Avraham Burg: „Traumawettbewerb“
Avraham Burg provoziert: Der Sohn eines Holocaust-Überlebenden und frühere Knessetpräsident fordert die Überwindung des Holocaust-Traumas. Leistet er damit einen Beitrag zur Schlussstrichdebatte?
„Die Presse“: Willkommen in der Stadt von Theodor Herzl und Adolf Hitler, willkommen in Wien. Sie haben gerade Ihr Buch „Hitler besiegen“ auf Deutsch vorgestellt, in dem Sie den Vorwurf erheben, dass Israel den Holocaust als ultimatives Trauma vereinnahmt, um israelisches Unrecht zu legitimieren. Wie geht es Ihnen, wenn Sie diesen Vorwurf in Wien – einer der Hauptstädte des Antisemitismus im 19. und 20. Jahrhundert – erheben?
Avraham Burg: Ich bin durch die Straßen gelaufen, so, als läge eine tonnenschwere Last auf meinen Schultern. Wien ist ohne Zweifel der Nukleus dieser Frage. Ich war viele Jahre lang Vorsitzender der Zionistischen Weltorganisation. Manchmal stelle ich mir die Frage, was eigentlich passiert wäre, wenn Theodor Herzl zu Sigmund Freund gegangen wäre, es sich auf seiner Couch gemütlich gemacht und gesagt hätte: „Sehen Sie, ich habe diesen Traum von Palästina...“ Freud hätte gesagt: „Da kann ich helfen, ich werde dafür sorgen, dass Sie wieder einen klaren Kopf bekommen.“ Das wäre dann das Ende der Geschichte gewesen.
Irans Präsident Ahmadinejad formuliert es so: „Wenn es den Holocaust gegeben hat, warum zahlen dann die Palästinenser den Preis?“ Was ist von dieser Aussage zu halten?
Burg: Nichts. 1948 gab es im Nahen Osten zwei Flüchtlingsprobleme: unseres und das der Palästinenser. Warum wurde das palästinensische Flüchtlingsproblem nicht gelöst? Ich denke, jeder Israeli hat eine Mitverantwortung für das palästinensische Flüchtlingsproblem. Ich trage als Israeli die Verantwortung für ein Prozent ihrer Probleme. Für dieses eine Prozent trage ich aber die hundertprozentige Verantwortung. Habe ich genug dafür getan, diese Verantwortung wahrzunehmen? Die Antwort lautet Nein.
Aber ich denke, es bedarf auch eines Nachdenkens auf palästinensischer Seite: über die Ausnutzung der Situation durch arabische Regierungen, die kastrierte palästinensische Führung, arabischen Zynismus. Eine weitere Frage würde ich mir stellen, wäre ich Palästinenser: Warum konnten all die jüdischen Flüchtlinge ihr Land in eine blühende Landschaft verwandeln, und warum konnten die Palästinenser das nicht tun? Die Frage der palästinensischen Flüchtlinge ist Teil der Psychopolitik des Nahen Ostens. Jeder weiß, wie die Lösung aussehen wird. Die Grenzen von 1967, Ostjerusalem, wir alle wissen, was zu tun ist. Aber dem steht die Psychopolitik entgegen. Psychopolitik heißt: Die Palästinenser sagen, sie seien durch die Gründung des Staates Israel traumatisiert worden. Dann sagen wir zu ihnen: Das ist euer Trauma? Lachhaft! Jetzt wartet mal, bis ihr unser Trauma gehört habt. Und dann erzählen wir von unserem Trauma: der Shoah. Es geht im Nahen Osten um einen Traumawettbewerb.
Das heutige Deutschland und Österreich hat Anteil an diesem Trauma, macht uns das zu einem Teil des Nahostproblems?
Burg: Wenn es eine Sache gibt, die ich in der Beziehung zwischen Deutschen und Österreichern einerseits und Israel auf der anderen Seite nicht mehr ertragen kann, dann ist dies emotionale Erpressung. Wir leben heute in der neuen Realität. Die Vergangenheit ist geschehen, so, wie sie geschehen ist. Unsere Verantwortung ist es also nicht, täglich diese Vergangenheit wieder auferstehen zu lassen, und es macht doch keinen Sinn, dass Israel die deutschsprachige Welt täglich emotional bestraft. Was heute entscheidend ist: So etwas monströses wie der Holocaust könnte wieder passieren. Bis jetzt sprechen nur Deutsche, Österreicher und Juden über den Holocaust. Was wir tun sollten, ist, gemeinsam über Völkermord in aller Welt zu sprechen, und wo immer es Gemetzel gibt, alles dazu tun, dass diese aufhören. Die Vulgarisierung des Holocaust muss ebenfalls aufhören: Ahmadinejad ist nicht Hitler.
Im heutigen Europa scheint auch die Islamophobie im Vormarsch zu sein.
Burg: Europa tut sich schwer darin, mit Menschen, die keine Christen sind, einen Dialog zu führen. Ich denke, der Holocaust muss auf eine dialektische Art und Weise das Lehrstück des Umgangs mit dem europäischen Islam werden – denn wir haben gesehen, wohin das Unvermögen, mit Mitgliedern einer anderen Religionsgemeinschaft zu sprechen und zu leben, führen kann.
Wie lautet Ihre Antwort, wenn jemand meint, dass Israel heute mehr Belastung als Nutzen für die Juden in aller Welt ist?
Burg: Dann ist das teilweise richtig. Israel ist ein wunderbarer Ort. Ein faszinierendes Land, voller Lebenslust, modern und innovativ. Ich möchte in keinem anderen Ort der Welt leben. Aber wenn der Judenstaat sich nicht völlig dem Frieden verpflichtet und vor messianischen jüdischen religiösen Fundamentalisten in die Knie geht, dann ist das nicht gut für die Juden. Im Judaismus geht es um Liberalismus, Humanismus und darum, dass man niemandem etwas antut, was man selbst erleiden musste.
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