Skiindustrie in der Krise: Schnee von morgen

07.11.2009 | 18:25

Die Diskussion um die erste Hallen-Ski-EM im französischen Amnéville zeigt eines: Die Skiindustrie ist in der Krise. Und die Lösungsansätze sind durchaus unterschiedlich.

Wir hoffen, dass der Versuch den Versuch wert ist“, sagt Peter Schröcksnadel. Die Rede ist von der ersten Ski-EM, die noch dazu in einer Skihalle im französischen Amnéville ausgetragen wurde (Ergebnisse: Seite 27). Schröcksnadel meinte den Versuch, den Skisport näher an die Menschen zu bringen. Amnéville etwa liegt in der Nähe Luxemburgs, fernab „echter“ Berge. Er sagte das allerdings nicht als ÖSV-Präsident, sondern als Vorsitzender der ESF. Die European Ski Federation hatten Österreich, Italien, Frankreich und die Schweiz im Mai gegründet. Deren vorrangiges Anliegen ist die Zukunft der Wintersportindustrie und des Tourismus.


Erstmals einen Hallen-Ski-Event einem breiten Fernsehpublikum näherzubringen sieht Schröcksnadel als erstes Lebenszeichen der ESF – und Skifahren in der Halle als Mittel zum Zweck: „Der Einstieg in den Sport funktioniert nur über die Möglichkeit, ihn auszuüben.“ Diese Ansicht teilt auch FIS-Präsident Gian Franco Kasper, der sich sogar Hallen-Weltcuprennen der Alpinen vorstellen kann – so, wie es die Snowboarder praktizieren. Rennen in Hallen sind auch für ihn ein PR-Vehikel, mehr nicht.

Festung Europa. So viel zu den gemeinsamen Ansätzen von Schröcksnadel und Kasper. Die ESF hat, und das stellt Schröcksnadel nicht in Abrede, eine politische Dimension. Es geht ihr darum, den europäischen Markt zu stärken: die Wintersportindustrie genauso wie den Tourismus. Mehr Veranstaltungen des alpinen Ski-Weltcups in Europa, besonders in der Vorweihnachtszeit, so die Überlegung, sollen den Markt ankurbeln und Werbung für europäische Skigebiete machen.

Eine Argumentation, der der deutsche Skiverband (DSV) nicht folgt. „Der Skisport lebt vom Anspruch, ein internationaler Sport zu sein“, sagt DSV-Marketingchef Stefan Krauß. „Helden kreiert man, indem sie international für Aufsehen sorgen.“ In der ESF, die in München gegründet wurde, kann er keinen Mehrwert erkennen, so wie FIS-Präsident Kasper. Dem Schweizer geht es zwar ebenfalls um das Business rund um den Wintersport– allerdings mit Fokus auf außereuropäische Wachstumsmärkte.

Noch etwas: Das Lobbying der ESF für die europäische Wintersportindustrie scheint nicht zu den ureigensten Aufgaben der Skiverbände zu zählen. Wie wird die Industrie das danken? „Es ist noch nicht diskutiert, was die europäische Wirtschaft zurückgibt“, sagt Schröcksnadel. Jedenfalls wolle man sich als europäische Plattform um Fördergelder aus Brüssel bemühen.


Win Sunday, sell Monday? Schröcksnadels Ansatz, die Wirtschaft gemäß der Devise „Win Sunday, sell Monday“ über den Sport zu stützen, hält Franz Schenner vom „Netzwerk Winter“ für Schnee von gestern. „Der Weltcup verkauft keine Ski.“ Was in der Pionierzeit als Marketinginstrument Nummer eins funktioniert habe, sei überholt. Die Formel „Rennsiege ist gleich Titelseite ist gleich wertvolle Werbung ist gleich mehr Absatz“ sei längst ungültig.

Würde die Rechnung noch immer stimmen, müsste es der Skiindustrie bessergehen, wurde der Rennsport in den vergangenen Jahren doch so intensiv und erfolgreich vermarktet wie noch nie, ist Schenner überzeugt.

Die ESF sei, unterstellt er, nur ein Weg, das System des annähernd unfinanzierbar gewordenen Rennsports weiter am Leben zu erhalten. Strukturelle Änderungen seien nicht zu erwarten. Betrug das Marktvolumen Anfang der 1990er-Jahre weltweit noch zehn Millionen Paar verkaufte Ski jährlich, sind es nun nur noch 3,2 Millionen Paare. In Österreich sind es rund 320.000 Paar, Tendenz weiter sinkend. Und Schenner stellt eine interessante These auf: „Würden sich die Ausrüster aus dem Weltcup zurückziehen, würde das am Verkauf nichts ändern.“

Christian H. Mann von Intersport Austria scheint das zu bestätigen. Entscheidend sei nicht, wie viele Rennen ausgetragen werden, sondern das Wetter. „Nach dem Temperatursturz Anfang Oktober steigerte sich der Monatsumsatz im Vergleich zum Vorjahr um 19 Prozent.“ Und der Oktober 2008 war kein atypischer. Das Plus verdanke sich primär dem Absatz von Textilien. Denn der Umsatz mit Hartware, also Skiern und Boards inklusive Bindung, sei weiter rückläufig und mache vom Volumen her nur noch so viel aus wie Helme und Skibrillen zusammen.


Sorgenkinder. In einem anderen Punkt aber decken sich Schröcksnadels und Schenners Ansichten. Beide sehen, dass dem Wintersport die Jugend abhandenkommt. „Wenn wir wie bisher weitermachen“, sagt Schröcksnadel, selbst Betreiber zahlreicher Skigebiete, „ist der Skisport in Bälde tot.“ Der Durchschnitt der aktiven Skifahrer gehört der Altersgruppe 40 plus an. Zudem sehen sich Tourismus und Handel erstmals einer Jugendgeneration gegenüber, deren Eltern nicht mehr auf Schulskikurs waren und daher wenig Beziehung zum Wintersport haben.

Schenner fordert die Abkehr von traditionellen Ansätzen und beschwört neue Zugänge. Wie jenen, den Paul Zach und Jürgen Kipperer beim „Netzwerk Winter“-Symposion im Oktober formulierten: „Infrastrukturelle Investitionen sind kein Marketing, die Jugend schert sich nicht darum.“ Assets wie Aufstiegshilfen mit Sitzheizung würden junges Publikum bestenfalls kaltlassen. Wenn ein Skigebiet hingegen „cool“ sei, spiele es für die junge Generation keine Rolle, ob Liftanlagen fünf oder 15 Jahre alt seien. Kinder und Jugendliche bringe man nur zum Wintersport, wenn das Image passe.




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