Prophet und Chamäleon
John Gray prophezeit in seiner „Politik der Apokalypse“ religiös motivierte Kriege, gar die mögliche Selbstauslöschungder Menschheit. Originell sind seine Thesen nicht.
Bis 2008 war John N. Gray, Jahrgang 1948, Professor für Europäische Ideengeschichte an der London School of Economics. Was seine Ansichten betrifft, so wurde er als „Chamäleon“ bezeichnet. In den 1980er-Jahren soll er ein Advokat der Neuen Rechten gewesen sein, in den 1990ern „New Labour“ favorisiert haben. Sein Rezensent in der „New York Times Book Review“, Scott McLemee, merkt dazu an: Er wechselt die Farbe schon, bevor die Umwelt, an die er sich anpasst, ihre eigene zu ändern vermochte.
Heute optiert Gray weder für links noch für rechts. Auch dem Humanismus hat er abgeschworen. Stattdessen redet er einem „Realismus“ das Wort, der die Möglichkeit unserer Selbstauslöschung einschließt. Der Gray'sche Realist sieht voraus, dass uns die Zukunft bestenfalls ein labiles Nebeneinander gestattet, irgendwie zusammengestückelt aus Demokratien und Diktaturen, säkularen und religiösen Staaten, Liberalismus und Fundamentalismus.
Am wahrscheinlichsten ist laut Gray folgendes Szenario: „Das Gewaltpotenzial des Glaubens wird, im Zusammenspiel mit den Auseinandersetzungen um Rohstoffe, unser Jahrhundert aller Voraussicht nach entscheidend prägen.“ Der Gray'sche Realist erwartet sich also Glaubenskriege aufgrund versiegender Energiequellen. So steht es, als Resümee, in Grays neuestem Buch, „Politik der Apokalypse“. Der unheilschwangere (deutsche) Untertitel lautet: „Wie Religion die Welt in die Krise stürzt“.
Ja, wie tut sie denn das? Gleich eingangs erfahren wir: „Unsere Welt ist übersät mit den Trümmern utopischer Projekte, die zwarsäkular auftraten und sich religiösen Vorstellungen widersetzten, in Wirklichkeit abervon Mythen getragen waren.“ Da denke ich mir: Nanu? Das kenne ich doch, das habe ichschon zigmal gelesen! Spontan fallen mir ein:Carl Schmitt, „Politische Theologie“ (1922), Jacob Taubes, „Abendländische Eschatologie“(1947), Karl Löwith, „Weltgeschichte und Heilsgeschehen“ (1949, 1953), und – natürlich – mein Lehrer Ernst Topitsch. Bis hin zu „Gottwerdung und Revolution“ (1973) erforschte Topitsch, renommierter Weltanschauungsanalytiker, die mythologischen und darüber hinaus krankhaften Quellen von Rechts- und Linksdiktaturen. Die Pathologie der Letzten Dinge schien das Abendland zu beherrschen. Durch den Glauben an ein historisches Paradies, vor dessen Eintreten die Endschlacht um Gut und Böse tobt, wurden die Menschen immer wieder kollektiv erhitzt und in den Krieg getrieben.
Mit dem Niedergang der religiösen Bindungskräfte während der europäischen Neuzeit entsteht ein weltlicher Utopismus und Reformismus. Dieser entledigt sich keineswegs der alten Heilsmotive. Fortgeführt wirdbesonders jenes Motiv, das seit dem kalabresischen Ordensgründer Joachim von Fiore(gestorben 1202) besagt: Die Geschichte bewegt sich, über Katastrophen und Abirrungen hinweg, auf ein glückliches Ende zu. Das gilt für die meisten Spielarten des Marxismus und Faschismus – aber auch für den Liberalismus, sofern er sich bekenntnisartigauf die Dreifaltigkeit aus freiem Markt, Wissenschaft und Technik beruft.
