20 Jahre Mauerfall: Sehnsucht nach fiktiver DDR

06.11.2009 | 18:11

Die wirtschaftliche und soziale Lage in Deutschland ist viel besser als die Stimmung. ZWischen Ostalgie und Westalgie: Die Ostdeutschen werden stark unterschätzt, die Vergangenheit verklärt.

Berlin. „Dass wir den nicht zurückhaben wollen, ist ja klar.“ Die Ostberlinerin Astrid T. zeigt auf das Honecker-Bild, das der Bürgerverein zur Feier des Tages aufgehängt hat. Die Gruppe hat zum „Retro-DDR-Wochenende“ eingeladen, unter dem Motto „Ostalgie zum Anfassen, Tauschen und Mitgestalten“: Fahnen, Mitgliedsausweise bei den Jungpionieren, alte Milchflaschen, DDR-Scheuermittel etc. Die Veranstaltung im Osten Berlins mutet etwas sonderbar an, die Menschen wie aus der Zeit gefallen. Aber Astrid betont, dass es nur um Erinnerung, nicht um Verklärung der DDR gehe.


Ist es wirklich nur das? Oder ist die Wiedervereinigung Deutschlands noch immer nicht abgeschlossen? 20 Jahre sind seit dem Mauerfall vergangen, aber noch hat sich Willy Brandts berühmtes Diktum nicht ganz erfüllt: „Mit Takt und Respekt [...] wird es möglich sein, dass ohne entstellende Narben zusammenwächst, was zusammengehört.“ Immerhin wünscht sich laut Umfragen jeder Neunte im Osten Deutschlands die DDR zurück, nur 22 Prozent fühlen sich als „richtige Bundesbürger“. Neben der Ostalgie floriert auch die Westalgie.

Die Sehnsucht nach den alten Zeiten in West und Ost sei ein „skurriles Phänomen“, sagt Klaus Schroeder vom SED-Forschungsverbund der Freien Universität Berlin. „Die Menschen wollen aber nicht die richtige, sondern eine fiktive DDR zurückhaben“, betont der Forscher. Dieser verklärte Blick auf das geteilte Deutschland sei bei 30 bis 40 Prozent der Ost- und bei 20 Prozent der Westdeutschen zu beobachten. Tatsächlich sehnen sich jedoch „nur“ zehn bis 15 Prozent nach der Mauer zurück.

Mentalitäten wirken weiter

„Die Lage ist ökonomisch und sozial viel besser als die Stimmung“, so Schroeder, daher müssten immer wieder die harten Fakten, auch abseits der Politik, in Erinnerung gerufen werden, wie etwa die enorme Umweltverschmutzung in der DDR oder die niedrige Lebenserwartung. „Viel an Erfahrungen und Mentalitäten wirkt weiter, es hat nicht genügt, einfach im Osten Westdeutschland einzuführen.“ Laut Schroeder ist es ernüchternd, „dass wir Deutschen uns heute so wenig über den Mauerfall freuen, über das friedliche Ende der Diktatur, die historische Leistung der Ostdeutschen“. Immer mehr verblasse die Erinnerung daran, dass vor 20 Jahren die Mehrheit der Ostdeutschen nicht mehr bereit war, in dem System DDR zu leben. „Da, wo Zeitzeugen übertreiben, muss das korrigiert werden.“

Die breite Masse der Deutschen lebt heuteunter den gleichen Bedingungen. Die Wahrnehmung ist jedoch häufig unterschiedlich, ebenso sind es die Mentalitäten. Immer noch gibt es das Bild vom Besserwessi und vom Jammerossi, der Probleme hat, mit dem „fremden“ Teil Deutschlands zurechtzukommen. Völlig falsch, sagt Stephan Grünewald vom Institut „rheingold“, das gerade eine tiefenpsychologische Studie über die „Menschen zwischen Chemnitz und Rostock“ vorgestellt hat. Die Ostdeutschen würden stark unterschätzt, psychologisch gesehen verfügen sie über die Qualitäten von Stehaufmännchen; man könne von ihnen lernen, Krisen zu bestehen. „Die Menschen in den neuen Bundesländern haben es geschafft, gravierenden gesellschaftlichen und privaten Umbrüchen zu trotzen und ein eigenes und neues Selbstbewusstsein zu entwickeln“, so Grünewald, „allerdings leiden sie auch darunter, dass ihre Fähigkeiten und Eigenarten immer noch viel zu wenig vom Westen wahrgenommen werden, und dass alles, was seine Wiege im Osten hat, pauschal diskreditiert wird.“

Pragmatische Ossis

Zu diesen Qualitäten zählen etwa der pragmatische Realismus, die sachlich anpackende Haltung und Bescheidenheit der Ostdeutschen – im Gegensatz zu überzogenen Träumen und Ellbogentaktik im Westen. „Ostalgie wird im Westen falsch verstanden: Es wird nicht das politische System verklärt, sondern der halbwegs funktionierende Alltagsbetrieb beschworen.“




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