Warum freue ich mich nicht?
Manchmal stellte ich mir das Ende der Sowjetunion als privates Spektakel vor. Ich würde mit meinen Enkeln über die Grenze gehen und in meine Geburtsstadt, Leningrad, fahren. Einfach so. Es kam anders. Mein 1989: Erinnerungen eines Emigranten.
Wer kennt hierzulande die Stadt Sumgait oder hat überhaupt jemals von ihr gehört? Vor vielen Jahren war sie kurz in allen Medien. Dann vergaß man sie wieder. Dabei haben die Ereignisse in Sumgait und der Fall der Berliner Mauer viel miteinander zu tun, und die Samtene Revolution fand zwar in der Tschechoslowakei statt, indirekt aber hat sie ebenfalls in Sumgait ihren Ausgang genommen.
Sumgait liegt am Kaspischen Meer, in Aserbaidschan. In den Achtzigerjahren zählte die Industriestadt nördlich von Baku zu den ärmsten Teilen des Landes. Die Bevölkerung bestand hauptsächlich aus Russen, Aserbaidschanern und Armeniern. Im Februar 1988, am Beginn des Konflikts zwischen Armenien und Aserbaidschan rund um die armenische Exklave Berg-Karabach, kam es in Sumgait zu einem Pogrom. 32 Menschen, die meisten davon Armenier, wurden getötet, Hunderte verletzt. Nach inoffiziellen Angaben war die Anzahl der Toten noch viel höher. Während der drei Tage andauernden Exzesse kam es zu Massenvergewaltigungen und Plünderungen. Die Polizei sah untätig zu, die Armee griff erst spät ein, Sondereinheiten des Innenministeriums kamen kaum zum Einsatz.
Die Hintergründe des Pogroms sind bis heute nicht zur Gänze geklärt. Waren nationalistische Gruppen daran schuld, der KGB oder die lokalen Machthaber, denen die panikartige Flucht großer Teile der armenischen Bevölkerung aus Sumgait in den Tagen nach dem Pogrom sehr gelegen kam – eine „ethnische Säuberung“ am Vorabend eines Krieges? Fest steht, dass die Zentralregierung in Moskau die Ereignisse weder vorhergesehen noch verhindert hat. Nach drei Jahren Perestroika hatte sie die Kontrolle über das Land verloren. Der Pogrom von Sumgait war der Anfang vom Ende des sowjetischen Imperiums.
Ich war damals Student
Ich war damals Student, 21 Jahre alt, und wohnte noch bei meinen Eltern. Ich erinnere mich, wie ich eines Tages von der Uni nach Hause kam und wie mir mein Vater mit Tränen in den Augen von den Ereignissen im fernen Aserbaidschan erzählte. Der amerikanische Kurzwellensender „Voice of America“ hatte gerade einen umfassenden Bericht über den Pogrom in russischer Sprache ausgestrahlt.
„Die Mörder haben einer schwangeren Frau das Baby aus dem Bauch geschnitten und getötet“, schrie mein Vater. „Man hat den Opfern Arme und Beine abgehackt, man hat ganze Viertel gebrandschatzt. Wie konnte so etwas in einer Diktatur geschehen? In einem Land, in dem von drei Leuten, die sich irgendwo treffen, bisher mindestens einer immer ein KGB-Spitzel war? Massenmorde gab es früher auch, in der Stalinzeit, aber die wurden von oben organisiert und später verheimlicht. Aber ein so abscheulicher Pogrom, über den außerdem in den Medien berichtet wird? Eine anständige Diktatur lässt so etwas nicht zu. Nein, das ist das Ende. Dieses System begann mit einem Bürgerkrieg und mit Pogromen, und es geht im Chaos und im Bürgerkrieg unter. Ich habe oft davon geträumt, dass dieses Regime zusammenbricht, aber doch nicht so!“
„Die lokalen Behörden sind schuld“, wandte ich ein. „Der Karabach-Konflikt . . .“
„Seit wann haben in der Sowjetunion die lokalen Behörden irgendetwas zu entscheiden?“, entgegnete mein Vater.
Auch wenn ich nicht ganz so pessimistisch dachte wie mein Vater, musste ich ihm grundsätzlich recht geben. Es gab keinen Weg zurück. Die Demokratisierung wies nicht den Weg in eine liberale Gesellschaft, sondern zu nationalistischen Exzessen. Um die Büchse der Pandora wieder zu schließen, bedurfte es einer neuen Diktatur, die mindestens so repressiv sein musste wie die stalinsche. Dies aber erschien mir weder wahrscheinlich noch wünschenswert. Außerdem wäre eine solche Entwicklung nicht mehr zeitgemäß gewesen.