Die von mir genannten Autoren haben auf jeweils ihre Weise das Weiterleben der religiösen Endzeitidee unter dem Deckmantel der Geschichtsphilosophie und Nationenlehre minutiös gewürdigt. Keiner von ihnen wird von Gray erwähnt, ausgenommen Carl Schmitt, über den sich einige Bemerkungen finden, die samt und sonders der Sekundärliteratur entstammen. Ich sehe in dieser Ignoranz der Früchte deutscher Gelehrsamkeit vor allem einen Ausdruck jenes Anglochauvinismus, dem sich die Wissenschaftswelt mittlerweile demütig fügt.
Dabei bestreite ich nicht, dass Grays Buch originelle Teile enthält. Materialreich und gut argumentiert sind die Kapitel über die religiösen Beweggründe der USA unter George W. Bush, bei tätiger Mithilfe seines „Lakaien“ Tony Blair, im Krieg gegen Osama bin Ladens al-Qaida und Saddam Husseins Irak.
Außer Frage steht, dass es Kriege gibt, deren Antrieb religiöser Natur ist. Gewalt in der Politik wird oft mit sakralen Begriffen verbrämt, obwohl jeder einigermaßen informierte Beobachter weiß, worum es wirklich geht: nicht um den wahren Glauben, sondern um Machtgier, Eroberungslust und Bereicherungsstreben, um beleidigten Nationalstolz und Kollektivhass. Das Böse hat eben viele Gesichter. Ob sich unter ihnen das der Religion befindet, ist eine Frage, die erst sinnvoll scheint, nachdem man geklärt hat: Welche Art von Religion?
Es gibt Kriegsreligionen, und es gibt Friedensreligionen. Das hängt vom Stand der Aufklärung und der Entwicklung des Humanismus ab. Befremdlich wäre es, wollte man einer Religion wie dem aufgeklärten, liberalen Christentum, das im Namen des Gottes aller Menschen für den Weltfrieden eintritt, mit Gray'schem Realismus bescheinigen, es handle sich dabei um gar keinen „authentischen“ Glauben. Soweit jedoch der Gray'sche Realist recht hat, weil die Verschmelzung von Religion und Politik tatsächlich zur Gewalt führt, bleibt trotzdem fraglich, ob die Welt ohne Religion besser dran wäre.
Die Unmassen an Toten, welche der Kommunismus im 20.Jahrhundert gefordert hat, beweisen hinlänglich, dass Gottlosigkeit nicht vor Terror schützt. Die vorsichtigste Schätzung allein der Opfer des Stalin-Regimes liegt bei vier Millionen, die Zahl der Opfer, die Maos Kulturrevolution forderte, beträgt vermutlich weit über 40 Millionen. Wenn nun entgegnet wird, dass Stalinismus und Maoismus „verkappte“ Religionen gewesen seien, dann verliert die Behauptung, wonach zur Religion die Gewalt gehöre, jeden überprüfbaren Sinn.
Gray wittert noch im liberalkapitalistischen Reformoptimismus westlicher Demokratien einen religiösen Unterstrom. Das Ergebnis: Es wird unmöglich, irgendeine Krise zu finden, und sei es die allerprofanste – zum Beispiel die der Weltwirtschaft, geboren aus Raffgier und Kooperationsversagen–, an der nicht angeblich religiöse Energien beteiligt wären. Deshalb erklärt die These vom universellen Gewaltmotor „Religion“ schließlich alles und daher nichts.
Umso überraschender ist es, dass Gray am Ende seines Buches feststellt, man dürfe die Religion, da sie ein Grundbedürfnis erfülle, nicht unterdrücken oder auch nur in die Privatsphäre abdrängen: „Wir sollten sie besser voll und ganz in die öffentliche Sphäre einbinden, ohne freilich eine bestimmte Religion als allgemeinverbindliche Lehre festzulegen.“
Da ist es wieder, das Chamäleon Gray. Ehrlich gesagt, seine Farbenspiele gehen mir auf die Nerven. Dennoch empfehle ich Grays Buch all jenen, die sich beim Lesen gepflegter Wissenschaftsprosa gern in eine Gruselstimmung versetzen lassen – hier als Folge des Gedankens, der Mensch und seine Götter seien missglückte Geschöpfe. ■
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