So ist es aber nicht
„Alix, Anton und die anderen“– ein Skandalroman? Seine Autorin, Katharina Hacker, fühlt sich durch die Art der Veröffentlichung im Suhrkamp Verlag „missachtet“. Lesen sollte man ihn allemal.
Man kennt sie aus der wissenschaftlichen Literatur: die Marginalien, also Randbemerkungen, die meist nähere Erklärungen oder Zusammenfassungen des Inhalts enthalten. In der Belletristik sind Marginalien nicht üblich. Weist Katharina Hackers neuer Roman, „Alix , Anton und die anderen“, nun einen Satzspiegel mit Marginalien auf, ist das bemerkenswert. Bereits nach dem ersten Absatz des „Haupttextes“ fragt man sich: Ab wann soll ich nun mit der Lektüre der Nebenbemerkungen beginnen, die schmäler und kleiner gesetzt sind als der Haupttext – und die gelegentlich mitten im Satz enden, um ein paar Zeilen tiefer fortgeführt zu werden. Aha, denkt sich der an modernen Erzählweisen geschulte Leser, da wird es also eine Korrespondenz geben zwischen Haupt- und Nebentext, die es zu entschlüsseln gilt. Sieht nach einem formalen Experiment aus, das ein wenig an Andreas Okopenkos „Lexikon Roman“ von 1970 erinnert: eine Art Roman zum Selberbasteln.
So (einfach) ist die Sache aber nicht. Zwar hat Katharina Hacker den Roman in zwei Spalten geschrieben, in der ursprünglichen Fassung sind die aber gleich breit und in gleich großer Schrift gesetzt. Im Buch hingegen gibt es nun diese Marginalienspalten, „sodass beim Lesen nicht der Eindruck eines parallelen Erzählens, sondern von Anmerkungen an die Haupthandlung entsteht“, wie unmittelbar vor Erscheinen des Buches die „FAZ“ berichtete.
Und tatsächlich: Beginnt man mit der Lektüre der „Hauptgeschichte“, stößt man erst einmal auf einen ganz gewöhnlichen Ich-Erzähler. Aha, denkt man sich, vermutlich wird die Perspektive dieses Ich-Erzählers in den „Randnotizen“ relativiert. Beginnt man allerdings mit der Lektüre des Nebentextes, erkennt man sehr rasch, dass darin parallel zum Haupttext ein auktorialer Erzähler etwas über den nebenstehenden Ich-Erzähler berichtet. Doch das ist nur am Anfang so. Im weiteren Verlauf der Geschichte bemerkt man, dass der Nebentext kein Kommentar zum Hauptgeschehen ist, sondern Nebengeschichten liefert über das Personal des Romans, die zur Charakterisierung dieser Figuren beitragen.
So bekommt man zum Beispiel Details über die Vergangenheit des alten Ehepaars Heinrich und Clara, die seit 19 Jahren jeden Sonntag ihre Tochter Alix, deren Ehemann Jan sowie die beiden Freunde dieses Paars, Anton und Bernd, zum Essen bei sich haben. Diese sechs Personen suchen nun weder einen Autor, noch warten sie auf Godot, ein gewisses Sinndefizit scheint ihnen aber doch eigen zu sein. Irgendwie leben sie bewegungslos in einem starren Beziehungsgeflecht. Auf den ersten Anschein wirkt das als Idylle, doch je mehr Einzelheiten man (zumeist in der Randspalte) aus dem Leben der Mitglieder dieser eigenartigen „Familie“ erfährt, umso mehr verdüstert sich das Bild.
Denn glücklich sind die – wie stets bei Hacker – einem urbanen, intellektuellen Milieu entstammenden Personen allesamt nicht. Clara und der ehemalige Oberstaatsanwalt Heinrich leben schon seit Jahr und Tag mehr neben- als miteinander. Die Ehe von Jan und Alix leidet an ihrer Geräuschüberempfindlichkeit und an Kinderlosigkeit. Der Buchhändler Bernd, aus dessen Sicht das erste und letzte Kapitel erzählt werden, wurde schon vor Jahren von seinem Geliebten verlassen, trauert dem aber immer noch nach, und Anton, der ebenso wie Jan Arzt ist, hat überhaupt nie eine Partnerin abgekriegt, wo er doch so gern Kinder hätte.
Erst recht bitter schmecken die Lebensgeschichten der Nebenfiguren, etwa der vietnamesischen Familie Li, die in den 1960er-Jahren nach Deutschland einwanderte, weil sie in der Heimat als Christen verfolgt worden und geflohen war. Diese Familie, mittlerweile im Besitz eines Restaurants, wird letztlich zum Auslöser für die Auflösung der Starre. Denn eines Sommers hat Anton die Idee, Clara und Heinrich einmal zum Essen einzuladen, anstatt sich bekochen zu lassen. Bernd ist es dann, dem der Vietnamese einfällt, zu dem sie essen gehen könnten. Mit dieser kleinen Änderung des gewohnten Rhythmus gerät das ganze Gefüge durcheinander. Und genau davon handelt der Roman Katharina Hackers.
Die 1967 in Frankfurt am Main geborene Autorin ist nicht erst seit ihrem 2006 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Roman, „Habenichtse“, bekannt für ihr multiperspektivisches Erzählen. Ebendieses treibt sie in dem neuen Buch konsequent voran. Schwer nachvollziehbar erscheint deshalb die Entscheidung des Suhrkamp Verlags, weder dem Wunsch der Autorin, zu einem anderen Verlag zu wechseln, noch ihrer Vorstellung des Satzspiegels zu entsprechen, wie man in einer Presseerklärung auf der Homepage der Autorin (www.katharinahacker.de) nachlesen kann.
Lesen sollte man jedenfalls den Roman. Ist es Katharina Hacker doch mit diesem ersten Teil eines geplanten Romanzyklus gelungen, das merkwürdige Verhalten von Großstädtern, ihre Einsamkeit, „ihre Erbärmlichkeiten, Schmerzen, Ängste und die allermerkwürdigsten Hochgefühle“ auf eine sehr zeitgemäße Art darzustellen. ■
Katharina Hacker
Alix, Anton und die anderen
Roman. 126S., geb., €20,40 (Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main)
Hainburger Straße 33, A-1030 Wien
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