Sinnfrei an der Börse

21.11.2009 | 18:47

Warum der Neueinstieg in Aktien derzeit keinen Sinn ergibt, K+S aber spekulativ trotzdem eine Überlegung wert wäre.

Vorigen Sonntag war an dieser Stelle zu lesen, dass sich an den Börsen kein Mensch mehr um fundamentale Daten schert, sondern alle nur noch versuchen, den letzten Zipfel des Aktienaufschwungs mitzubekommen. Dieser Eindruck hat sich deutlich verstärkt. Und es mehren sich die Zeichen, dass der Markt in jene Phase eintritt, in der nach den Worten des Spekulanten-Altmeisters Kostolany die Aktien „von den festen in die zittrigen Hände“ übergehen.


Mit anderen Worten: Es sieht ganz so aus, als würden Profis und hartgesottene Amateure dabei sein, ihre teils recht schönen Jahresgewinne in die Scheune zu fahren. Und als würden die zu spät gekommenen Anleger dabei sein, den Grundstein für ihre nächsten Verluste zu legen. Ein Spiel, das sich leider alle paar Jahre wiederholt.

Das sehen zunehmend auch die bisher doch sehr positiv gestimmten Analysten so: Im jüngsten Marktausblick von Raiffeisen Research heißt es beispielsweise, die Kurse könnten in den kommenden Wochen durch ein paar positive Nachrichten und die überreichlich vorhandene Liquidität noch ein wenig hoch gehen, danach sei aber eine „ausgeprägte Konsolidierungsphase“ zu erwarten.

Was heißt das nun konkret für Anleger? Auf jeden Fall einmal, dass längerfristig angelegte Neuinvestments in Aktien jetzt keinen Sinn ergeben. Selbst wenn die „Konsolidierungsphase“, wie Analysten erwartete Kursrückgänge euphemistisch nennen, relativ mild ausfallen sollte, wird man die angepeilten Papiere in ein paar Wochen oder Monaten billiger als jetzt bekommen. Der diesjährige Kurszug ist abgefahren. Wer jetzt noch aufspringt, riskiert, unter die Räder zu geraten. Kluge warten auf den nächsten Zug.

Für die diejenigen, die relativ komfortabel schon im Waggon sitzen, gibt es allerdings keinen Anlass, in Panik abzuspringen. Solange der Trend nicht wirklich bricht, kann man die Gewinne ruhig weiterlaufen lassen. Allerdings: Papiere ohne festgezurrten Stopp-Loss sollten sich in keinem Depot mehr finden. Die Stopp-Marken sollten im Gegenteil noch enger gezogen werden. Damit die „Konsolidierung“ dann nicht zu viel von den erzielten Renditen wegknabbert.

Wer Zeit, Lust und Erfahrung hat, kann natürlich die derzeitigen Wellen „ausreiten“ und noch paar Kurzfristspekulationen auf Basis von technischen Indikatoren oder Marktgerüchten versuchen. Es sind ja auch in der vergangenen Woche nicht alle Aktien auf dem Weg nach unten gewesen. Und es hat ein paar Marktgerüchte gegeben, die sich auch in den kommenden Tagen noch als Kurstreiber entpuppen könnten.

Beispielsweise jenes, dass das Investment-Urgestein Warren Buffett plant, im Zuge der anstehenden Kapitalerhöhung substanziell beim im Dax notierenden deutschen Düngemittelkonzern K+S(ISIN DE0007162000) einzusteigen. Die Gerüchte haben die Aktie, die in den vergangenen drei Monaten ziemlich erratisch zwischen 36 und 41 Euro gependelt war, zum Wochenschluss wieder in die Gegend von 40 Euro getrieben. Die Trendlinie zeigt anhaltend nach oben, einige technische Indikatoren (etwa der relativ verlässliche MACD) haben zur Wochenmitte Kaufsignale generiert. Aber mein letztes Hemd würde ich darauf nicht verwetten: Die ganze Sache steht und fällt damit, ob Buffett zuschlägt (dann wird der Kurs wohl markant nach Norden gehen) oder nicht (dann war es eine Fehlspekulation). Denn die Aussichten der Düngemittelbranche gelten als eher unsicher. Und der durchwachsene jüngste Quartalsbericht des kanadischen Weltmarktführers Potash of Saskatchewan hat den Branchenhorizont auch nicht gerade aufgehellt.

Was man jetzt auch (in kleinem Stil, versteht sich) versuchen könnte, ist, die gesteigerte Volatilität durch den Einsatz von sogenannten Straddles zu nutzen (Man spekuliert mit stark gehebelten gegenläufigen Optionen auf steigende und fallende Kurse eines Wertes gleichzeitig und profitiert bei starken Kursschwankungen davon, dass die Gewinner-Option ein nahezu unbegrenztes Gewinnpotenzial hat, während die Verlieroption um maximal 100Prozent sinken kann). Der Charme daran: Der Kurs kann nie in die falsche Richtung gehen, er muss nur stark genug schwanken. Ein Basiswert, der sich dafür anbietet, ist die Aktie von Infineon: Das Chip-Papier hat in den vergangenen Wochen geschwankt wie kaum ein anderes.

josef.urschitz@diepresse.com




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