Leipzig: „Die Friedliche Revolution ist unser Kapital“

09.10.2009 | 22:45

Christian Führer, Gemeindepfarrer in Leipzig 1989, erinnert sich. Rund 70.000 Menschen gingen am 9. Oktober 1989 in Leipzig im Anschluss an das Montagsgebet auf die Straße.

„Die Presse“: Alle Blicke richten sich heuer auf den 9. November, den 20. Jahrestag des Mauerfalls. Sind die Ereignisse in Leipzig unterbewertet?


Christian Führer: Gewaltig. Das liegt an der Macht der Bilder. In Leipzig wurden am 9. Oktober nur unter großer Gefahr von den westlichen Journalisten Schwarz-Weiß-Bilder gemacht, die sie heimlich über die Grenze schmuggelten. Am 9. November, der ohne den 9.Oktober gar nicht möglich gewesen wäre, war alles bunt, das Trabi-Getrommle, die Sektflaschen, die Umarmungen. Der 9. Oktober hätte zum Nationalfeiertag werden müssen, das hätte die Seele der Ostleute gewaltig aufgewertet.


Was war das Besondere in Leipzig?

Führer: Die Friedliche Revolution war die Selbstbefreiung aus einer Diktatur ohne Waffengewalt. Wenn je etwas das Wort Wunder verdient hat, dann ist es das: dass die Einheit Deutschlands ohne Krieg und Sieg, ohne Demütigung anderer europäischer Nachbarn zustande kam. Das war in meinem Leben das Größte: die Revolution, die aus der Kirche kam. Die Kirche bekam eine völlig neue Rolle.


Wie kam es, dass Leipzig zum Brennpunkt der Friedlichen Revolution wurde?

Führer: Dieses Kontinuum hat es nur hier gegeben. Wir haben die Friedensdekade 1981 gegen die Stationierung der Mittelstreckenraketen eingeführt und die Montagsgebete ohne Unterbrechung durchgehalten. Dazu kam ab 1986 die große Masse der Ausreisewilligen, für die ich in der Nicolaikirche einen Gesprächskreis angeboten habe. Ab 8. Mai waren die Zufahrtsstraßen nach Leipzig jeden Montag gesperrt, was genau das Gegenteil bewirkt hat: Es strömten immer mehr Leute zu uns, viele aus Neugier. Am 4. September kam uns zugute, dass anlässlich der Leipziger Messe viele Westjournalisten in der Stadt waren. Und am 9. Oktober saß dann die ganze DDR, davon 90 Prozent Nichtchristen, exemplarisch in der Nicolaikirche.


Wie haben Sie es geschafft, so unterschiedliche Gruppen in der Nicolaikirche unter einen Hut zu bringen?

Führer: Basisgruppen und Ausreisewillige haben einander befehdet, sind aber nach vielen Schwierigkeiten unter unserem Dach zusammengeblieben. Wir hatten Probleme mit Gruppen, die Gewalt ausüben wollten. Denen mussten wir klar machen: Friedensgebet heißt Verpflichtung zur Gewaltlosigkeit, das durfte nicht entchristlicht werden. Uns gelang die Überwindung von Angst hin zu Hoffnung: Die Ausreiseleute wussten ja nicht, wie es weitergeht, und die anderen, die verändern wollten, wussten auch nicht, wie.

 

Wieso hatte die Kirche diesen Freiraum?

Führer: Der Kirchenraum wurde respektiert, weil der Staat um internationale Anerkennung bemüht war. Und da wird natürlich die Gretchenfrage gestellt: Wie hast du's mit der Religion? Die Kirche konnte sich einmischen, war subversiv dadurch, dass sich kritische Geister, ob christlich oder nicht, nur hier artikulieren konnten. Der Kampf gegen die Kirche fand im Untergrund statt, durch Observierung, Infiltration durch Stasileute.

Sie selbst haben sich weit aus dem Fenster gelehnt. Hatten Sie Angst?

Führer: Die Stasi hat bei mir im Lauf der Jahre 28 IMs angesetzt. Es gab zwei operative Vorgänge gegen mich, also Programme zur Zersetzung der Persönlichkeit. Die haben sich wahnsinnig beschwert beim Bischof, weil sie dachten, es ist so wie bei ihnen in der Hierarchie, aber das ging in der Kirche nicht so. Wir hatten Tag und Nacht Angst in den 1980ern, das war ein Supermobbing auf allen Fronten.

 

Sie beklagen heute, dass der zweite Teil der Friedlichen Revolution noch nicht geschafft ist. Ist es mit der Einheit zu schnell gegangen?

Führer: Dass die Chance zur Einheit ergriffen wurde, war völlig klar. Die DDR-Bürger wollten die D-Mark, die blühenden Landschaften. Aber es ging mehr als zu schnell. DDR-Bürger hatten aufgrund der Ghettoisierung völlig wirre Vorstellungen vom Westen. Sie dachten, das sei das Schlaraffenland, sie wussten nicht, was für einen Preis der Wohlstand hat. Und der Westen hatte keine Ahnung, wie marode der Osten war. Das Schwierigste war, dass die DDR-Bevölkerung 40 Jahre lang bevormundet und auf Kindergartenniveau gehalten wurde.

Was hätte man Ihrer Meinung nach anders machen sollen?

Führer: Wenn wir juristisch die Einheit hätten feststellen können und uns einen Zwölfjahresplan gegeben hätten, wie wir die Einheit bewusst gestalten wollen, wäre das schön gewesen. Man hätte zunächst einmal sagen müssen: Was bringen wir ein? Die Bundesrepublik das Grundgesetz, 40 Jahre gelebte Demokratie und eine potente Wirtschaft. Was wir aus der DDR mitbringen konnten, ist der 9. Oktober, der Kernpunkt der Friedlichen Revolution. Das ist unser Kapital. Mann und Frau sind ja auch sehr unterschiedlich. Doch das hatte überhaupt keine Chancen. Auch ein neuer Name für das wiedervereinte Deutschland, eine neue Hymne hätten ein neues Wir-Gefühl bewirkt.




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