Bundesliga: Rapid-Fans droht Großprozess

21.11.2009 | 18:47

Nach schweren Zusammenstößen zwischen Rapid-Fans und der Polizei ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Landfriedensbruchs. Es gibt 171 (!) Verdächtige.

Der 21. Mai 2009 war sowohl für die Anhänger von Austria Wien als auch für jene von Rapid ein unguter Tag. Beide Mannschaften verloren (Austria auswärts gegen den Lask mit 0:4, Rapid zu Hause gegen Mattersburg mit 2:3). In den hartgesottenen Rapid-Fanklubs war die Stimmung doppelt schlecht: Man meinte, an diesem Tag eine groß angelegte (Vergeltungs-)Aktion durchführen zu müssen. Diese lief unter dem euphemistischen Arbeitstitel: „Austrianer vom Bahnhof abholen.“


Grund dafür: Laut dem Rapid-Fanklub „Alte Garde“ hatten Austria-Hooligans am Vorabend junge Rapidler in der Wiener Innenstadt brutal zusammengeschlagen. Daraufhin wollte man mit dem Marsch zum Bahnhof „Flagge zeigen, Macht demonstrieren“, so der Chef der „Alten Garde“, Thomas Kern. Was dabei herauskam, könnte nun in einen Monsterprozess wegen Landfriedensbruches münden. Unter Verdacht: nicht weniger als 171 Rapid-Fans.

Rapid-Fanklubs wie die „Ultras“, die „Flo Town Boys“ oder eben die „Alte Garde“ wussten damals natürlich, dass die vom Lask-Spiel heimkehrenden Austrianer um 20.25 Uhr am Westbahnhof ankommen würden. Die später ausgewerteten Aufzeichnungen der Bahnhofskameras dokumentieren, dass mindestens 171 Rapid-Fans am Bahnhofsgelände einsickerten. Nicht in Grün-Weiß, sondern meist in eher unauffälliger Kleidung.

Kurz davor fuhren Kräfte der Wega (Wiener Einsatzgruppe Alarmabteilung) unter dem Kommando zweier erfahrener Hauptmänner („Wega 130“, „Wega 140“) nach Hinweisen auf eine „Drittortauseinandersetzung“ zum Bahnhof. In geschlossener Formation marschierten sie in die Halle, zogen vor dem Bahnsteig 2 eine (menschliche) Sperrkette auf. Doch sehr bald war klar, dass die Beamten den „Störern“ (Zitat Polizeibericht) „eindeutig in Unterzahl gegenüberstanden.“ Eindeutig. Laut Zeugenaussage eines leitenden Beamten (protokolliert am 2. Juli) standen anfänglich nur 16 Wega-Männer im Einsatz. 16 gegen 171. „Wenn wir sie überrennen hätten wollen...“, heißt es nun vielsagend von Fans, die damals dabei waren.

Die Wega-Männer, die zwischen den bereits am Bahnsteig eingelangten Austria-Fans und den andrängenden Rapid-Anhängern ihre Sperrkette verteidigten, wurden zwar nicht überrannt, waren aber harten Angriffen ausgesetzt. In einem mit 15. Juli datierten „Anlassbericht“ an die Staatsanwaltschaft Wien, die in den nächsten Wochen über eine Monsteranklage wegen Landfriedensbruches entscheiden muss, heißt es: „Im Zuge dieser tumultartigen Angriffe gegen die Exekutive wurden vier Angehörige der Wega sowie zwei Angehörige von Bezirksabteilungen am Körper verletzt. Außerdem kam es zu mehreren Sachbeschädigungen im Bahnhofsbereich mit einem derzeit bekannten Sachschaden in der Gesamthöhe von mindestens 6000 Euro. Geschädigter ist die ÖBB. Im Zuge der gesamten Aktion wurden vier Personen wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt, schwerer Körperverletzung usw. festgenommen.“ Die Zahl der „offensichtlich zum Rapid-Anhang zu zählenden Personen“ wird in dem Bericht mit „171 Beteiligten“ angegeben. Nicht nur am Bahnhof, sondern danach auch im Bereich Mariahilfer Straße kam es zu Scharmützeln zwischen Austrianern, Rapidlern und der Polizei. Letztere hatte mittlerweile gar eine „Oberon-Alarmierung“ (höchste Alarmstufe, Anm.) veranlasst. Und ein Großaufgebot zusammengezogen.

Freilich kann die Anklage – gerade in den schweren Fällen – einzelne Verurteilungen erwirken. So erhielt ein 44-Jähriger, der am 21. Mai dabei war (und damals in U-Haft kam), bereits Mitte Juli ein Jahr Haft, wovon sechs Wochen unbedingt verhängt wurden; den Großteil der Strafe bekam er auf Bewährung. Was aber geschieht nun mit der großen Masse? Wegen Landfriedensbruches (§274 Strafgesetzbuch) wird bestraft, „wer wissentlich an einer Zusammenrottung einer Menschenmenge teilnimmt, die darauf abzielt, dass unter ihrem Einfluss ein Mord, ein Totschlag, eine Körperverletzung oder eine schwere Sachbeschädigung begangen werde“ – und es tatsächlich „zu einer solchen Gewalttat gekommen ist“. Dann drohen bis zu zwei Jahre Gefängnis.

Ob es zum Massenprozess kommt, muss der zuständige Staatsanwalt Thomas Vecsey entscheiden. Noch wartet er auf den polizeilichen Abschlussbericht. Zuerst müsse geklärt werden, „wer hängen bleibt“, sagt die Sprecherin der Staatsanwaltschaft Wien, Michaela Schnell. Sollten es alle sein, müsse sich das Gericht um einen Verhandlungsort kümmern. Sollte der größte Saal des Straflandesgerichts Wien, der Große Schwurgerichtssaal (ca. 150 Plätze), nicht reichen, könnte das Austria Center angemietet werden, wo bereits der Prozess gegen den Finanzdienstleister Amis abgewickelt wurde. Dazu der Wiener Anwalt Werner Tomanek, der etwa 20 Fans vertritt: „Wir warten ab.“ „Alte Garde“-Chef Thomas Kern erklärt rückblickend, er habe nicht gewollt, dass die Fans die Polizei angreifen. Tatsächlich sagt sogar ein Wega-Mann aus, es sei für ihn „deutlich erkennbar“ gewesen, dass Kern versucht habe, auf die Rapid-Fans einzuwirken, „damit gegenüber uns keine Gewalttaten ausgeübt werden sollen.“

Eng werden könnte es nun für den 27-jährigen Chef des Fanklubs „Ultras“. Er steht im Akt des Staatsanwaltes an erster Stelle. Wird er verurteilt, droht ihm auch die Umwandlung einer alten bedingtenHaftstrafe in eine „Unbedingte“. Und wird er eingesperrt, entsteht ein – unberechenbares – Machtvakuum bei den „Ultras“.

Seit der Euro 08 will die Polizei keine Kompromisse mehr eingehen. „Wir fahren eine konsequente Linie gegen Hooligans.“ Und: „Ich sage ein klares Ja zu konsequentem Einschreiten.“ Das lässt Wiens Polizeipräsident Gerhard Pürstl ausrichten.





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