Vom taktischen Erröten
In der Reihe „Brüssel zartherb“: Arbeitstitel „Sex and the Valley“ – Entwurf einer Eurokraten-TV-Serie.
Wieder stehe ich auf dem Brüsseler Fleischmarkt, auf der place Lux. Ein kleiner Altstadtplatz, mit Heizsäulen und Plastikdächlein winterfest gemacht, Hunderte junge europäische Karrierendrängen sich aneinander. Wieder frage ich mich, ob sich aus diesen gut aussehenden Leuten nicht doch ein Stück Fernsehunterhaltung schnitzen ließe. Ob das Tal der Eurokraten nicht doch eine Fernsehserie hergeben würde. Nennen wir sie frivolerweise „Sex and the Valley“, in Anlehnung an ein Vorbild aus New York.
Ich blicke mich um, auf der place Lux. Geschniegelte Leute, meist in ihren Brüsseler Anfängen, aber jeder Einzelne vertritt bereits irgendwo die Interessen von Zehntausenden. Sie stammen aus ganz Europa; viele reden auf Englisch zurück, wenn man sie in ihrer Muttersprache anspricht. Das Fernsehpublikum wird diese Schnösel zuverlässig hassen. Das ist gut. Ist das Publikum nicht angezogen von elitären, unzugänglichen und unsympathischen Milieus? Wer mag reiche Kinder aus Beverly Hills und Ölbarone aus Dallas – und wer schaute nicht die zugehörigen Serien? Ich überlege, ob ich in Brüssel passende Serienfiguren kenne. Mir fällt ein völlig normaler Kerl ein. Ein kleiner Eurokrat, ein letzter Mohikaner aus dem Herrgottswinkel Polens. Solide, Bäuchlein, altmodisch gestreifte Hemden. Er findet seit der Osterweiterung keine Frau. Er leidet auf der place Lux wie ein Hund, das Publikum durchleidet seine fruchtlosen Rendezvous.
Die einsame Kukuruzmüllerin
Als weibliches Gegenstück geht mir eine kleine Italienerin durch den Kopf. Sie schuftet für eine kleine, verlachte Branchenlobby, für die Kukuruzmüller. Sie ist einsam, geht aber nicht auf die place Lux, sie will keinen dieser Brüssel-Menschen zum Mann. Die Kukuruzmüllerin und der letzte Mohikaner, sie kennen einander nicht. Wie sollen sich die Guten finden?
Bei den Bösen ist die Auswahl größer. Ich stelle mir Lobbyisten aus der Oberkaste der Kaste vor, Absolventen des Europa-Kollegs in Brügge. Sie enden alle in Brüssel, einige als Think-Tank-Tank-Thinker, sie sind unüberwindlich. Wenn einer gesichtet wird, raunen einander normalsterbliche Eurokraten in missgünstiger Dehnung die englische Aussprache zu: „Brruuusch“. Aus der Mitte des Brruuusch-Adels sticht die begehrteste Mietlobbyistin des Eurokratentals hervor. Goldblondes Haar, haselnussbrauner Blick. Sie setzt sich für afrikanische Minenopfer ein, umso überzeugender charmiert sie für die schmutzigsten Konzerne der Welt. Sie kann taktisch erröten, sie wirkt überhaupt nicht kalt.
Die Brruuusch-Braut ist nicht zu erobern. Sie fände höchstens einen Typen gut, einen Kartelljäger aus der Europäischen Kommission, der bringt Action in unsere Serie. Wir sehen ihn in einem Hotel des Binnenmarkts sitzen, mit anderen schneidigen Typen. Verschworen sitzen sie über „Google Maps“ und planen die Razzia des Morgengrauens. Später sehen wir, wie eine Taschenlampe durch Bürofluchten irrt. Ein Missetäter löst unbefugt das Siegel der Europäischen Kommission. Das gibt ein Erschrecken, das Kommissionssiegel spielt plötzlich alle Farben. Wie aus dem Nichts erscheint eine Schrift auf dem Siegel: „VOID“ – „UNGÜLTIG“. Wir erkennen sogar im Dunkeln, dass der Siegelbrecher erbleicht.
Dann kehren wir auf die place Lux zurück, immer wieder. Der letzte Mohikaner, traurig in sich gewandt, schüttelt den Kopf. Melancholisch riecht die Kukuruzmüllerin an gemahlenem Mais, in ihrem geruchlosen Büro. Unsere Serie wäre ein frivoles Spiel. Wenn schon nicht Europa, so muss aber wenigstens die Serie ein gutes Ende nehmen. Sie muss. ■
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