Ein Unternehmen, in dem die Post abgeht
Georg Pölzl ist erst seit wenigen Wochen neuer Post-Chef, hat aber schon wertvolle Erfahrungen sammeln dürfen. Erstens: In Staatsbetrieben geht's recht behäbig zu. Zweitens: Intrigen feiern fröhliche Urständ'.
Das Hotel Steigenberger in Krems spielt alle Stückln. Auf der Homepage werden die „zauberhafte Landschaft“ sowie der „First-Class-Komfort im Landhausstil“ angepriesen, die hauseigene Wellnessoase ermögliche Tagungen „in entspannter Atmosphäre“.
Georg Pölzl, seit 1. Oktober neuer Post-Generaldirektor, hat am vergangenen Montag und Dienstag 30 Führungskräfte des Konzerns ins Steigenberger geladen. Schwer zu sagen, ob's auch am Hotel lag oder am Pangasiusfilet, das am Abend serviert wurde – jedenfalls sind die Anwesenden durchaus guter Dinge wieder heimgefahren: Pölzl habe sehr motivierend gesprochen, heißt es. Er habe die Devise ausgegeben, dass der Kunde im Mittelpunkt stehen müsse. Und dass alle an einem Strang ziehen sollten.
Sein Wort in Gottes Ohren. Denn gerade das mit dem An-einem-Strang-Ziehen ist in der Post AG offenbar keine leichte Übung. Der frühere T-Mobile-Manager Pölzl darf nach nicht einmal zwei Monaten im neuen Job jedenfalls die Erfahrung machen: Einen teilstaatlichen Konzern zu führen ist ein ziemlicher Kulturschock für einen Manager, der aus der Privatwirtschaft kommt. Nicht nur, weil SPÖ-Infrastrukturministerin Doris Bures beim Thema Postämter-Schließungen ein gewichtiges Wörtchen mitzureden hat. Sondern vor allem wegen der Mühsal, die interne Streitigkeiten verursachen.
Dass im Post-Vorstand kein besonders ausgeprägter Teamgeist herrscht, war Pölzl wohl von Anfang an klar. Das war erstens ein offenes Geheimnis und ist zweitens nur logisch: Pölzls Vorgänger Anton Wais hatte die Dinge einfach zu sehr schleifen lassen. Aber mittlerweile muss Pölzl erkennen, dass sich auch schlimmste Vorahnungen von der Realität überbieten lassen.
Das Erbe des langjährigen Post-Chefs ist tatsächlich keine Augenweide. Abgesehen von der wenig erbaulichen wirtschaftlichen Situation des Unternehmens hat Wais auch die Saat für persönliche Zwistigkeiten gesät. Jedenfalls hat Wais als Post-Chef Zug um Zug Kompetenzen an andere Vorstandskollegen abgegeben. Einerseits wohl, weil er gesundheitlich angeschlagen war. Andererseits aber auch, weil er sich nie als besonders entscheidungsfreudige Führungspersönlichkeit hervorgetan hat.
Das Ergebnis ist eine Geschäftsordnung, die ihresgleichen sucht: Dem „Generaldirektor“ sind jedenfalls Kompetenzen abhanden gekommen, die sonst für so eine Position üblich sind. Zuletzt hatte der Konzern im vergangenen Jahr Berater im Haus, die neue, klare und zeitgemäße Strukturen urgierten. So fehlt der Post AG etwa ein Beteiligungsmanagement. Die zahlreichen Tochtergesellschaften, die unter Wais fleißig akquiriert wurden und sich operativ zum Teil als einigermaßen problematisch erweisen, sind verschiedenen Vorständen zugeteilt: Carl-Gerold Mende ist für die Beteiligungen im Ausland verantwortlich, Walter Hitziger für jene im Inland.
