Die beiden Holländer Viktor & Rolf stellen seit Jahren die Modewelt auf den Kopf. Und das im wahrsten Sinne des Wortes: Sie präsentierten Modeschauen rückwärts und lassen im Mailänder Shop die Sessel von der Decke baumeln. Sie verlagerten die Show ins Web oder thematisierten sie, indem Models ihre Scheinwerfer selber tragen mussten. Und sie gingen sogar in Streik. Zumindest geschäftsschädigende Radikalakte wie diese sind seit dem Einstieg von Renzo Rossos Diesel-Imperium nicht mehr zu befürchten. Provokationen schon: Zuletzt sorgten sie mit einer halbfertigen Kollektion für Aufruhr – als Protest gegen die Geschwindigkeit im Modebusiness prangte überall das Wort „NO“. Wenn das Duo nun sein neues Parfum Eau Mega auf den Markt bringt, dürfen die Erwartungen getrost höher gesteckt werden.
Wie wichtig ist heute ein Parfum, um eine Modemarke bekannter zu machen?
Ein Parfum ist der direkteste Weg, Leute in dein Universum einzuladen. Durch das Parfum werden die Leute Teil unserer Geschichte, sie können träumen. In der Mode ist es schwieriger, die Leute träumen zu lassen. Ein Kleid am Ständer in einem Shop ist weit weg von der Emotion einer Laufstegshow. Deshalb lieben wir die Kraft und Verlockung von Düften.
Mit NO sagten Sie Nein zum Tempo in der Modewelt. Welchen Rhythmus würden Sie vorschlagen?
Die NO-Kollektion war ein saisonales Nein, in der wir unseren Frust über die Geschwindigkeit und den Druck des Systems in einer Show ausdrücken wollten. Unsere Kreativität ist die einzige, aber dafür eine starke Waffe, mit der wir unsere Gefühle in etwas Schönes verwandeln. Erst war dieses Nein da. Nach dieser Show waren wir aber wieder voller Energie und gaben Vollgas.
Und das Tempo in der Beauty-Industrie? Jede Marke bringt mehr und mehr Parfums heraus, und von jedem Parfum gibt es mehr und mehr saisonale limitierte Editionen.
Ja, die Übersättigung hier ist eine Herausforderung. Deswegen versuchen wir, Parfums zu kreieren, die eine Geschichte erzählen, wie unsere Mode.
Aber Sie hinterfragen das System Beauty nicht wie das System Mode. Die Installation mit Parfumflakons, die sich nicht öffnen ließen, ist auch schon lange her...
Das „Fake Perfume Project“ fand 1996 statt. Zu dieser Zeit waren wir noch nicht wirklich bekannt, und die 250 gefälschten Parfumflaschen waren ein ironisches Statement. Auf der anderen Seite wollten wir natürlich schon in das Beauty-Business rein.
Man sagt, Sie seien Kontrollfreaks. Haben die Parfumeure Olivier Polge und Carlos Benaim gleich Ihre Wunschversion von Eau Mega geliefert? Oder gab es Diskussionen?
Wir starten immer mit dem Namen und geben den Parfumeuren dann viel Freiheit. Unser Input ist abstrakt. Wir wollten einen Duft, der sehr frisch, aber nicht sportlich oder natürlich ist, dafür glamourös und feminin. Wir fühlten, dass das ein Widerspruch ist und für Parfumeure eine nette Herausforderung darstellt. Die beiden wissen ja, dass wir komplexe Düfte mögen, und haben auf Anhieb gute Vorschläge gemacht.
Welche Frau ist für Sie mega?
Jede Frau kann sich von ihrer besten Seite zeigen. Wir lieben die Idee dieser Selbstrealisierung. Wenn man das ganze Potenzial ausschöpft. Man muss keinesfalls berühmt sein, um mega zu sein. Jeder hat spezielle Talente und kann mega werden.
Sie meinen also, Frauen können sich mit einem Parfum zur Heldin machen?
Ein Parfum ist eine sehr emotionale Waffe, die dich energiegeladen, sexy oder einfach nur selbstzufrieden fühlen lässt. Wir hoffen, dass sich Frauen mit dem Duft eine Art moralischen Booster aufsprühen, mit dem der Tag megamäßig anfängt. Es ist ein zielstrebiger Duft.
Wie definieren Sie Luxus für sich?
Für uns bedeutet es etwas, das exklusiv und original ist. Es kann, muss aber nicht unbedingt teuer sein. Öfters reicht es schon, etwas Schönes nur anzuschauen. Man muss nicht immer alles besitzen. Freizeit ist in der heutigen Zeit für uns etwas Luxuriöses.
Wie wichtig ist Ironie in Ihrer Mode und in Ihren Düften?
Wir versuchen, Geschichten zu erzählen, und wundern uns selbst oft, warum das die Leute provoziert. Wir wollen eigentlich nicht per se schockieren oder provozieren. Nur kommunizieren.
Hatten Sie jemals Angst, dass Ihnen die Ideen ausgehen?
Nein, das ist ausnahmsweise eine Angst, die wir niemals hatten. Aber wie wir mit der NO-Kollektion gezeigt haben, brauchen gute Ideen einfach ihre Zeit. Und wenn man sein Werk mit Inhalt füllen will, braucht es oft einen gewissen Moment des Zen.
Viktor & Rolf: Megamäßig
01.10.2009 | 21:19 | von Petra Percher (Die Presse - Schaufenster)
Eigentlich wolle es weder schockieren noch provozieren, behauptet das Designerduo Viktor & Rolf. Das mag vielleicht für den neuen Duft stimmen, für die Mode aber hoffentlich nicht.


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