Europäischer Drogenbericht: Zwischen Heroin und "Komasaufen"
Der Markt für synthetische Suchtgifte und "legale Allternativen" wird in Europa zunehmend komplex. Weitgehend stabil ist die Situation bei den "traditionellen" Suchtgiften.
Zwischen Heroin und scheinbar "harmlosen", oft zuvor gar nicht bekannten und zunächst legalen Substanzen: Europa sieht sich mit einem zunehmend komplexen und instabilen Markt für synthetische Suchtgifte konfrontiert, hieß es am Donnerstag in Brüssel aus Anlass der Präsentation des Europäischen Drogenberichts 2009. er wird von der in Lissabon ansässigen Europäischen Drogenbeobachtungsstelle (EMCDDA) erstellt.
"Legale Alternativen" im Internet
Die "zunehmende Raffinesse" bei der Vermarktung "legaler Alternativen" (sogenannte "Legal Highs") sei beunruhigend. So wurden der Behörde im Jahr 2008 von den EU-Mitgliedstaaten 13 neue psychoaktive Substanzen gemeldet. Es handelt sich um elf synthetische Drogen und zwei Pflanzen (Kratom und Kava).
Erstmals befand sich unter den gemeldeten Drogen auch ein synthetisches Cannabinoid (JWH-018). Diese Substanz ruft beim Rauchen Cannabis-ähnliche Wirkungen hervor. Sie wurde auch in "Spice" gefunden, einem mittlerweile wichtigen Drogenprodukt. Nach den Angaben auf den Verpackungen soll es sich dabei zumeist um Mischungen aus pflanzlichen Stoffen oder Kräutern handeln, doch erst vor kurzem durchgeführte Tests haben nachgewiesen, dass manche Mischungen auch synthetische Cannabinoide enthalten.
Das Internet ist mittlerweile zu einem wichtigen Umschlagplatz für psychoaktive Substanzen geworden. Zusammen mit - oft nur vorübergehend - "legalen Alternativen" zu herkömmlichen Drogen werde der Suchtgiftmarkt immer komplexer. Im Jahr 2009 beobachtete die EMCDDA insgesamt 115 Online-Shops in 17 europäischen Ländern.
Von Kokain bis Komasaufen
Weitgehend stabil - so der aktuelle Europäische Drogenbericht - ist die Situation bei den traditionell in der "Szene" häufig verwendeten Suchtgiften. Unter den Stimulanzien ist nach wie vor Kokain am populärsten. Etwa 13 Millionen europäische Erwachsene (15 bis 64 Jahre) haben im Laufe ihres Lebens diese Drogen probiert, darunter 7,5 Millionen junge Erwachsene (15 bis 34 Jahre), von denen drei Millionen Kokain im vergangenen Jahr konsumiert haben.
Der Kokainkonsum in der EU konzentriert sich wie bisher auf die westlichen EU-Länder. Im Jahr 2007 stieg die Zahl der Kokainsicherstellungen in Europa auf etwa 92.000 (im Vergleich zu 84.000 im Jahr 2006), obwohl die insgesamt beschlagnahmte Menge in dem Zeitraum von 121 auf 77 Tonnen sank.
Die Europäische Drogenbeobachtungsstelle (EMCDDA) schätzt darüber hinaus, dass es in der EU und Norwegen zwischen 1,2 und 1,5 Millionen problematische Opioidkonsumenten gibt, die meisten davon Heroinkonsumenten. Nach einigen Jahren, in denen in Europa ein Rückgang des Heroinkonsums registriert wurde, hat die Entwicklung nun offenbar ein Plateau erreicht.
Cannabis wird weiterhin am häufigsten verwendet. Etwa 74 Millionen Europäer (15 bis 64 Jahre) haben in ihrem Leben Cannabis ausprobiert, etwa 22,5 Millionen gaben an, diese Droge in den vorangegangenen zwölf Monaten konsumiert zu haben. Während der Cannabiskonsum im Laufe der 90er Jahre und in den ersten Jahren nach der Jahrtausendwende deutlich gestiegen ist, bestätigen die aktuellen europäischen Daten jedoch eine rückläufige Popularität der Droge, vor allem unter Jugendlichen. Diese Tendenz ist insbesondere unter Schülern (15 bis 16 Jahre) zu beobachten. Allerdings konsumieren bis zu 2,5 Prozent aller jungen Europäer Cannabis täglich.
Besonders gefährlich ist der Dogen-Mischkonsum. Hier werden legale und illegale Suchtgifte kombiniert. Die gesundheitlichen Risiken potenzieren sich. Am gefährlichsten ist der gleichzeitige Konsum von Opiaten, Tranquilizern und Alkohol. Von den in 22 Ländern befragten Schülern (15 bis 16 Jahre) gaben 20 Prozent an, im vorangegangenen Monat Alkohol zusammen mit Zigaretten konsumiert zu haben, sechs Prozent konsumierten gleichzeitig Cannabis und Alkohol und/oder Zigaretten, ein Prozent benutzte Cannabis zusammen mit Alkohol und/oder Zigaretten sowie einer weiteren Droge (Ecstasy, Kokain, Amphetamine, LSD oder Heroin).
"Komasaufen" insbesondere bei Mädchen
Aus dem Bericht geht weiters hervor, dass der gleichzeitige Konsum von Alkohol ein entscheidender Faktor in der Drogenproblematik in Europa ist. Die aktuelle europäische Umfrage unter Jugendlichen ergab, dass 43 Prozent der Schüler "Komasaufen"" (fünf Drinks oder mehr pro Gelegenheit) in den vorangegangenen 30 Tagen angaben. Eine Zunahme dieses Verhaltens zwischen der 2003 und der 2007 durchgeführten Umfrage ließ sich insbesondere unter Mädchen beobachten.
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