Heinisch-Hosek: Eine Mutter auf Zeit

21.11.2009 | 18:47

Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek erzählt u.a. wie ein schwerstbehindertes Kind drei Jahre lang ihr Leben bereichert hat, was ihr von dieser ungewöhnlichen Beziehung geblieben ist.

Die meisten politischen Visiten enden ohne große Folgen. Nicht so der Besuch von Gabriele Heinisch-Hosek im Perchtoldsdorfer Schwedenstift Ende 2002. Die damalige Nationalratsabgeordnete der SPÖ und jetzige Frauenministerin übergibt dem Heim für schwerstbehinderte Kinder Adventmarktspenden. Dann ist es um sie geschehen: „Ich habe mich sofort in dieses Kind verliebt“, erzählt sie der „Presse am Sonntag“, als sie das Kinderheim nun wieder besucht. Dieses Kind ist allerdings nicht mehr da. Es ist vor fast genau vier Jahren gestorben. Und seit Heinisch-Hosek Ministerin ist, schafft sie es nur noch selten hierher. Was nichts an ihrem Engagement und dem fröhlichen, aufmunternden Umgang mit den Kindern ändert.


„Ihr Kind“ hieß André. Damals ist er drei Jahre alt. André, schwerstbehindert, kann nicht sehen, er kann nicht selbstständig essen, nicht sitzen, nicht gehen – so wie die meisten Kinder hier. Und er ist so gut wie immer teilnahmslos. Das soll sich ändern in den nächsten drei Jahren. Bald wird André lächeln und sich einfach wohlfühlen – trotz seiner schweren, schmerzhaften Krankheit. Heinisch-Hosek kommt zuerst einmal die Woche, dann zweimal, bald ist sie täglich hier. Ihr Mann, Walter Heinisch, begleitet sie. Er gibt André in seiner Mittagspause zu essen, sie bringt ihn abends zu Bett, bevor sie ihre Abendtermine absolviert. Das geht sich aus, beide wohnen im nahen Guntramsdorf.

An den Wochenenden tragen sie den nur acht Kilo schweren André im Schwedenstift auf und ab, oder sie fahren mit ihm im benachbarten Begrischpark oder im nahen Naturpark Föhrenberge spazieren. Heinisch-Hosek lässt sich sogar medizinisch schulen, um den Buben, der nur mit Magensonde und Sauerstoffzufuhr überleben kann, auch einmal mit nach Hause zu nehmen. Vorbildung im Umgang mit Behinderten hat sie genug. Heinisch-Hosek hat sieben Jahre lang als Lehrerin für Schwerhörige gearbeitet.

Die schlimmen Folgen von Gewalt. Sie fährt mit André ins Spital, wacht an seinem Bett, bangt um ihn. „Mutter sein ist was sensationell Schönes, auch wenn man weiß, das Kind stirbt irgendwann“, sagt Heinisch-Hosek. Eigene Kinder waren schon ein Thema, aber es sollte nicht sein: „Uns hat dieses besondere Kind gefunden“, sagt sie. „Ich war eben eine Mutter auf Zeit.“ André wurde als ganz normales Kind geboren. Dann kam das Schütteltrauma. Nach der Misshandlung im Alter von acht Wochen – der genaue Hergang wurde nie geklärt – lag André wochenlang auf der Intensivstation. Mit sechs Jahren und drei Monaten ist er gestorben. Seine Paten waren in seinen letzten Stunden bei ihm, und auch die leibliche Mutter. Das war am 9.Dezember vor vier Jahren.

Geblieben ist Heinisch-Hosek nicht nur das Goldketterl mit dem Kreuz, das der kleine Bub um den Hals trug und das die Ministerin nun nicht mehr ablegt, auch wenn es ihr ein wenig eng ist. Geblieben ist ihr auch das regelmäßige Innehalten mit ihrem Mann am Grab des Kindes. Dieses Erlebnis hat das Ehepaar zusammengeschweißt. Die Ministerin hat es stark gemacht. Denn so tragisch die Geschichte auch ist, Heinisch-Hosek schöpft Kraft aus ihr: „Es war die beste Zeit meines Lebens“, sagt sie. Sie habe viel gelernt, zum Beispiel, dass Zeit etwas Kostbares ist. Und sie gehe auf noch so schwierige Gespräche mit Gelassenheit zu. „Ich fürchte mich vor nichts.“ Was heißt das zum Beispiel für die Beamtenverhandlungen? Fritz Neugebauer und seine Gewerkschafter sind ja bei den zuständigen Regierungsmitgliedern so etwas wie Angstgegner. Einschüchtern lasse sie sich jedenfalls nicht, und mit ihren Energien könne sie auch gut umgehen.

Der lange Kampf gegen Gewalt. Kann einem Politik überhaupt noch Spaß machen, wenn man derart intensive Erfahrungen gemacht hat? Heinisch-Hosek findet schon. Die gesellschaftspolitischen Akzente sind es, die es ihr angetan haben. Da hat sie mit dem Frauenministerium das richtige Ressort erwischt. „Man kann ja nicht sagen, dass alles in Ordnung ist zwischen den Männern und den Frauen!“ Der Kampf gegen die Gewalt ist dabei nur ein Thema. Er bekam für Heinisch-Hosek mit Andrés Geschichte aber einen anderen Stellenwert. Das Schicksal des Buben ist hier ein besonderer Motivationsschub. Vorsorgen und Aufklären etwa, was ein Schütteltrauma einem Baby antun kann.




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