Libyens Bauboom: Die Wüste bebt

06.11.2009 | 18:12

Der Ex-Schurkenstaat will sich zum Dubai des Mittelmeers mausern. Doch Unternehmen wie Asamer und Strabag brauchen Nerven aus Stahl, um sich in Gadhafis Reich zu behaupten.

Tripolis/Bengasi. Mit lässigem Gehabe und sportlichem Tempo steuert Maruan seinen Mittelklassewagen durch den anarchischen Verkehr von Bengasi. Es macht ihm Spaß, seine Stadt zu zeigen, die er oft selbst kaum wiedererkennt. Im Jahr 2004, als UNO und EU ihre Sanktionen aufhoben und sich Libyen aus der Isolation befreite, war die Regierung voll unausgereifter Pläne für eine rasche Öffnung und Modernisierung.


Heute könnte die Planierraupe das neue Wappentier der islamisch-sozialistischen Volksrepublik sein. Ramponierte Stadtviertel in Tripolis und Bengasi werden abgerissen und weichen Hochhäusern, Einkaufszentren und gigantomanischen Wohnbauprojekten. Treiber des Wandels sind die von Revolutionsführer Gadhafi eingesetzten Staatsfonds.

Sie verwalten knapp 100 Mrd. Dollar aus dem Ölgeschäft. Das schwarze Gold machte Libyen zum reichsten Land Afrikas, das mit einem BIP pro Kopf von 17.600 Dollar nur mehr knapp hinter Saudi-Arabien liegt. Stolz deutet Maruan auf die Läden in der „Dubai Street“. Gucci, Armani, Max Mara – eine Nobelboutique neben der anderen. Auf den Straßen sieht man fast nur junge Männer.

 

Ölreichtum als Fluch

Sie rauchen Wasserpfeife, fahren spazieren – der Sprit kostet fast nichts – und haben offensichtlich wenig anderes zu tun. 20 Prozent der Libyer sind arbeitslos, und doch lächeln, ja grinsen die meisten. Der Staat sorgt für alles, vom Kindergarten bis zur Krankenversorgung. Auch wer einen Job hat, kommt selbst bei Wüstenwind kaum ins Schwitzen.

Im Zuge der endlosen Zollformalitäten stempelt ein Beamter Pässe, zehn Kollegen schauen zu. Die anerzogene Trägheit, genährt von fossilem Reichtum und einem kommunistischen Planlosigkeits- und Wohlfahrtsstaat, könnte sich noch als Fluch erweisen – in 30, 50 oder 70 Jahren, wenn die Ölquellen versiegen. Auch Maruan gibt offen zu, dass er seinen Job nicht seinem Studium, sondern guten Beziehungen seiner Eltern verdankt.

Er arbeitet bei der „Libyschen Zementfirma“, einem früheren Staatsbetrieb mit drei Werken, an dem die oberösterreichische Asamer-Gruppe vor zwei Jahren eine knappe Mehrheit der Anteile erwarb. Ihr Musspartner ist ein Staatsfonds, mit einem Kaufpreis von 110 Mio. Euro war es die erste große Privatisierung. Hinter der wagemutigen Expansion der Familie Asamer stehen freilich Exportgarantien der Kontrollbank – ohne diese wäre die Investition wahrlich auf Wüstensand gebaut.

Abenteuer in Karl-May-Manier erlebten die Zementmischer mit der starken Gewerkschaft. Im Juni 2008 versperrte sie den Exilmanagern kurzerhand das Tor zur eigenen Firma. Einen Monat lang wurde geduldig verhandelt, dann Frieden geschlossen. Vorerst – denn bald endet die Beschäftigungsgarantie, und Kurt Asamer macht sich über die Produktivität keine Illusion: „Wir haben 2400 Mitarbeiter und müssten mit 900 auskommen.“

Im neuen Betonwerk in Tripolis machen sich Einheimische erst gar nicht die Hände schmutzig. Leiharbeiter von den Philippinen mischen den Beton, als Fahrer aber müssen Libyer eingesetzt werden. „Am ersten Tag lieferten sie eine einzige Ladung ab und fuhren nach Hause“, erinnert sich Geschäftsführer Bernhard Spreitzhofer. Der Lohn der Mühe: Vor Kurzem erhielt Asamer den größten Einzelauftrag der 50-jährigen Firmengeschichte, Beton für 10.000 Wohnungen bei Tripolis.

 

Leitl: „Libyen Teil Europas“

Doch ein Auftrag bedeutet noch kein sicheres Geschäft. Diese bitterere Erfahrung musste gleich nebenan die Strabag machen. Um 420 Mio. Euro soll sie einen chaotisch gewachsenen Stadtteil mit Straßen, Beleuchtung und Kanälen versorgen. Unterschrieben wurde vor zwei Jahren, die Arbeiten starten konnte die Truppe bis heute nicht. Der Behörde fiel ein, dass sie einen Teil schon an eine lokale Firma vergeben hatte, forderte neue Auflagen und hat bis heute erst die Fläche für zwei Straßenzüge übergeben.

Die fehlende Rechtssicherheit war auch Thema der 70-köpfigen Wirtschaftsdelegation, die in dieser Woche die Chancen im Wüstenstaat auslotete. Angeführt wurde sie von Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Leitl – Regierungsmitglieder haben wohl Hemmungen, den eben noch Geächteten die Hände zu reichen.

Dabei ist Österreich seit Kreiskys Zeiten hoch angesehen. So konnte sich Leitl über eine libysche Problemlösung freuen: Ein neues Gesetz, das Investoren heimische Vorstände aufzwingt, soll bei Österreichs Firmen nicht angewendet werden, versprach Libyens Wirtschaftsminister. In der Euphorie sprach Leitl von Libyen als „Teil Europas“ und verlegte die Grenze des Kontinents in die Sahara – Oberst Gadhafi wird's freuen.





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