Doch der fünfköpfige Vorstand zeigte sich in der Vergangenheit eher unkooperativ, was die Empfehlungen der Berater betrifft. Persönliche Eitelkeiten und Machtgelüste überwogen offenbar. Und so ist es bis heute geblieben: Abgesehen von Filialnetz-Vorstand Herbert Götz beißt Pölzl bei den anderen Kollegen auf Granit.
Im Post-Aufsichtsrat ist man darob auch schon ein wenig unrund: Angesichts der Post-Liberalisierung 2011 seien klare Strukturen im Unternehmen notwendig, „mit den jetzigen ist kein Blumentopf zu gewinnen“, heißt es dort. ÖIAG-Chef Peter Michaelis, der dem Kontrollgremium vorsitzt, werde endlich durchgreifen müssen – was letztlich aber ein Politikum ist: Schließlich sind alle Post-Vorstände dank politischen Rückhalts ins Unternehmen gekommen.
Pölzl ist da eine Ausnahme, politisch ist er nicht verankert. Dementsprechend schwierig gestaltet sich sein Berufsalltag mit den Vorstandskollegen – insbesondere mit dem in der ÖVP bestens vernetzten Rudolf Jettmar. Der ist Post-Finanzvorstand und Pölzls Stellvertreter – und scheint Pölzl nicht sonderlich wohlgesinnt zu sein. Was angesichts der Macht, die sich Jettmar geschickt über die Jahre zu eigen gemacht hat, eher problematisch ist.
Jettmar hat das Führungsvakuum unter Wais geschickt genützt, um sich neben „Finanzen und Rechnungswesen“ auch die Bereiche „Recht“, „Einkauf“, „Informationstechnologie“ und „Personaladministration“ in sein Revier zu holen. Das ist natürlich jede Menge an Kompetenzen – und viele davon sind üblicherweise dem Generaldirektor zugedacht. Vor allem aber die Zuständigkeit des Finanzvorstandes für die „Personaladministration“ wurde von Beratern stets kritisiert: So obliegt dem Post-Generaldirektor zwar das „Personalmanagement“, also das Recruiting, das letzte Wort hat dann aber immer Jettmar.
Als Anton Wais Anfang des Jahres seinen Rückzug als Post-Chef bekanntgab, hat sich Rudolf Jettmar lange Zeit Hoffnungen auf den Job gemacht. Es wurde dann doch Pölzl. Konzernmitarbeitern soll Jettmar daraufhin wiederholt gesagt haben: „Mir ist egal, wer unter mir Generaldirektor wird.“ Das Interregnum hat er jedenfalls geschickt genützt, um den „Neuen“ vor vollendete Tatsachen zu stellen: Er löste die Stabstellen auf und verabschiedete 25 Mitarbeiter.
Als Pölzl Anfang Oktober in den Konzern kam, weilte Jettmar auf Urlaub. Möglicherweise ist das auch der Grund dafür, dass die vier Vertrauten, die Pölzl mit in den Konzern brachte, wochenlang auf PC, Handy, Visitenkarten und Türschild warten mussten.
Und dann gab es noch ein Geschenk der besonderen Art für den neuen Post-Chef: Jettmar verabschiedete den bisherigen Personalchef und installierte einen neuen, Andreas Grüneis – einen Gewerkschafter. Im Haus wurde kurze Zeit später ein Schreiben der Gewerkschaft herumgereicht. Der Inhalt: jubelnde Gratulationen. Erstmals habe es ein Gewerkschafter geschafft, Personalchef zu werden. Noch dazu in einer so heiklen Phase, in der versucht werde, den Personalstand zu reduzieren.
Jettmar stand übrigens für ein Gespräch mit der „Presse“ nicht zur Verfügung. Und Pölzl lässt zur Frage Vorstandskompetenzen über seine Sprecherin bloß ausrichten, dass „der Fokus des Vorstandes nicht auf organisatorischen Fragen liegt, sondern auf der gemeinsamen Strategiearbeit für das Unternehmen“. Dazu wird er wohl noch Verbündete brauchen.
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