"Das Ende der Welt, wie wir sie kannten"

20.11.2009 | 18:40

Von Claus Leggewie & Harald Welzer. Eine rüde Kritik an den Versäumnissen unseres politischen Systems und an der Schuldenpolitik im Zusammenhang mit der Finanzkrise.

Könnte es sein, dass Historiker in 100 Jahren den Beginn des Untergangs der Demokratien mit dem Jahr 1989 datieren? Dann wäre die weltweite Finanzkrise 19 Jahre später nur die nächste Stufe eines Abstiegs gewesen, der lange zuvor eingeläutet worden war.


Der Politikwissenschaftler Claus Leggewie und der Sozialpsychologe Harald Welzer liefern in ihrer Studie „Das Ende der Welt, wie wir sie kannten“ freilich keine Untergangsszenarien, sondern einekritische Bestandsaufnahme der Weltsituation vor dem Hintergrund des Klimawandels. Diese Zeitdiagnose einer tiefgreifendenTransformation des sozialen, politischen und kulturellen Lebens bezieht auch die Krise der Demokratie mit ein. Denn die Geschwindigkeit der Entwicklung im Klimabereich kontrastiert verhängnisvoll mit der Langsamkeit demokratischer Entscheidungsprozesse. Zudem erheben die Autoren den Anspruch, einen „wirklichkeitsnahen Politikentwurf“für die Zukunft der „postkarbonen Gesellschaft“ mitzuliefern.

Die Autoren sparen nicht mit rüder Kritik an den Versäumnissen unseres politischen Systems und an der Schuldenpolitik im Zusammenhang mit der Finanzkrise. Diese Schulden auf Kosten künftiger Generationen seien nämlich nicht gemacht worden, um einen nachhaltigen Umbau der Industriegesellschaft einzuleiten, sondern „um den laufenden maroden Betrieb aufrechtzuerhalten“.

Im Stadium der Anbetung

Leggewie und Welzer schreiben von „organisierter Verantwortungslosigkeit“ und„frivolem Zukunftsverbrauch“, wenn sie der Grundhaltung nachspüren, die dazu geführt hat, dass wir jetzt innerhalb ei- nes Jahrzehnts radikal umsteuern müssten: Es handelt sich hier um die vermessene Vorstellung, „in einer Welt tendenziell unaufhörlichen Wachstums die hinderliche Dimension der Endlichkeit überwunden zu haben“.

Dieser Wachstumsbegriff, so argumentiert das Duo, habe eine fast religiöse Dimension erreicht, aber weder Massenarbeitslosigkeit noch Armut beseitigt. EineWirtschaftsform, die in das Stadium der Anbetung eingetreten sei, müsse endlich säkularisiert werden. Das klingt zwar alles forsch und polemisch, ist aber nicht ganz neu. Indes hoffen die Wirtschaftsexperten, dass die Weltwirtschaft sich erholt und womöglich um zwei Prozent wächst, was aber wieder die Klimaerwärmung fördern würde.

Was schlagen die Autoren nun vor, um aus diesem Teufelskreis auszubrechen? Da klingt einiges ernüchternd allgemein. Zum Beispiel: eine politische Ökonomie der Nachhaltigkeit und der Wiedereinbettung der Märkte in soziale Netzwerke und Institutionen. Aber was heißt das konkret? „Heraustreten aus den von Wirtschaftstheorie und Wirtschaftspolitik bereiteten Pfadabhängigkeiten.“ Aha. Dazu kommen ein paar griffige Schlagworte wie „Intelligente Demobilisierung der übermobilen Weltgesellschaft“ oder „Ökologisch renovierte Marktwirtschaft“. Das alles bedingt einen „Kulturwandel“ und einen „neuen Lebensstil“. So werde zum Beispiel das Fliegen aus der Mode kommen. Ein neues Wir-Gefühl müsse entstehen, und der achtsame Verbrauch des Einzelnen werde auf Produktentscheidungen zurückwirken. ■




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