Traumhaft

20.11.2009 | 18:40

Komisch, skurril, doppelbödig: Antonio Fian erzählt nach Träumen.

Stellen Sie sich eine Versammlung der österreichischen Schriftstellerinnen und Schriftsteller im steirischen Aussee vor, und alle sind in Ausseer Tracht gekleidet – bis auf die einzige Originalausseerin, Barbara Frischmuth: ein skurriles Traumszenario, wie es nur einem Meister der Ironie wie Antonio Fian einfallen kann. Seinen neuen Band, „Im Schlaf“, hat der vor allem für seine Dramolette bekannte Fian zur Gänze den Träumen gewidmet, deren jeweilige Grundsituation er in aller Kürze skizziert, um sie zügig und pointiert ihrem Ende zuzuführen. Fian reizt das durch die Kombination von Traum und Literatur verdoppelte Spiel mit Fiktion und Wirklichkeit genussvoll aus und spekuliert mit der Möglichkeit des Erwachens. Unverkennbar ist den Traumtexten die Fiansche Feder anzumerken, doppelbödig in ihrem Humor, anspielungsreich-persiflierend. Ist die Situation auch noch so grotesk, der Autor behält einen nüchtern-beschreibenden Ton bei und steigert so den komischen Gehalt der Texte. Durch ihren Traumkontext unterscheiden sich diese insofern von der bisherigen Prosa des Autors, als sie nicht die skurrilen Seiten des Lebens hervorkehren, sondern realistisch beginnende Geschichten mit der surrealen Logik des Traumes weiterspinnen.


Mit dem Leser treibt Fian sein Spiel, indem er das träumende Ich als Alter Ego des Autors konstruiert, der durchwegs ein Antiheld ist. Er erlebt sich in verpatzten Auftritten, in Lesungen, bei denen die eigenen Texte unauffindbar oder verstümmelt sind, als Opfer der (Nazi-)Geschichte oder seiner Mutter, die ihn öffentlich erhängen lassen will, oder als Familienmensch in steter Angst um seine Kinder. Selbst als Ehebrecher versagt er kläglich.


Ein Kobold, der foult

Wenn es um Literatur geht, wird seine Feder besonders spitz: Luchterhand-Autoren müssen ihren Verlag als Lkw-Fahrer unterstützen, Peter Handke malt Schiffchen zwischen die Sätze, Michael Köhlmeier verweigert das Erzählen, und Elfriede Jelinek strippt auf einem Literaturfestival. Und der Träumer selbst? Er findet sich als Werner Koflers Pulloverwäscher wieder. In Bezug auf Fußball entwickelt der Autor Allmachtsfantasien: Die immer wieder in der Rolle seiner Frau auftauchende E. gebiert dem Träumer einen für alle anderen unsichtbaren Kobold, dessen einzige Funktion darin besteht, einer englischen Fußballmannschaft durch Fouls an einem gegnerischen Spieler zum Sieg zu verhelfen.

Der surrealen Traumsituation entspringt manch schöne paradoxe Formulierung: „Ich hörte, wie mir E., verzweifelt, wie mir schien, während ich, verzweifelt, schrie, das kommende Schreckliche werde äußerstenfalls zu erkennen, aber nie zu verhindern sein, mitzuteilen versuchte, es werde äußerstenfalls zu verhindern, aber nie zu erkennen sein.“ Sätze wie diese hängen einem nach wie ergreifende Träume.

Natürlich reizt die Lektüre des Bandes zur psychoanalytischen Deutung, doch auch dies ist Teil des literarischen Spiels mit der Authentizität. Antonio Fian ist mit diesem klug angeordneten Prosabandein amüsantes Spiel mit Fiktion und Realität gelungen, das die Ähnlichkeiten (und Unterschiede) von Literatur und Traum darzulegen vermag. In diesem Sinne sei das von Jack London stammenden Motto zu verstehen: „Träumen ist ein einsames Geschäft.“ Es lässt sich wohl auch auf das Schreiben anwenden. ■






Antonio Fian
Im Schlaf
Erzählungen nach Träumen. 106S., geb., €16 (Droschl Verlag, Graz)




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