Stattdessen gaben die sowjetischen Eliten den Kommunismus und den alten Staat auf. Schließlich war es zielführender, zu Besitzern jener Fabriken zu werden, deren Direktor man bis dahin gewesen war. Ein Verwalter kann jederzeit abgesetzt werden und muss irgendwann in Pension gehen. Der Eigentümer hingegen kann über sein Vermögen frei verfügen und es vererben. Er kann seinen Reichtum offen zur Schau stellen, statt ihn verschämt zu verstecken und schöne Reden über eine egalitäre Gesellschaft zu halten, an die ohnehin niemand mehr glaubt.
Die Privatisierung zu Beginn der Neunzigerjahre wurde in diesem Sinne durchgeführt: Die Mächtigen und Reichen wurden noch reicher, während die anderen auch das wenige, das sie hatten, durch Hyperinflation und verbrecherische Machenschaften verloren. Dies lag genauso im Trend der Zeit wie die nationalistischen Parolen, mit denen sich die Massen viel leichter manipulieren ließen als mit leninschen Zitaten. Die längst unrentabel gewordenen Kolonien in Ostmitteleuropa konnte man nebenher getrost in die Freiheit entlassen.
Als meine Eltern und ich 1971 die Sowjetunion verließen, war es ein Abschied für immer. Das Ende des Kommunismus im „Raumschiff-Enterprise-Jahr 2200“ oder der Dritte Weltkrieg erschienen mir als Kind wahrscheinlicher als der Fall der Berliner Mauer noch zu Lebzeiten meiner eigenen Großmutter. Manchmal stellte ich mir das Ende der Sowjetunion als privates Spektakel vor. Ich würde mit meinen Enkeln und Urenkeln zu Fuß über die Grenze gehen, in einen Zug einsteigen und in meine Geburtsstadt, Leningrad, fahren. Einfach so. Niemand würde mich kontrollieren oder mein Recht in Frage stellen, in diesem Land unterwegs zu sein. Die Menschen würden mir zulächeln und mich, ihren verlorenen Landsmann, willkommen heißen. Es war eine Sehnsucht, deren Erfüllung ich nicht erwartete, ein Tagtraum von einer Rückkehr in eine fiktive Heimat, die ich mir in den Jahren der Emigration als Gegenwelt imaginiert hatte, eine Welt, in die ich mich flüchten konnte, wenn die Realität des Exils allzu schmerzvoll wurde.
Die Realität sah anders aus. Sie bestand aus Telegrammen und Briefen meiner Großmutter, in denen sie mitteilte, dass ihr die sowjetischen Behörden zum wiederholten Male ein Gästevisum nach Österreich verweigert hatten, weil sie ihre Tochter – meine Mutter – angeblich „falsch erzogen“ habe. Sie könne nicht erwarten, dass man sie für ihre Verfehlungen auch noch dadurch belohne, dass sie „diese Volksfeindin, die ihrer sozialistischen Heimat den Rücken gekehrt hat“, im Ausland besuchen dürfe. Großmutter durfte erst im Herbst 1988 ausreisen.
Als Gorbatschow an die Macht kam, dachten die meisten Emigranten aus der Sowjetunion, er sei ein zweiter Chruschtschow. Eine kleine Liberalisierung könne immerhin die Visaformalitäten erleichtern und die Ausreiseanträge von Verwandten und Freunden beschleunigen, hieß es. Viereinhalb Jahre später sah ich Tausende DDR-Bürger die ungarische Grenze nach Österreich überqueren, ich sah jubelnde Menschen auf der Berliner Mauer stehen und demonstrierende Menschenmassen in Prag, die niemand auseinanderjagte oder umbrachte, wie es einige Monate zuvor auf dem Tienanmen-Platz in Peking geschehen war.
