Riesenerfolg gegen den Tabakgiganten Philip Morris USA: Das Bezirksgericht Broward County verurteilte ihn zu 56,6 Millionen Dollar Ersatz für vergangene und künftige Behandlungskosten für Naugle – und zu 244 Mio. Dollar Strafschadenersatz. Das ist ein Spezifikum des angelsächsischen Rechts, es soll den Beklagten strafen sowie ihn und andere vor künftigen derartigen Schadenshandlungen abhalten. Das Geld bekommt das Opfer.
Gefahr betrügerisch verschwiegen
Im Urteil wird ausgeführt, die Firma habe in betrügerischer Absicht die Folgen des Rauchens untertrieben. Naugle wurde eine zehnprozentige Mitschuld gegeben, da sie lange geraucht habe, obwohl die Gefahr des Tabaks durchaus bekannt gewesen sei. Philip Morris will berufen: Der Strafschadenersatz sei exzessiv. Und das könnte leicht Erfolg haben: Der Fall Naugle war ein „Spin-off“ des berühmten Falles „Engle vs. Liggett“, der 2006 vor Floridas Höchstgericht zugunsten mehrerer Tabakfirmen ausging.
Dieses hatte ein Urteil eines Geschworenengerichts in Miami aus dem Jahr 2000 endgültig verworfen, das nach einer Sammelklage unter Führung des Arztes Howard Engle die Firmen zu 145 Milliarden Dollar Strafschadenersatz, zahlbar an bis zu 700.000 Raucher, verurteilt hatte.
Diese Summe sei überzogen, so das Höchstgericht, auch wurden Sammelklagen in „Tabak-Fällen“ generell für unzulässig erklärt. Individualklagen blieben möglich. Die von Cindy Naugle war eine – von etwa 8000, die noch anhängig sind.
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