Ich hatte nicht erwartet, dass die Polizei auf die Demonstranten schießen würde. Spätestens seit den Ereignissen in Sumgait hatte das Regime sein Gesicht, aber auch seine Kraft verloren. Allenfalls konnten sich die Demonstranten selbst schädigen, indem sie aufeinander losgingen oder an jemandem Rache zu üben gedachten. Aber es kam weder zu Gewalttaten noch zu Plünderungen oder zu Fällen von Lynchjustiz. Diese sollten erst später folgen – in Rumänien, in Jugoslawien oder in der kirgisischen Stadt Osch, wo im Juni 1990 mehr als 300 Menschen bei Auseinandersetzungen zwischen Usbeken und Kirgisen ermordet wurden.
Ich freute mich mit den Menschen in Ostdeutschland und der Tschechoslowakei, betrachtete die berührenden Fernsehbilder aus Berlin oder Prag aber auch mit einer Mischung aus Neid und Trauer, weil ich ahnte, dass ich selbst etwas Derartiges nie würde erleben können. Für ehemalige Republikflüchtlinge aus der DDR wurde hingegen mein Tagtraum aus der Kindheit zur Realität. Einige von ihnen hatten vielleicht gerade zu Fuß die Grenze überquert. Nun wurden sie von jubelnden Menschen willkommen geheißen. An einem dieser Tage fuhr ich nach Bratislava und betrachtete das, was ich von der Fassade des sozialistischen Alltags erkennen und deuten konnte. Wenigstens die Tristesse eines solchen Alltags war mir in den Jahren der Emigration und danach erspart geblieben.
Hetze gegen Minderheiten
In der Sowjetunion hetzten in jener Zeit rechtsradikale Gruppen gegen Juden und andere Minderheiten. Eine Bekannte von mir hörte von einer Nachbarin, sie und ihre Familie stünden schon auf einer „schwarzen Todesliste“. Während des Pogroms, der demnächst stattfinden werde, sollten ausschließlich Juden sterben. Man wolle keine Fehler machen, erklärte die Nachbarin hämisch. Von 1989 bis 1991 emigrierte – besser: flüchtete – eine Million Juden in den Westen. Heute muss ich nach Haifa oder Regensburg fahren, um meine „russischen Verwandten“ zu besuchen.
Die angekündigten Pogrome fanden nie statt. Man mutmaßt, dass nicht nur rechtsradikale Gruppen, sondern auch die Regierenden selbst für die Panikmache und den daraus resultierenden Massenexodus verantwortlich waren. Einige versuchten, den Staat zu destabilisieren, andere wollten ihn womöglich retten, indem sie die „einigende Kraft“ des Antisemitismus als politische Waffe einsetzten. Aber es spielte keine Rolle mehr, welche Fraktion hinter welcher Aktion stand. Die Sowjetunion ging unter. Hätte es den halbherzigen Putschversuch konservativer Kräfte im August 1991 nicht gegeben, hätte sie vielleicht noch ein, zwei Jahre länger existiert.
Im Spätsommer 1991 war ich mit zwei Freunden auf Urlaub in den Niederlanden. Wir hatten ein Hausboot gemietet, hatten das unruhige Ijselsmeer überquert und waren Richtung Süden unterwegs. Ich erinnere mich, dass wir eines Abends auf einem der zahlreichen Kanäle haltmachten. Das nächste Dorf war einige Kilometer entfernt. Es war noch hell, und während meine Freunde auf dem Boot blieben, um Jenever zu trinken und zu rauchen, ging ich mit einem Transistorradio in der Hand querfeldein und hörte einen Bericht von „Radio Free Europe“. „Revolution in Moskau – Die Putschisten verhaftet – Alle Aktivitäten der KPdSU suspendiert, ihr Monopol aufgehoben, ihr Vermögen verstaatlicht – Gorbatschow tritt als KP-Chef zurück – Zahlreiche Teilrepubliken erklären ihre Unabhängigkeit . . .“ Das erinnerte sehr an den Herbst 1989 und ließ mich kurzzeitig hoffen, dass es auch in Russland zu einer demokratischen „Wende“ gekommen sei. Heute lebt die Mehrheit der russischen Bevölkerung in Armut, die Demokratie ist ein Bluff, und was früher Regimetreue, Protektion oder das Parteibuch war, ist heute das Schmiergeld. Mein Vater hat eine solche Entwicklung befürchtet, ich aber konnte und wollte 1991 mit meinen 25 Jahren nicht so hellsichtig sein.
Ich weiß noch, welche Euphorie mich damals auf diesem Feld mitten in Holland erfasste, während ich Radio hörte, und wie meine Begeisterung mit fortschreitender Dauer der Berichterstattung in Traurigkeit, dann in Wut umschlug. „Und wozu war eigentlich das Ganze gut?“, schoss es mir durch den Kopf. „Wozu diese 70 Jahre?“ Die Unsinnigkeit einer solchen Frage war mir sofort bewusst – dies steigerte meine Wut noch mehr. „Wozu habe ich zehn Jahre Emigration hinter mir? Zwölf Ortswechsel allein zwischen meinem fünften und meinem 16.Lebensjahr! Wozu wurde mein Vater tagelang vom KGB verhört und die Familie meiner Eltern jahrelang schikaniert? Wozu wurde mein Großonkel eingesperrt und ist im Lager verhungert? Wozu haben Leute für dieses System gemordet oder haben sich geopfert, haben ihren Idealismus sinnlos verschwendet und sind für eine vermeintlich bessere Welt, die nichts als eine verlogene Illusion war, in den Tod gegangen? Wozu? Jetzt ist es vorbei, und ich müsste mich eigentlich freuen. Aber warum freue ich mich nicht?“
Am liebsten hätte ich dieses „Wozu?“ herausgebrüllt und das Radio in den Kanal geworfen, der das Ende des Feldes markierte, das ich gerade durchquert hatte. Aber ich tat nichts dergleichen. Als junger Mann ließ ich meinen Gefühlen nur selten freien Lauf. Das Gehen fiel mir schwer. Meine Gummistiefel blieben im Morast stecken. Ich war völlig allein, um mich herum nur Felder, nicht einmal ein Baum, nicht einmal Kühe, und meine beiden Freunde auf dem Hausboot hatten anderes als Russland im Kopf. Ich fand, dass diese Szenerie sehr gut zu diesem Augenblick passte.
Nach 22 Jahren in der Heimat
Als ich in meine Geburtsstadt, die nun wieder St. Petersburg hieß, nach 22 Jahren zurückkehrte, war ich selten allein. Ich traf Menschen, die mich als Baby in den Armen gehalten oder mit meiner Mutter in die Schule gegangen waren. Das waren schöne Momente, und doch irritierte das Gefühl des Vertrauten und Fremden zugleich mehr, als dass ein Abschreiten von Orten, die ich aus Erzählungen so gut kannte, oder die Begegnung mit Verwandten, denen ich seit vielen Jahren Briefe geschrieben hatte und nun das erste Mal gegenüberstand, etwas abschloss oder zurechtrückte.
Erst später verstand ich, dass viele Exilierte in Deutschland oder anderswo Ähnliches erlebt und empfunden hatten wie ich. Mochten sie schon als Erwachsene aus der DDR geflüchtet oder ausgewiesen worden sein, mochten sie sogar in derselben Straße, in der sie in Ostberlin gewohnt hatten, auf der anderen Seite der Mauer ein neues Zuhause gefunden haben – sie werden in jenen November- und Dezembertagen des Jahres 1989 mit Wehmut und einem Gefühl zunehmender Selbstentfremdung die wenigen hundert Meter bis zu ihrem ehemaligen Wohnhaus gegangen sein.
Weder dieselbe Kultur, dieselbe Sprache, ja nicht einmal dieselbe Stadt konnte den Umstand verschleiern, dass es kein Zurück gab, wenn man diese Grenze einmal überschritten hatte, auch dann nicht, als sie plötzlich verschwunden war. Physisch mochte man von Wedding nach Berlin Mitte oder von Wien nach Prag heimgekehrt sein und war dennoch nicht angekommen. Dies lag nicht daran, dass man eine Zeitlang von der ursprünglichen Lebenswelt abgeschnitten gewesen war, dass man viel verloren oder in einer anderen Welt neue, oft unschöne Erfahrungen gemacht hatte – das gilt für alle Emigranten. Vielmehr lag es daran, dass man einst „für immer“ ins Exil gezwungen worden war. Hätte man jederzeit heimkehren können, dann hätte man seinen Schmerz und seine Wut und seine Verletzbarkeit mit auf die Reise genommen. So aber hatte man diese Empfindungen ständig über die Grenze zurückgeschoben, wenn sie einem im Weg standen, auf dass sie dort für immer verwahrt blieben. Wo wollte man sie nun finden, wenn man plötzlich den Ort aufsuchte, an dem man eigentlich nie mehr sein durfte? Konnte man es überhaupt ertragen, auf die Suche zu gehen? ■
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